Kultur : Canalettos Verführung

Ein

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von Bernhard Schulz

Vor 60 Jahren sank Dresden in Schutt und Asche. Die alte Residenzstadt lässt sich, allen Anstrengungen zum Trotz, nicht aus der Vergangenheit zurückholen. Was sich hat wiederherstellen lassen, sind Preziosen des Stadtkerns; wie auch der zauberhafte CanalettoBlick vom anderen Elbufer, in den die Türme von Hofkirche, Residenz und Frauenkirche eingeprägt sind.

Die Frauenkirche – es sagt sich so einfach dahin und bezeichnet doch eine der bewundernswertesten Wiederaufbauleistungen seit Kriegsende. In wenigen Wochen, am 30. Oktober, wird sie feierlich wiedereingeweiht. Ihre Silhouette erstrahlt bereits seit einigen Monaten in makelloser Schönheit – so, als wäre sie nie verschwunden gewesen, zusammengesunken im Wüten des Feuersturms vom Februar 1945.

In Dresden, wo sonst, wird heute der Tag des offenen Denkmals eröffnet, auf der Flaniermeile der Brühlschen Terrasse. Der Denkmalstag, stets am zweiten Sonntag im September, ist seit Jahren europäische Routine, und was 1993 als bescheidene Initiative begann, hat sich zu einem ausufernden Programm entwickelt. Jedes Mal gibt es Bauten und Anlagen zu besichtigen, die sonst nicht zugänglich sind. Und oft auch solche, deren Charakter als Denkmal überhaupt noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, so in Berlin das Kraftwerk Moabit. Für das Verständnis dessen, was heutzutage als Denkmal gelten darf, hat dieser Tag der offenen Tür Unschätzbares geleistet.

In Dresden besteht die Gefahr, unter Denkmal nur mehr das Schöne zu verstehen. Der Wiederaufbau der Frauenkirche verdankt sich diesem Wunsch, die verlorene Schönheit neuerlich zu erschaffen. Daran hatte sich anfangs heftige Kritik entzündet: dass die Ruine gleichfalls ein Denkmal sei. Sie erinnere an den Kriegswahn, der sich nicht durch Reparatur eines Einzelbauwerks ungeschehen machen lässt. In Dresden war der Wunsch nach der Wiedergewinnung der stadtprägenden Identität stärker. Und wo und wie viel auch immer wiederaufgebaut wird – es kann immer nur eine partielle Rückgewinnung des Gewesenen sein. Die Debatte um das Berliner Schloss, das bestenfalls in seiner äußeren Gestalt nachzuformen wäre, belegt, wie unbegründet die Ängste vor Geschichtsverdrängung tatsächlich sind. Niemand, der durch die deutschen Städte wandert, kann ihre Geschichte von Zerstörung und Neubau übersehen, was immer an historischen Bauten in ihr Bild eingesprenkelt sein mag.

Umso kostbarer müssen uns die authentischen Zeugnisse der Vergangenheit sein. Sie sind, aller Pflege zum Trotz, nicht in jedem Falle zu erhalten. Der Bestand schrumpft. Auch dafür hat der Tag des offenen Denkmals, der eben nicht nur das Alte, Schöne, Beschauliche vorführt, den Blick geweitet. In Dresden sind es nur wenige Schritte von der – vermeintlich – alten zur schlichtweg verschwundenen Stadt, von den glänzend wiedererstandenen Preziosen zu den heillos dahinkümmernden Brachen, die weite Teile der Stadt noch immer kennzeichnen. 60 Jahre nach Kriegsende, da die aus dem Erleben gespeiste Bitternis der Zeitzeugen vollends dem erlernten Geschichtswissen der Nachgeborenen weicht, ist an den historischen Zusammenhang zu erinnern, der aus der einst selbstverständlichen Substanz der Geschichte die kostbaren Einzelstücke gemacht hat – oder gar die wie die Frauenkirche ins Leben zurückgeholten Verluste. Nur aus der Verantwortung für die überdauernden Denkmale rechtfertigt sich ein solches Wagnis der Neuschöpfung. Dresden ist der beste Ort, diese schwierige Balance vor Augen zu führen. Auch wenn es ein so betörendes Bild ist wie das des Canaletto-Blicks.

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