Cannes : Dichter geht’s nicht

In Cannes feiert das soziale Kino dieses Jahr seinen Triumph: Alle drei Hauptpreisträger hangeln sich sehr dicht an der sozialen und auch politischen Wirklichkeit dieser Zeit entlang.

Jan Schulz-Ojala
Cannes
Die belgischen Regisseure Luc und Jean-Pierre Dardenne mit Arta Dobroshi. -Foto: dpa

Sean Penn hat Wort gehalten. Von den Filmen des 22 Titel umfassenden Wettbewerbs hatte er gefordert, sie sollten sich „sehr bewusst gegenüber der Welt zeigen, die sie umgibt“. Nun sind alle drei Hauptpreisträger sowas von dicht an der sozialen und auch politischen Wirklichkeit dieser Zeit, dichter geht's nicht.

Ganz oben auf dem Treppchen inhaltlichen Relevanzkinos ist, als erster französischer Beitrag seit Maurice Pialats „Die Sonne Satans“ (1987), Laurent Cantets dokumentarisch anmutendes Schuldrama „Entre les murs“ gelandet, und packend ist es noch dazu. Der 46-Jährige begleitet ein Jahr lang den Alltag einer 9. Klasse im sehr multikulturellen 20. Arrondissement von Paris – und seine Schüler und Lehrer sind mit einem Schwung und einer Präzision dabei, als spielte sich diese aufregende und auch aufreibende Wirklichkeit unmittelbar vor den Augen des Zuschauers ab.

Der Trick: Alle Jugendlichen sind gecastet. Nur der Französischlehrer, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist echt: François Bégaudeau hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben und spielt sie im Film selber vor. Zwischen Klassenpalaver und Konferenzen, zwischen Elternabenden und Disziplindebatten wird schließlich einer der schwarzen Schüler nach einer schlimmen Rempelei von der Schule verwiesen. „Entre les murs“, am letzten Wettbewerbstag gezeigt, berichtet aus dem Kriegsgebiet des Heranwachsens an den sozialen Rändern – und wie ein junger, engagierter Lehrer sich darin imponierend unhierarchisch und manchmal auch nur verzweifelt behauptet.

Nach allerlei Durchwachsenem im Wettbewerb überzeugte der fünfte Spielfilm Cantets, der sich mit klugem Sozialkino („Les ressources humaines“, „L'emploi du temps“) einen Namen gemacht hat, ziemlich jeden auf dem Festival und empfahl sich so für die Goldene Palme als versöhnlichste Wahl. Freuen darf sich auch Italien, das jahrelang im internationalen Festivalzirkus kaum eine Rolle spielte: Mit zwei stilistisch denkbar gegensätzlichen Filmen holte es die Jurypreise. Paolo Sorrentinos „Il divo“ brilliert, am Beispiel Giulio Andreottis. als hochartifizielle Studie über den Missbrauch der Macht – und ist allen Berlusconi-Wählern kältestens an Herz zu legen. „Gomorrha“ von Matteo Garrone klagt einmal mehr die Machenschaften der Mafia an, allerdings mit reichlich eigener Lust auf Pulverdampf.

Und die Verlierer? Wim Wenders und sein „Palermo Shooting“ – doch Vorsicht: Nur weil die Jury diesen filmischen Tagebucherguss nicht würdigte, hat sie nicht gleich das deutsche Kino insgesamt gebasht. Ebenso wenig das amerikanische, das mit Clint Eastwoods elegantem „Exchange“ und James Grays „Two Lovers“ kühle Konvention und mit Charlie Kaufmans Regie-Debüt „Synekdoche, New York“ schiere Verrücktheit präsentierte. Bei Kaufman geht erst das Bewusstsein und dann, ziemlich zeitraubend, das Sein flöten: derlei Selbstzerstörerkino konnte Sean Penn nicht gefallen. Der setzt lieber aufs Weltverändern; jedenfalls ein bisschen. 

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