Cannes Journal (5) : Ein Weltstar wird ausgebuht

Hoch gehandelt, tief gefallen: In Olivier Assayas „Personal Shopper“ spielt Weltstar Kristen Stewart eine Kleidereinkäuferin. Der Film wird bei der Cannes-Premiere ausgebuht.

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Kirsten Stewart wirkt nachdenklich auf dem roten Teppich. Foto: dpa
Kirsten Stewart wirkt nachdenklich auf dem roten Teppich.Foto: dpa

Bestimmt kein Spaß, sich auf das Podium der Pressekonferenz zu schleppen, wenn der neueste Film bei der internationalen Kritik gerade durchgefallen ist. Aber Olivier Assayas, der zwei Jahre nach seinem vielschichtigen „Die Wolken von Sils Maria“ nun „Personal Shopper“ in Cannes präsentiert, schlägt sich am Dienstagmittag tapfer. Vorsichtig lächelt der französische Regisseur, was das Zeug hält, lauscht seinen Schauspielern – und hält sich überhaupt zurück, ganz gegen seine sonst brillant eloquente Natur.

Am Vorabend ist „Personal Shopper“, worin Weltstar Kristen Stewart die Kleider- und Schmuckeinkäuferin für einen – von Nora von Waldstätten in ein, zwei Szenen verkörperten – Weltstar spielt, lauthals ausgebuht worden. Wahrscheinlich geht der Film in die Geschichte dieses 69. Festivals als das scharfe Kontrastprogramm zu Maren Ades „Toni Erdmann“ ein: dort der sensationelle Überraschungserfolg der Deutschen, hier die unerwartet krachende Heimniederlage des Olivier Assayas.

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Maureen heißt die durch die Welt jettende Luxusacquisiteurin in Fremdauftrag, deren Zwillingsbruder unlängst gestorben ist. In jenen Wochen nach dem Tod, von denen es heißt, der Verstorbene sei noch unsichtbar unter den Lebenden unterwegs, wird sie von übernatürlichen Erscheinungen heimgesucht. Außerdem verfolgt sie ein Unbekannter mit düster dräuenden Textbotschaften auf dem Mobiltelefon, und wie ferngesteuert lässt sie sich auf einen gefühlt mindestens viertelstundenlangen Chat mit dem Fremden ein.

Gelächter im Publikum

Die Ausbreitung solcher stummen Dialoge mag dramaturgisch unabweisbar sein, visuell allerdings langweilt längliche Leinwandlektüre fast unmittelbar. Zudem kommen die Maureen immer wieder in dunklen Räumen aufscheinenden Schemen nicht eben gruselig rüber, und als zum wiederholten Mal ein Glas feierlich durch den Raum schwebt und sodann am Fußboden zerschellt, regt sich statt Grausen glucksendes Gelächter im Publikum.

Ein Hokuspokusfilm also, allerdings einer mit Überbau, wie sich das bei Olivier Assayas gehört – so erfährt man manches über das Morsealphabet oder auch den Esoteriker Victor Hugo, was sich mit dem sonstigen Geschehen freilich nicht recht verknüpft. Also fragen die Journalisten, fernab der transzendentalen Tiefsinnsattacken des Films, bei der Pressekonferenz ganz rustikal: „Glauben Sie an Geister?“

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Verblüffend ähnlich antworten Assayas und Stewart. Die Gegenwart verweigere sich dem Übernatürlichen, sagt Assayas, aber in unseren Erinnerungen und in Gedanken an Verstorbene sei neben der tatsächlichen Welt immer eine weitere präsent. Und die impulsive Schnellsprecherin Stewart, grundsätzlich agnostisch, sieht auch im gemeinsamen Erarbeiten einer Rolle ohne viele Worte unsichtbare Glückskräfte am Werk. „Wir sind nicht allein“, schlussfolgern beide. Und das ist dann doch ein versöhnlicher Schlusston für „Personal Shopper“ – auf einem Festival, wo Zehntausende in jeder zweiten freien Sekunde auf ihre Handys starren.

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