Kultur : Camp David: Droht Israels Gesellschaft der Zerfall, Herr Jehoschua? (Interview)

Es sieht so aus[als könnte Israel nur unter]

Abraham B. Jehoschua ist einer der renommiertesten israelischen Schriftsteller. Er stammt aus einer orientalisch-jüdischen Familie, die seit fünf Generationen in Jerusalem lebt, wo er 1936 zur Welt kam. Jehoschua ist mit einer aus Europa stammenden Psychologin verheiratet und lehrt Literatur an der Universität Haifa. Sein letzter Roman "Reise ins Jahr Tausend" (erschienen im Piper Verlag, München) ist auch nach dem Scheitern von Camp David als hintergründiger Kommentar zur politischen Situation im Nahen Osten zu lesen. beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Streit orientalischer und europäischer Juden um die Monogamie.



Es sieht so aus, als könnte Israel nur unter großen Wehen seinen Frieden mit den Palästinensern und dann vielleicht auch mit Syriens neuem Präsidenten schließen. Ist das die Gelegenheit für die israelische Gesellschaft, ihre inneren Probleme anzugehen?

Wenn der Hass von außen abnimmt, dann wird eines der wichtigsten verbindenden Elemente, der äußere Feind, nicht mehr vorhanden sein. Er wird nicht mehr als Katalysator für die israelische Identität dienen. Dann stellt sich die Frage, ob die israelische Gesellschaft zerbricht. Ich selbst glaube nicht an eine Spaltung. Aber es muss einen Dialog zwischen Ost und West, zwischen europäischen und orientalischen Juden in unserem Land geben. Dieser Dialog muss auch mit den Arabern geführt werden, denn auch die israelischen Araber sind Teil unserer Identität. Das Problem ist aber, wie man verschiedene kulturelle Codes zu einer neuen Einheit zusammenfügt. Wir dachten in Israel in den Fünfzigern, dass die aus Marokko und anderswoher stammenden orientalisch geprägten Sepharden sich der westlichen Kultur der Aschkenasi anpassen würden. Stattdessen kommen die alten sephardischen Codes wieder.

Werden denn das europäische und das orientalische Judentum in absehbarer Zeit wieder zusammenwachsen können?

Es geht darum, beides zu integrieren. Wovor ich Angst habe, in Israel wie auch in der ganzen Welt, ist, dass es keine pluralistische Kultur geben wird, sondern nur Enklaven. Die Frage wird sein, wie man eine Gesellschaft verschiedener Kulturen schafft, die sich in einem ständigen Dialog befinden. Nicht jede Kultur wird beibehalten werden. Interessanter ist aber, wie die Interaktion zwischen den Kulturen überhaupt stattfinden wird.

In Ihrem jüngsten Buch gehen Sie ins Jahr 1000 zurück. Was interessierte Sie daran?

Wir bereiteten uns alle auf das neue Jahrtausend vor. Und ich fragte mich, was in weiteren 1000 Jahren passieren wird. Wer wird sich an uns erinnern. Es ist so schwierig, sich vorzustellen, was in tausend Jahren mit all den Erfindungen der Wissenschaften geschieht, etwa mit dem genetischen Engineering. Wir wissen nicht einmal, ob der menschliche Körper dann noch die selbe Form haben wird. Trotzdem hoffen wir, dass man sich unserer noch erinnern wird. Die logische Folge daraus ist, dass wir selber die Anstrengung unternehmen müssen, uns an die zu erinnern, die tausend Jahre vor uns gelebt haben. Als ich dann zur ersten Jahrtausendwende zurückkehrte, stellte ich fest, dass es wirklich ein besonderer Moment war. Damals begann die unbewusste Spaltung zwischen zwei kulturellen und spirituellen Zentren innerhalb des jüdischen Volkes.

Im Zentrum dieses Romans "Reise ins Jahr Tausend" steht das Problem der Vielweiberei im Judentum.

