Kultur : Bye, bye, Schmerzensfrau

Sanftmutig: „The Beekeeper“, das neue Album der Popsängerin Tori Amos

Nadine Lange

Erweckung ist das Wort dieses windigen Wintertages. In verschiedenen Verkleidungen schleicht es sich immer wieder ins Gespräch. Das erste Mal finden wir es im Garten Eden, wo Eva vom Baum der Erkenntnis isst. „Sie musste das tun“, sagt Tori Amos mit fester Stimme. Sündenfall? Daran glaubt die Tochter eines amerikanischen Methodistenpredigers nicht. Sie hat ihre eigene Auslegung der biblischen Ur-Szene: Eva brachte „Sinsuality“ in die Welt. Das Kunstwort aus „Sin“ (Sünde) und „Sensuality“ (Sinnlichkeit) drückt aus, dass die Menschen nur durch ihre Sinne zu bewussten Wesen wurden.

„Original Sinsuality“ ist ein zentraler Song auf Tori Amos achtem Studioalbum „The Beekeeper“ (Sony/Epic): Er symbolisiert den ersten von sechs musikalischen Gärten, in die die 19 Stücke der Platte gruppiert sind. Jeweils drei Songs stammen aus dem Kräutergarten, dem Wüstengarten, dem Steingarten und dem Rosengarten, vier wurzeln im Gewächshaus. Es ist ein wild wucherndes und bizarr blühendes System, das die 41-jährige Musikerin mit konzentriertem, fast hypnotischem Blick erklärt. Und als sie dabei über ihre weit verzweigten Inspirationen spricht, kommt sie zur nächsten Erweckungserfahrung: Neben ihrem geliebtem Bösendorfer-Klavier spielt Amos auf dem neuen Album auch viel Hammond-Orgel. Teilweise gleichzeitig, was zu lustigen Verrenkungen führte. „Man wird zu einem Octopus oder eher Octopussy,“ sagt sie und springt auf, um lachend zu demonstrieren wie sie bei den Aufnahmen zwischen den Instrumenten umherwirbelte. „Es hat mir Spaß gemacht, die Beziehung der beiden zu beobachten“, erzählt Amos, die die Orgel als männlichen und das Klavier als weiblichen Charakter sieht. Eindeutig dominant in dieser Affäre ist immer noch das Klavier – das Instrument, auf dem sie seit ihrem zweiten Lebensjahr spielt. Wenn die Orgel einmal nach vorne darf, bringt sie eine neue Farbe in den ToriAmos-Sound: schwarz.

„Die Hammond hat den Soul in mir geweckt“, sagt die zierliche Frau mit den langen roten Locken. Plötzlich wurden Erinnerungen an Marvin Gaye und Stevie Wonder wach, die sie in ihrer Jugend gehört hatte. Und tatsächlich klingt Tori Amos in Songs wie „Witness“ oder „Sweet the Sting“ fast wie eine schwarze Sängerin – eine Feststellung, für die sie sich mit einem breiten Grinsen bedankt.

Neu auf „The Beekeeper“ ist auch, dass völlig auf Streicher verzichtet wurde. Produktion und Instrumentierung bleiben sparsam. Neben Bass und Schlagzeug, die wieder von Amos langjährigen Mitmusikern Jon Evans und Matt Chamberlain gespielt wurden, gibt es nur noch einige Gitarrenspuren. Dafür sind die Gesangsstimmen besonders vielschichtig arrangiert: fast immer zweistimmig mitunter mit einem zusätzlichen männlichen Sänger und bei den souligen Stücken sogar mit Background-Chor. An Kate Bush, mit der Tori Amos häufig verglichen wurde, erinnert jedenfalls kaum noch etwas.

Geblieben ist die Moll verliebte Melancholie. So kann man „The Beekeeper“ sofort als ein Tori-Amos-Werk identifizieren, wenn sie etwa in „The Power of orange Knickers“ immer wieder fragt: „Am I alone in this kiss?“. Oder wenn sie sich in „Toast“ mit einem tieftraurigen „to let you go“ zu einem Abschied zwingt. Doch Verzweiflung und Trauer sind nicht mehr so ausweglos wie noch auf ihren frühen Alben. Galt Tori Amos seit ihrem beeindruckenden Solodebüt „Little Earthquakes“ (1992) stets als die große Schmerzensfrau des Pop, entwickelt sie sich seit einigen Jahren immer mehr in Richtung sanftmütige Welterklärerin. Ihre Dämonen sind offenbar stiller geworden, seit sie vor sieben Jahren ihren englischen Tontechniker Mark Hawley geheiratet hat und mit ihm nach Cornwall gezogen ist. Auch ihre vierjährige Tochter Natashya trägt hörbar zum Glück der Musikerin bei. Tauchte die Kleine schon in den Credits des großartigen „Scarlett´s Walk“ (2002) als „Entertainment Coordinator“ auf, gibt es jetzt einen ganzen Mutter-Kind-Song: „Ribbons undone“ ist ein zärtliches Aquarell, auf dem ein kleines Mädchen mit Lavendel in den Armen herumtobt. „Mutter zu sein, hat eine schlafende Seite in mir geweckt“, sagt Tori Amos. „Ich habe dadurch viel darüber nachgedacht, in welchem Zustand wir diese Welt an unsere Kinder übergeben.“ Ihre Hoffnung sind die Mütter: „Sie müssen aufwachen und sagen: ,Ich schicke mein Kind nicht in diesen Krieg’.“ Der Song, mit dem sie das schaffen könnte, heißt „Mother Revolution“. Darin ist von nachtschwarzen Alpträumen die Rede. Doch womit der Mann, der sie auslöst, nicht rechnet, ist die „Mother of a Mother Revolution“.

Das ruhige Lied wird niemand auf die Barrikaden treiben, aber vielleicht kann es doch einen leisen Zweifel wecken. Das würde Tori Amos schon reichen.

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