Cantiere-Festival : Mit Dante gegen die Mafia

Dem legendären Cantiere-Festival im toskanischen Montepulciano glückt ein fulminanter Neustart.

Volker Hagedorn

Gemäuer, Weinlaub, schiefe Treppen, hinten leuchtet die Toscana. „Kinder, mit Schrotgewehren erschossen, von Baggern überrollt, von Dynamit zerfetzt …“ Es ist schön hier, es gibt keinen schöneren Ort als Montepulciano. Die Mafia ist fern, möchte man glauben, aber nun steht da Luciano Violante und rezitiert zu den Tönen eines kleinen Ensembles. Seine Bodyguards haben sich dezent an allen vier Ecken eines stilvoll restaurierten Weingewölbes der alten Bergstadt postiert. „Schuldige! Schuldig, Söhne, Brüder, Freunde, Nachbarn zu sein, schuldig, in einer Stadt der Wölfe gelebt zu haben, Stadt einer Nation von Wölfen.“ Violante klagt ganz Italien an in seiner „Kantate für die von der Mafia getöteten Kinder“. Er schrieb sie 1995, als er Präsident der Anti- Mafia-Kommission war. Heute, mit 67 Jahren, gilt Violante als einer der wenigen unbestechlichen Politiker Italiens, er ist hoch anschlagsgefährdet.

Es ist mehr als nur eine Sensation, dass dieser Richter und Dichter hier auftritt. Es markiert einen Neubeginn beim legendären Cantiere Internationale d’Arte di Montepulciano, dem Musikfest, das Hans Werner Henze 1976 in der Toscana gründete, um Hochkultur und Basis zu verbinden. Er schrieb Stücke, in denen die Familien des Städtchens auftraten; er überredete junge Profis, ohne Honorar hier zu arbeiten. Dirigenten wie Sinopoli und Chailly, Regisseure wie Konwitschny, Musiker wie Gidon Kremer kamen. Nur ein Charismatiker, ein Besessener, ein Kommunikator wie Henze kann so etwas durchsetzen, und nach seinem Abgang 1992 geriet der Cantiere ins Schlingern, Glanzlichter wurden von Beliebigkeiten überschattet. Ein Chef mit Henzes Qualitäten musste her. Jetzt hat man ihn offensichtlich gefunden.

Während im vergangenen Jahr schon Veranstaltungen ausfielen, weil keiner Karten kaufte, wurden diesmal die Tickets knapp. Nicht trotz der 40 Uraufführungen und etlicher Raritäten, sondern eben deswegen. „Die Konzerte mit neuer Musik sind rappelvoll“, sagt strahlend Detlev Glanert, „immerhin hatten die Leute hier in den letzten 30 Jahren einen Input an Avantgarde wie in keiner Großstadt der Welt.“ Wozu auch einige Werke von Glanert zählen, der seit diesem Jahr künstlerischer Leiter des Cantiere ist.

Der 48-Jährige kennt sich hier aus, er kennt hier jeden, er hat hier Italienisch gelernt und gelebt. Der Berliner mit der Max-Reger-Physiognomie war einst Student bei Henze, der ihn als Assistenten auf den Berg holte. Jetzt hat der Komponist einen Vertrag für drei Jahre, ein Konzept auch: „Dante ist unser mithelfender Ingenieur.“ Das toskanische Genie soll den Cantiere vom „Inferno“ übers „Purgatorio“ ins „Paradiso“ führen. Weil aber die Hölle zwischen den Menschen beginnt, ist auch der Mann gekommen, den die Mafia lieber unter der Erde sähe, grauhaarig, scharfes Profil, und lässt sich als Rezitator ein auf eine Vertonung seiner Kinderkantate. Nüchtern und klar spricht er, unprätentiös. Das exzellente römische Ensemble Algoritmo spielt die so harte wie offene Musik, die Fabio Cifariello Ciardi zu seinen Worten schrieb. Sie illustriert nicht, sie belehrt nicht. Sie spricht mit, zwingt unseren Blick auf Details des Tötens, sie öffnet aber zugleich den Blick für den Geist und das Leben und die Welt, die anderen genommen wurden.