Mich zog die Frage nach dem Status der Frau an. Die wichtigste Revolution der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ist eindeutig die feministische. Darum ging es auch vor tausend Jahren, um den Platz der Frau in der jüdischen Gesellschaft. Es ging aber auch um die Art und Weise, wie das Judentum seine unterschiedlichen Codes organisierte: zwischen Gemeinschaften, die in unterschiedlichen Zivilisationen, Mentalitäten und Moralvorstellungen zu Hause waren. Juden mussten sich frei darüber verständigen, ohne ein Regime, das ihnen Regeln hätte aufzwingen können. Dies ist der Unterschied zu anderen Völkern. Das schien mir auch ein Zeichen der neuen Welt zu sein. Wir haben heute unterschiedliche Codes auf der ganzen Welt. Ein dialektisches Prinzip, ohne eine externe Macht, die ein bestimmtes kulturelles Verhaltenerzwingen könnte. Mich interessierte, warum die arme und in vielen Aspekten unterentwickelte kleine deutsche Gemeinde trotzdem eine klarere moralische Vision hat - die Monogamie -, die die reiche, mächtige, kunstsinnige Gemeinde im Süden herausfordert. Eine Gemeinde, die in viel harmonischeren Verhältnissen unter den Arabern lebte als die deutschen Juden unter den Christen, mit denen es ständig Konflikte gab.

Ihr Roman löste aber in Israel Verwirrung aus. Es gibt keine Tradition des historischen Romans in der hebräischen Literatur.

Ich denke, es ist sehr wichtig für Juden, besonders in Israel, zur Geschichte zurückzukehren. Wir lebten mit Mythen. Unsere Identität ist aus Mythen, nicht aus Geschichte zusammengesezt. Gershom Scholem sagte, dass der Zionismus die Rückkehr zur Geschichte war. Vorher lebten Juden nicht in der Geschichte, sie lebten mit großen, mythischen Erzählungen. Ohne das historische Detail, das an einem Ort und zu einer Zeit lokalisiert ist, so wie in Europa. Es ist sehr wichtig für Israelis, zur Geschichte zurückzukehren und den Mythen zu entkommen. Denn unsere Mythen sind gefährlich, besonders die negativen und verstörenden: die Legende von der Zerstörung, von der Opferung Isaaks, der Mythos von der Erlösung. All diese Legenden, die uns immer in eine Art Teufelskreis bringen, sind sehr gefährlich, wenn sie die Modelle für unsere Identität bildeten. Jetzt müssen wir den großen Mythos in historische Details betten. Hier kann Kunst einiges zur Vergegenwärtigung leisten. In Frankreich und England gibt es ständig historische Romane, Filme und Theaterstücke, um die besondere eigene Identität zu kultivieren. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben.

Die ganze Milleniums-Hysterie basierte auf dem christlichen Zeitrahmen. In Ihrem Roman ist das Jahrtausend als drohende Angstkulisse präsent.

Sie haben eine andere Zeit. Es ist eine Geschichte unter Juden, die sich aber in einer fremden Zeit bewegen. Entgegen den Vorstellungen von apokalyptischen Gefühlen am Ende des ersten Jahrtausends hat die neue historische Forschung nun herausgefunden, dass das gar nicht so weit verbreitet war. Ich wollte zeigen, dass für die Juden von Worms und Speyer schon die Katastrophe der Kreuzfahrerzüge 100 Jahre später in der Luft lag. Das war die Apokalypse für die Juden, mit diesen furchtbaren kollektiven Selbstmorden.

Ist das für Sie noch ein aktuelles Menetekel?

