Kultur : Campingplatz des Grauens

Luk Perceval inszeniert Marius von Mayenburgs „Turista“ an der Berliner Schaubühne

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Draußen scheint die Sonne, Berlin torkelt durch den ersten Sommertag, aber drinnen, im Theater, in der berühmten Schaubühne am Lehniner Platz, ist es wie immer: düster. Irgendwo im Halbdunkel steht ein seltsamer Waldschrat, und wer an ihm vorbei auf seinen Platz im Parkett will, wird vorsorglich angemuffelt. „Du Arschloch, du...“ SchaubühnenBesucher mögen das. Die Bühne von Annette Kurz: ein schwarzes Loch, das alles Leben aufsaugt.

Mittendrin liegt wie das Gravitationszentrum ein Beton-Ei, rätselhaft, obskur und wuchtig. Wahrscheinlich ist es das Ei der Begierde. Oder ein UFO, das uns alle nach der Vorstellung mit seinen Strahlen pulverisieren wird. Vielleicht ist es aber auch eine Abrissbirne in Ruhestellung. Irgendwann im Lauf des Abends wird sie erwachen, und besinnungslos alles kurz und klein schlagen: Diese düstere Höhle mit ihren unglücklichen Bewohnern samt Waldschrat, Zuschauern und dem langsam wegdämmernden Rezensenten. Wenn sie ihr Zerstörungswerk beendet hat, wird sie sich in den Trümmern niederlassen und die Stille genießen.

Oder das Ei ist wirklich ein Ei, es brütet seltsame Dinge aus. Abenteuerliche Schönheiten, Flamingos, Aphroditen oder kleine Dinosaurier werden aus ihm herausklettern, wenn ihre Zeit gekommen ist. Leider geschieht nichts von alldem. Das so viel versprechende Ei, man muss es leider sagen, bleibt entschieden unter seinen Möglichkeiten. Damit ist es an diesem Abend nicht alleine.

Die Bewohner der Bühnen-Höhle ahnen, darunter wunderbare Schauspieler wie Judith Engel, Matthias Matschke, Steffi Kühnert und Bruno Cathomas, dass etwas nicht stimmt. Der erste Satz des Abends könnte auch schon der letzte sein: „Wo sind wir?“ Eine Frage, die entweder sehr einfach oder aber sehr kompliziert ist. An diesem Abend entscheidet man sich für einen Mittelweg. Einerseits geht es den Reisenden, einer dysfunktionalen Kleinfamilie, nur um den richtigen Weg zum Campingplatz. Andererseits fehlt es auf diesem Campingplatz entschieden an Orientierung: sexuell, metaphysisch, kriminalistisch, emotional. Das liegt nicht nur daran, dass der Campingplatz auf einem Schlachtfeld liegt, irgendwo in der Nähe von Waterloo. Hinzu kommt, dass wir uns in einem Stück des Dramatikers Marius von Mayenburg befinden: Ein neugierig-empfindsamer Blick auf Zeitgenossen wird mit allen möglichen Katastrophen kurzgeschlossen.

Im Mayenburg-Universum sind Kindesmissbrauch, kaputter Sex, Verrohung, Suff, Mord und Totschlag übliche Umgangsformen. Mit anderen Worten: Wer auf einem Campingplatz landet, den sich Marius von Mayenburg ausgedacht hat, hat Pech gehabt. Dass die Uraufführung von Luk Perceval angerichtet wurde, macht die Sache nicht einfacher. Perceval hat ein Dutzend seiner flämischen Schauspieler mitgebracht. Das deutsch-holländische Sprachdurcheinander sorgt für Konfusion, die nichts erzählt. Perceval wuchtet grobe Bilder auf die Bühne, bis sich das Beziehungsgeflecht der Figuren in eine hölzerne Körper-Choreografie auflöst. Die Qualität des Textes, eine gewisse Sensibilität und Unaufgeregtheit, sind in Grund und Boden inszeniert.

Es sind keine schönen Dinge, die das Bühnenpersonal miteinander anstellt. Ein fetter, ungeliebter Junge namens Oli (Benny Claessens) muss sterben, während sich seine Mutter (Isabelle Van Hecke) von ihrem Liebhaber (Ruud Gielens) begrapschen lässt. Schreckliche nette Familien. Oli stirbt alleine, irgendwo im Wald, und er stirbt oft. Das Stück bewegt sich durch eine Zeitschleife, und immer liegt am Ende der dicke Junge leblos auf dem Boden. Spätestens beim dritten Mal freut man sich, dass er endlich tot ist.

Parallel zur so endlosen wie rätselhaften Mordgeschichte wird gefummelt, geflirtet („Mein Mann ist sexuelles Niemandsland“), gegrillt, in die Hosen gemacht, gekotzt, sexuell missbraucht („bitte lass mich“), und besonders gerne wird gerannt. Immer im Kreis, immer um das Ei rum, im Dunkeln. Immer wenn gerannt wird, ahnt man, dass Oli wieder mal sterben muss. Wie ein Sündebock. Für wen? Diese Figuren, ihre unförmigen Körper in hässliche Trash-Kleidung gezwängt, trinken gerne Büchsenbier und schlagen ihre Kinder. Angehörige der Unterschicht? Oder nur das, was bessergestellte Theaterbesucher dafür halten? Der Campingplatz wird zum Sozial-Zoo. Und Olis Tod zur Pointe.

Wieder heute, morgen und 30. Mai

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