Kultur : Café Napolitain

Pariser Impressionen von Guillaume Apollinaire

Rolf Strube

Die verfallenen Mauern an der Rue Berton sind voller Graffiti, übersät mit den Liebesschwüren von gestern: „Lili aus Auteuil liebt Totor aus Point-du Jour.“ Mit den alten Petroleumleuchten wirkt die stille schmale Straße noch fast wie zu Zeiten Balzacs, der hier wohnte. Einige Häuser weiter führt eine steile Treppe zu einer neuen Avenue, mitten hinein in das Pariser Leben des frühen 20. Jahrhunderts. Guillaume Apollinaire hat die Spannungsrisse der expandierenden Stadt, ihr wachsendes Tempo als Herausforderung erlebt und zugleich das Verschwinden der Dinge beklagt. Seine Stadtimpressionen, Begegnungen und Gespräche, die seit 1911 für die Rubrik „Anekdotisches“ im „Mercure de France“ entstanden, wurden sein letztes Buch. Es erschien 1919, ein Jahr nach seinem Tod, unter dem Titel „Le Flâneur des deux rives“. Größere Beachtung fand erst die Neuauflage von 1928, die Walter Benjamin mit Blick auf den Berliner Flaneur Franz Hessel zur Übersetzung empfahl. Dieser Aufforderung ist jetzt die Friedenauer Presse nachgekommen.

Der von Gernot Krämer erstmals ins Deutsche übertragene „Flaneur in Paris“ beleuchtet einmal mehr Apollinaires Vielseitigkeit, der sich als Kunstkritiker für die neue Malerei der Fauvisten und Kubisten engagierte, als experimenteller Lyriker wegweisend wurde für die moderne Großstadtdichtung und den Surrealismus. Apollinaire erzählt von Treffpunkten wie dem Literatencafé „Napolitain“, dessen Glanzzeit mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu Ende ging, und von Originalen wie dem Buchhändler Monsieur Lehec, der nur in seltenen Fällen bereit war, sich von seinen Büchern zu trennen, denen er einen geradezu „abergläubischen Respekt“ entgegenbrachte.

Im Keller des Kunsthändlers Ambroise Vollard gingen Maler- und Dichterfürsten aus und ein, so auch Apollinaires Freunde Picasso und der durch seine Theaterskandale berühmt gewordene Bürgerschreck Alfred Jarry, der hier mit Pierre Bonnard an einem „Illustrierten Almanach“ seines „Ubu Roi“ arbeitete, wozu Vollard selbst ein Lied beisteuerte.

Apollinaire beschreibt auch Kuriosa wie das von einem Zehnjährigen eingerichtete „Napoleon-Museum“, erzählt von Begegnungen mit dem Exzentriker Ernest La Jeunesse, ohne dass sich der Leser sicher sein könnte, wann die Grenzen des Tatsächlichen überschritten werden zugunsten poetischer Übertreibung. La Jeunesse konnte angeblich den Gothaischen Adelskalender auswendig und lebte in einem Hotel wie ein Messie zwischen Helmen, Waffen, Büchern, Miniaturen und einem Nachtopf voller alter Uhren. In solchen „Mystifikationen“ zeigt sich der mit Alltäglichem und Erstaunlichem, Gedankensprüngen und Stillagen spielende Dichter und Erzähler Apollinaire. Es ist diese Mischung von „Kitsch, Klatsch und Kunst“, von der Benjamin sprach, die seine Flanerien so lebendig erscheinen lässt. Rolf Strube

Guillaume

Apollinaire:

Flaneur in Paris.

Aus dem Französischen und mit einem

Nachwort von Gernot Krämer. Friedenauer Presse, Berlin 2011.

133 Seiten, 16 €.

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