Kultur : Café Bagdad

Die Menschen leben in Chaos und Todesangst. Aber sie haben die Freiheit zu reden – und nutzen sie.

Susanne Fischer

In den Nachrichten nennen sie meist nur die Zahlen. 20 Tote bei Bombenanschlag vor Polizeiakademie. 47 Tote bei Angriff auf Westbagdad. Fünf Tote bei Selbstmordanschlag auf ein Restaurant. Dazu Bilder, die dem unbeteiligten Betrachter immer gleich erscheinen müssen: verglühte Autowracks, rennende Helfer, blutende Menschen, zersprengte Fassaden.

In Bagdad zu leben heißt, in Rufnähe des Grauens zu wohnen. Wir haben es sieben Monate lang getan, fünf Millionen Bagdadis tun es, aber es ist ein Dasein zwischen Moderne und Barbarei, Internet-Cafés und Stammesfehden, Briefmarkensammlern und Selbstmordattentätern. „Ruman“, Granatapfel, steht ebenso für entspannte Nachmittage in den Saftbars der Stadt, wo der frisch gepresste Granatapfelsaft in Bierhumpen ausgeschenkt wird, als auch für eine Handgranate. Eine, wie sie der sunnitische Gotteskrieger aus der Tasche zog, als er in unser Auto stieg. „Falls ihr Verräter seid, werden wir alle sterben“, warnte er, bevor er auf der Fahrt eine halbe Stunde vom Kampf erzählte.

Doch inmitten des Grauens gibt es auch immer noch das Schöne, und manchmal haben wir es gespürt, das alte, das heitere Bagdad: bei unseren nachmittäglichen Bootsausflügen auf dem Tigris, an langen Abenden in alten Häusern bei Freunden, als mangels Strom nur Kerzen auf den Tischen standen.

Bagdads Stadtzentrum ist eher ein Slum und nach Einbruch der Dunkelheit lebensgefährlich. Das Leben in dieser zerfließenden, zerfaserten Stadt findet entlang des mäandernden Tigris statt, wo es immer noch Palmen, Zitronenbäume, Gärten zwischen den Häusern gibt. Es stehen dort keine Hochhäuser, die jünger wären als 20 Jahre. Fast nichts hat sich mehr verändert, seit Anfang der 80er Jahre der Iran-Krieg die Zeit anhielt. In den Hotels und Clubs stehen noch die Cocktailsessel aus den 60er Jahren, hängen grellorangefarbene Lampen von den Decken, die in den Siebzigern schick waren. Wenn Samir, der melancholische Pianist, oder Hasan, der nach 30 Jahren aus dem Exil zurückgekehrte Kommunist, vom alten Bagdad schwärmen, dann geht es nicht um die Sumerer, die Erfindung des Rades und der feinstufig organisierten Bewässerungssysteme vorchristlicher Jahrtausende. Was sie mit leuchtenden Augen und einem schmerzhaften Zug um die Mundwinkel erzählen , klingt nach verwehten Jahrhunderten – ist aber erst 30, 40 Jahre her.

Sie berichten von revolutionären kommunistischen Reden in den Uferbars der Abu Nawas, Bagdads längst verwaister Corniche am Tigris, wo noch bis in die 70er Jahre Kneipen, Restaurants und Cafés jeden Uferstreifen belegten. Wo in den warmen Nächten draußen Bier getrunken wurde zum Masgouf, dem halb geräucherten, halb gegrillten Karpfen. Sie erzählen von den Clubs und Music Halls, vom Tanz in Smoking und schwingenden Röcken, bis zum Morgengrauen am Wochenende, wenn die Muezzins zum ersten Gebet riefen und die letzten Nachtschwärmer noch auf einen Absacker in Hadschi Zibalis Rosinensaftbar in der Raschid-Straße vorbeikamen. Selbst von Versicherungen können sie schwärmen, von Gerichtsverfahren, von strengen Prüfungen an der Universität, kurzum: von all den Ankern zivilisatorischer Verlässlichkeit, die einer nach dem anderen verschwanden im Mahlstrom der Diktatur.

Nun ist die Diktatur selbst verschwunden, und was an ihre Stelle treten wird, lässt sich angesichts von Terror und Chaos schwer voraussagen. In eine Musterdemokratie, die auf die gesamte Region ausstrahlt, hat Bushs Krieg das Land nicht verwandelt. Der eigentliche Krieg hat erst nach dem Krieg begonnen: als ein zäher, endloser Albtraum ohne klare Fronten, ohne Aussicht auf Sieg.

