Kultur : Bye bye, Melodie

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Beim Jazz, so steht es in den Nachschlagewerken, komme der Rhythmus aus Afrika, und Instrumente, Harmonien, Melodien stammten aus Europa. Das leuchtet ein. Es darf nur nicht einer wie Don Byron auf der Bühne stehen. Byron, einer der ganz wenigen hauptberuflichen Jazz-Klarinettisten, hat in den letzten Jahren zu beinahe jedem Musikstil ein Projekt ins Leben gerufen. Erst war es Hip Hop, dann Klezmer, zuletzt machte er sich an Arien zu schaffen. Im Berliner Quasimodo heißt es „Music for Six Musicians“, nun ist Lateirika an der Reihe.

Einige feine Spezialisten hat sich der New Yorker geholt. Edsel Gomez, den Pianisten, der die stereotypen Klavier-Ostinati des Latin Jazz aufruft, um sie dann zu zerreißen. Milton Cardona, den Congaspieler, der seine Figuren so lange durchhält, bis er ganz eingelullt scheint, bis er plötzlich zuschnappt wie ein Krokodil. Schlagzeuger Ben Wittman verdichtet Cardonas Rhythmen ins Undurchschaubare, der Bassist Leo Traversa lässt seinen E-Bass puckern, als sei’s eine Bassdrum. Allein das wäre schon angenehm intellektualisierter Cuban Jazz, der Buena-Vista-Fans ratlos macht. Doch erst durch Don Byron und den Trompeter James Zollar wird die Tragweite des Projekts deutlich. Denn in Stücken wie „Belmondos Lip“ verhalten sich auch beide Bläser wie Mitglieder der Rhythmusgruppe. Aus kurzen Motiven, oft sind es nicht mehr als drei Töne, konstruieren sie verschleppte Kontrapunkte. Die Tonhöhe verliert so ihren Selbstzweck, sie dient der Kolorierung des Rhythmus. Von wegen: Die Melodien stammen aus Europa. Melody is over, bye bye. Johannes Völz

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