Ja, wir müssen unsere Taten sehr vorsichtig abwägen. Wir haben schon eine Katastrophe erlebt und dürfen nicht in eine weitere geraten. Das gilt insbesondere für Israel. Wir haben viel erreicht, aber wir müssen uns immer bewusst sein, was wir tun können und was nicht. Die Apokalypse und Träume können sehr gefährlich für uns sein. Wir müssen uns an die Realität halten, wir müssen unsere Identität behalten, unsere Umwelt aber nicht zu sehr herausfordern und nicht wieder in eine Situation absoluter Gefahr geraten. Ich bin keine apokalyptische Person. Aber ich weise apokalyptischen Visionen, auch was Israel anbelangt, nicht einfach so von mir. Wir müssen sehr vorsichtig und bewusst sein, wie wir mit der Welt um uns leben können. Wir müssen uns ihr anpassen und uns normalisieren.

Was verstehen sie unter normal?

Normal meint: verantwortlich gegenüber seiner Umwelt, seiner Umgebung. Ein Territorium zu haben, auf dem man souverän und verantwortlich ist. Eine eigene Identität zu besitzen. Das war ja unser Problem, wir hatten Angst vor uns selber, wir konnten nicht unter uns bleiben. Normalität heißt also Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen, in der eigenen Realität zu leben. Auf eigenem Territorium und mit eigener Sprache. Man kann Territorium aufgeben, um einen jüdischen Staat zu haben. Es wird auch dann eine arabischen Minderheit in Israel leben, und dennoch wird es ein jüdischer Staat sein, in dem wir unsere eigene Existenz organisieren.

Sie werden oft kritisiert für ihre negative Einstellung gegenüber der jüdischen Diaspora.

Ich sehe unsere Geschichte als einen Fehlschlag, weil es uns nicht gelang, uns zu normalisieren. Wir haben uns an andere Völker angehängt, anstatt zu unserem Land zurückzukehren. Erst nach dem Holocaust haben wir verstanden, was der Preis der Diaspora war. Als ich jetzt jedoch auf die Exiljuden geschaut habe zu einer Zeit, als es Israel nicht gab, konnte ich nicht anders als diese kleinen jüdischen Gemeinschaften bewundern. Wie sie es schafften zu existieren, wie sie auch die Kommunikation untereinander aufrecht erhielten in einer komplett feindseligen Umwelt. Und trotzdem hielten sie zueinander und versuchten ihre Identität zu bewahren. Gleichzeitig war das alles sehr zerbrechlich. Nach einiger Zeit wurden all diese Gemeinschaften von den Kreuzfahrern zerstört, die Juden in Spanien wurden vertrieben. Sie lebten die ganze Zeit in der Gefahr der Vernichtung.

Was bedeutet unser 21. Jahrhundert für die Israelis?

Kalenderdaten sind nicht so wichtig. Aber das letzte Jahrhundert war wirklich ein hartes und besonderes. Es begann mit einer furchtbaren Emigration von Ost nach West, dann der Holocaust und später die Schaffung Israels. Drei Ereignisse, die die jüdische Geschichte durcheinandergerüttelt haben. Die Frage ist eben, wie die Juden sich in der neuen Welt behaupten werden. Ich fürchte, dass die israelische Identität nach einem Friedensschluss mit den Nachbarn auseinanderfallen wird. Wir haben eine Geschichte der Wanderschaft in der Welt. In einer Welt ohne Grenzen und globaler Kommunikation fürchte ich, dass die Israelis sich zu gut an die neuen Bedingungen anpassen werden. Wenn wir im Mittelalter als internationale Kaufleute tätig waren, dann werden die Juden in der Welt der Flugzeuge, Datenkabel und Satelliten die Experten dieser neuen Welt sein. Meine Frage ist, wie wir dann unsere Identität bewahren. Es gibt viele historische Kräfte innerhalb des Judentums, die diese Identität bedrohen. Nicht durch einen Krieg oder einer Katastrophe, sondern wegen der den Juden eigenen Gewohnheit, in der Welt herumzuziehen. Deshalb kämpfe ich gegen alle Diaspora-Konzepte.

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