Die Jahre des Schweigens aber sind vorüber. Eines wenigstens ist Bagdad wieder seit dem Ende der Diktatur: eine Stadt der Geschichten. Nicht nur der erfundenen, wie sie die Gespielin Scheherazade in Tausendundeiner Nacht ihrem Kalifen erzählte, um ihr Leben zu retten. Sondern der echten. Der Sehnsuchtsgeschichten aus den goldenen Siebzigern. Der aktuellen Lageberichte aus diesem Zwischenreich des Absurden. Und jener Passagen aus dem Grauen der Vergangenheit, die nun endlich erzählt werden können. Verschwiegene Jahrzehnte treten zu Tage, Schicksale, Liebschaften, all das, was begraben lag. Unser Freund Bassam erzählt von der Rettung seines Vaters, weil ein Onkel eine Affäre mit Saddams Cousine hatte. Ein alter General erzählt, wie es war, in den Folterzellen der Geheimdienstzentrale zu verschwinden, wo der schnelle Tod eine Gnade war, selbst seine Söhne hören es zum ersten Mal.

Früher ließ die Furcht alle Iraker hinter einer Mauer des Schweigens verstummen. Bis auf einen. Jedenfalls war da nur einer, der uns Ausländern gegenüber zu sprechen wagte von der Grausamkeit des Regimes, von seiner ohnmächtigen Wut, seiner Verzweiflung, seiner Angst. Ein bemerkenswerter Mann, der sein Leben riskierte, weil er nicht immer lügen wollte. Ein Übersetzer Saddams.

Als mein Freund Christoph ihm 1996 das erste Mal begegnete, spielte Muthanna zunächst ein Spiel mit ihm. Es war ein Spiel, das Iraker verstehen. Deswegen gab Muthanna stets Acht darauf, wer in der Nähe war. Über Wochen sah Christoph ihn immer wieder, an der Universität, im Ministerium, im Raschid-Hotels, lauter unverdächtige Plätze. Sie sprachen über Belanglosigkeiten, drehten die weitestmöglichen Kreise ums Eigentliche: Wo stehst du? Ein Halbsatz hier, eine Pause dort, eine winzige Anspielung, ein abrupter Themenwechsel. Und abwarten. Wie reagiert der andere? Wer Muthanna in der ersten Viertelstunde nach seiner Meinung zu Saddam Hussein fragte, hatte schon verloren.

Muthanna Abdel-Sattar, Beamter im irakischen Informationsministerium, Dokumentationsabteilung „Mutter aller Schlachten“, Übersetzer der Reden des hochverehrten Herrn Präsidenten ins Deutsche, sagte nicht viel. Die üblichen Leerformeln über das Embargo, die verbrecherischen Amerikaner. So wie die anderen. Aber die meisten Iraker gaben gegenüber Fremden nichts preis, nicht einmal Blicke. Sondern schauten reglos, oft müde, an einem vorbei ins Leere, zu Boden. Als sei etwas erloschen in ihnen. In den Augen dieses hinkenden, seit seiner Kinderlähmung mit einer Krücke bewehrten Mannes aber stand das lautlose Angebot zu sprechen.

Also redeten sie. Über Bücher. Er übersetze ja viel, sagte Muthanna eines Nachmittags. Und zählte auf, was er alles so ins Arabische oder Deutsche übertrage: alle Reden des hochverehrten Herrn Präsidenten – Pause –, ein bisschen deutsche Klassik. Und ja, gerade bearbeite er „Archipel Gulag“. „Das erinnert mich an so vieles hier.“ Das war’s.

Danach ging Muthanna bei jedem Treffen ein paar Schritte weiter, wagte Fragen, immer darauf bedacht, genug Abstand zu haben zu jedem, der sie verstehen konnte. Einmal redete er den Taxifahrer auf Deutsch an, der ihn erschreckt ansah. „Gut, dann können wir sprechen.“ Es war ein Spiel auf Leben und Tod. Saddam Hussein hatte die Spielregeln aufgestellt. Eine Bemerkung, ein Fluch, ein Satz – waren sie einmal zu den allgegenwärtigen Spitzeln gelangt, dann konnten sie auf ihrem weiteren Weg durch die Maschinerie des Apparats zu Verhaftung, Folter, zum vollständigen Verschwinden dessen führen, der den Satz gesagt hatte. Es vergingen drei Wochen der zufälligen und geplanten Begegnungen, der Andeutungen, die immer noch wieder einzuholen gewesen wären. Bis Muthanna aussprach, was nicht nur er dachte, sondern, so beschwor er, alle seine Freunde. Und fast alle seine Verwandten. Nur, dass niemand dies einem Ausländer gegenüber äußern würde. „Wir hassen Saddam. Wir hassen diese ganze Welt aus Furcht, Lüge, Tod, die er um uns errichtet hat. Aber jeder hat Angst, solche Angst.“

Als Christoph ihn nach dem Sturz Saddams in Bagdad wiedertrifft, sitzt Muthanna reglos auf einem weißen Campingstuhl in seinem Haus. Müde ist er, vor allem müde.