Von hier führt eine Linie zum Wert des Individuums, nach dem zwei Lehrstücke Bertolt Brechts fragen. Aus denen machten Kurt Weill und Hanns Eisler um 1930 kurze, von Laien spielbare Opern. Glanert hat sie im traditionell linken Montepulciano zu einem Abend gefügt, den „Jasager“ und „Die Maßnahme“ – in der italienischen Erstaufführung heißt sie „La Linea di Condotta“. Beide Male geht es um die Frage, ob ein Einzelner einem Kollektiv geopfert werden darf. Zuerst ist es ein Knabe, der bei einer Bergtour schwächelt und, um die Gruppe zu retten, in seinen Tod einwilligt. Dann ist es ein Revolutionär, der seine Kombattanten in Schwierigkeiten bringt und ihnen zum Besten der Revolution gestattet, ihn zu erschießen. Wobei Brecht offenlässt, ob unter dem Druck der Kollektive ein Jasagen überhaupt freien Willens zustande kommen kann. Zur Arroganz der Ideologie verhält er sich ziemlich ambivalent.

Im hohen, alten, von Rot und Gold glühenden Theater der Stadt kommentiert Regisseur Carlo Pasquini das Thema einfach, indem er die „Maßnahme“ vor der Berliner Mauer spielen lässt. Er mag sich aber nicht recht entscheiden zwischen kargem Oratorium und einer Individualisierung, die einem die Notlage der Revolutionäre näher bringen könnte. Bis auf Tenor Carlos Petruzziello, der als Kaufmann zynisch den Kapitalismus erklärt, bleibt das bewegtes Museum. Auch die Bergtour im „Jasager“, in Kostümen der Entstehungszeit, lässt szenisch die klare Brechung vermissen, die wir für einen neuen Zugang zu diesen Raritäten bräuchten. Wobei der sich vor allem bei Weills „Jasager“ lohnt, einer halb archaischen, halb süffigen Musik, in der mehr Aufbruch steckt als im Text.

Gespielt wird sie vom Orchester der örtlichen Musikschule, die Detlev Glanert vor 20 Jahren aufbauen half und die heute 1200 Schüler hat – in einer Kommune von 14 000 Einwohnern, aus denen sich auch der sattelfeste Opernchor rekrutiert. Da geht das Konzept der Verbindung von Laien und Profis ebenso auf wie beim musiktheatralischen Spektakel „Dedalus“ nach James Joyce: Zur Musik zeitgenössischer Italiener haben sich die Laientheatergruppen aus den Dörfern versammelt, nun toben 60 Charaktere vom Polizisten bis zur Hure über die Piazza. Gern hätte Glanert auch Theater für Kinder geboten, doch das fiel der Krise zum Opfer: Der Etat schrumpfte um ein Fünftel auf 210 000 Euro. Es grenzt an ein Wunder, dass dabei noch 40 Konzerte und sechs Musiktheaterabende in zwei Wochen herauskamen.

Das beeindruckt nicht nur die Ausländer, die ein Viertel der Besucher stellen, sondern auch die Eminenz der italienischen Avantgarde. Keinen Geringeren als Salvatore Sciarrino sieht man auf der Piazza, einen Komponisten, dessen Opern vor allem in Deutschland aufgeführt werden. Dieses Jahr ist er mit Kammermusik vertreten, fürs nächste Jahr plant Glanert die italienische Erstaufführung von „Luci mie traditrici“, Sciarrinos flirrender Eifersuchtsoper. Freilich braucht man dafür auch einen Dirigenten vom Format Roland Böers, bis 2008 Kapellmeister an Frankfurts Oper, jetzt musikalischer Leiter in Montepulciano. Ein glasklar gestaltender 39-Jähriger, der auch ein Orchester britischer Studenten zu Höchstleistungen bringt. Was die Streicher des Royal Northern College of Music Manchester bieten, ist spannender als ein Salzburger Galaabend.

Der Minimal-Art-nahen Filmmusik, die Henze 1965 zum „Törless“ schrieb, folgt da eine Rarität, mit der Franz Liszt gründlich vom Image des Salonlöwen in Wagners Schatten befreit wird. Seine infernalische „Malediction“ für Klavier und Streicher, 1833, ist von einer so unverschämten Modernität, als habe es vorher keine Musik gegeben. Bayreuths Richard ist ein Biedermann gegen den tastenklirrenden Mondflug, zu dem Solist Markus Bellheim abhebt, einer, der Liszts irre Strukturen so klar hinmeißelt, dass man darauf der Schwerkraft entsteigen kann. Und das macht er, wie alle Gastkünstler, für umsonst. Gegen Kost und Logis. Wobei man nicht vergessen sollte, dass dazu eben auch der berühmte Wein der Gegend zählt. Wer, von Tönen erfüllt, den Nobile mit Blick über seidige Hügel kostet, der weiß, allerspätestens, warum jedes Leben mehr wert ist, als die Mafia je begreift.

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