Muthanna, warum bist du nicht längst als Übersetzer unterwegs, hast Kontakt zur Botschaft aufgenommen, irgendetwas, wo doch nun alles möglich ist?

„Ich kann nicht“, ist seine Antwort. Er, der die Lähmung seiner Kindheit endlich überwunden hat und ohne Stock laufen kann, sitzt nun da wie paralysiert. Muthanna Abdel Satter, der 30 Jahre lang darauf gewartet hat, endlich losgehen, schreiben, übersetzen zu können, was er will, sagen zu können, was er will, wird vom Moment seines größten Triumphs in den Campingstuhl gedrückt. Alles, wogegen er war, diese Macht, die ihn wie eine Fliege hätte zerquetschen können, hat sich einfach aufgelöst. Wut und Verzweiflung haben ihren Widerpart verloren, und für den Moment scheint es, als hätte Muthanna sich dabei selbst verloren. Die Gefängnistür steht offen, doch es zieht.

Das kleine Schischa-Café an der Arasat-Straße in unserem Viertel ist jetzt, wo alle sich trauen zu reden, einer der besten Orte, Geschichten einzufangen: ein schmaler, holzgetäfelter Raum, dessen Bänke mit grob gewebten Teppichen und bunten Kissen gepolstert sind. „Café Bagdad“ haben wir es getauft. Die Wasserpfeifen werden in der Küche hinter dem Gastraum gestopft, die Kohle wird vorgeglüht. Gleich neben dem Eingang ist ein Fernseher montiert, in dem in einer Endlosschleife arabische Pop-Videos flimmern. Schischa und Orient-MTV, die Mischung aus Tradition und Moderne kommt an .

Vor allem am frühen Abend ist das Café mit jungen Männern gefüllt, im Nadelstreifenanzug, in Jeans, in Dischdascha, dem knöchellangen traditionellen Männerkleid, sitzen sie beieinander, Frauen sind selten dabei. Mit Glutbecken und Zange wieselt Haydar, der Kellner, durchs Lokal und legt Kohlestückchen auf den Pfeifen nach, schleppt frisch mit Apfeltabak gestopfte Pfeifenköpfe und auf Wunsch auch ein Schawarma-Sandwich aus dem Imbiss nebenan herbei.

Wir kommen gern hierher. Es gibt nicht viele Plätze in Bagdad, an denen man ungestört sitzen und Leute beobachten kann. In dieser Stadt ohne Mitte sind es kleine Orte wie unser „Café Bagdad“, die zum Fluchtpunkt werden. Hier lässt man den Tag ausklingen, hier kann man Abstand gewinnen von den großen und kleinen Dramen der Stadt.

Bisweilen jedoch rückt der Terror auch ans „Café Bagdad“ ganz nah heran. In der Silvesternacht etwa, als eine Autobombe das Restaurant „Nabil“ schräg gegenüber zerstörte. Das neue Jahr war noch zweieinhalb Stunden entfernt, da erleuchtete der Feuerschein einer Bombe den Himmel von Bagdad so hell, dass er kilometerweit zu sehen war. Es muss eine Menge Sprengstoff in dem Auto versteckt gewesen sein, das vor dem Restaurant geparkt war. Das Haus hinter dem „Nabil“ sah nach dem Anschlag aus wie die Kulisse für ein Theaterstück. Die Fassade war verschwunden, der Blick fiel frei in die offen gelegten Wohnungen. Unsere Nachbarschaft lag in Trümmern. Zwischen unserem Haus und dem „Nabil“ liegen 400 Meter Luftlinie. Dort starben fünf Menschen, bei uns fegte die Druckwelle eine Zuckerdose von der Fensterbank.

Nebenan schützt sich der Alkoholverkäufer Hikmet auf seine Art vor der Unbill der neuen Zeit. Hikmet ist zu alt, um noch das Metier zu wechseln. Seit Jahren betreibt der alte Christ seinen kleinen Alkoholladen in der Arasat, soll er jetzt, mit über 70, etwas Neues beginnen, weil auch in Bagdad schon der eine oder andere Alkoholladen in Flammen aufging?

Und doch fällt den Gästen im „Café Bagdad“ auf, wie Hikmets Geschäft nebenan eine schleichende Metamorphose durchläuft. Die Aufschrift „Liquor Store“ über der Tür ist mit grauer Farbe übermalt. Die Spirituosen, eigentlich Hikmets Kerngeschäft, sind von Woche zu Woche tiefer ins Innere des Ladens gewandert und mittlerweile in den hintersten Regalen angekommen. Die einzig denkbare Steigerung wäre noch die Platzierung unterm Ladentisch. Vorne auf dem Tresen häufen sich harmlose Kartoffelchips, Kaugummis, Bonbons, Schokoriegel, als betreibe Hikmet einen Tante- Emma-Laden.

Jeder sucht sich seinen eigenen Weg durch die Wirren der neuen Zeit. Da ist zum Beispiel meine Freundin Nasme. Im Jahr eins des neuen Irak wird sie 27 Jahre alt. Seit ihrem dritten Lebensjahr befindet sich das Land mehr oder weniger ständig im Krieg, und wenn nicht mit Waffen gegen eines der Nachbarländer gekämpft wurde, dann mit dem Mangel an allem durch das Embargo. Einmal, als sie 16 war, hätte es eine Gelegenheit gegeben, vielleicht aus allem auszubrechen. Da wurde sie von einem Fotografen angesprochen, auf ihrer letzten Auslandsreise mit der Familie nach Paris. Doch als sie ihrem älteren Bruder Basil von der Aussicht auf eine Karriere als Model erzählte, sagte der nur: „Nasme, du weißt, dann bringe ich dich um“, und das Thema war abgehakt. Fraglich ohnehin, ob sie fern der Heimat glücklicher geworden wäre. Denn allen Entbehrungen, der Angst zum Trotz: Auch Nasme sagt, länger als ein paar Wochen halte sie es woanders nicht aus.

Nach dem Abitur studierte sie Informatik, wirklich interessiert hat sie das nie. Ihr Englisch ist hervorragend, doch mit Ausländern arbeiten, das hätte unter dem alten Regime geheißen, ständig unter Beobachtung zu stehen. Und so war sie nach dem Examen zu Hause geblieben und wartete, ohne zu wissen, worauf.

„Auf meinen Traumprinzen“, dachte sie manchmal, aber dann fiel ihr wieder ein, dass sie ja gar nicht heiraten wollte. Jedenfalls noch nicht. Als hätten die Jahre der Diktatur das Erwachsenenwerden herausgezögert, weil es ungefährlicher war, ein unwissendes Kind zu sein, wirken Nasme und ihre Freundinnen trotz ihrer fast 30 Jahre wie Teenager. Sie sitzen stundenlang vor dem Fernseher und gucken Soaps, ihre Handys sind mit Aufklebern und Bändchen verziert, aus dem Internet laden sie sich Pferdefotos herunter. Nasmes Zimmer sieht noch immer aus wie ein Kinderzimmer, ihr schmales Bett ist mit Stofftieren beladen, vor der Spiegelkommode türmen sich Glitzernagellack und Haarspangen. Und nun steht die Welt um sie herum Kopf, und eine Chance nach der anderen klopft an die Tür: Ob sie einen Sommer lang den Irak in Australien repräsentieren wolle? Eine Ausbildung zur Dokumentarfilmerin machen? Als eines der neuen Ministerien sie als Sekretärin anstellen will, sagt sie zu und ruft sofort an, um uns die Neuigkeit mitzuteilen. „I’m a working girl now“, quietscht sie ins Telefon und schnattert drauflos, wie froh sie sei und auch wie stolz. Und ihr Büro liege gleich neben dem des Ministers, und der sei so nett und die Tür zu seinem Büro immer offen, und sie bediene das Telefon und habe ständig Mitglieder der Regierung am Apparat und… Nasme bricht mitten im Satz ab. Stille.

„Glaubt ihr, ich bin sicher dort?“

Da ist er wieder, der tägliche Zwiespalt zwischen Wollen und Wagen.

Doch diesmal ist Nasmes Neugier aufs Leben und das, was man daraus machen könnte, stärker als die Angst, ihr Leben eben dadurch aufs Spiel zu setzen. Die Arbeit im Ministerium macht ihr großen Spaß. Die jüngste Mail von ihr erreicht uns aus London. Von dort geht es weiter in die USA. Eine Delegation der neuen irakischen Regierung reist zur Vollversammlung der Vereinten Nationen nach New York. Und Nasme ist dabei.

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