Cappella Palatina : Der gemeinsame Himmel

Muslime und Christen unter einem Dach: die einzigartige Cappella Palatina in Palermo.

Paul Kreiner
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Dieses Nebeneinander gibt es nirgends sonst auf der Welt. Die arabische Decke und die byzantinischen Mosaiken der Cappella...

Eine katholische Kathedrale, an deren Fassade die erste Seite des Koran eingemeißelt ist – wo gibt’s denn so was? In Palermo. Seit tausend Jahren. Und keiner stößt sich daran. Im Gegenteil: In der Hauptstadt Siziliens gilt die angstfreie Begegnung zwischen Christentum und Islam, zwischen der abendländischen und der orientalischen Kultur als selbstverständlich; die Stein gewordenen Beweise dafür finden sich auf Schritt und Tritt.

Sie stammen aus dem angeblich so dunklen Mittelalter, das für Sizilien die glücklichste Epoche seiner Geschichte war. Die schönste Manifestation dieser Kulturverschmelzung ist nach mehrjähriger Renovierung jetzt wieder zu sehen: die Cappella Palatina, eine byzantinisch-arabisch-lateinische Hofkapelle der normannischen Könige. Es waren ausgerechnet zwei „Barbarenhorden“, die zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert Sizilien zum Blühen brachten: Zuerst eroberten die Araber in ihrem „Dschihad“ die von Byzanz beherrschte Insel; 831 fiel Palermo in ihre Hand. Zweieinhalb Jahrhunderte später kamen die Normannen, die Nachfahren der Wikinger, die mit ihren Raubzügen zuvor das fränkische Reich in Schrecken versetzt hatten.

Die Araber machten „Balarmu“ zur Hauptstadt eines reichen Emirats, zogen eigene und sizilische Kunsthandwerker und Architekten hinzu, kultivierten das Land der „Goldenen Muschel“ um Palermo, bewässerten Stadt und Äcker über Kanäle, die teils bis heute in Betrieb sind, führten Orangen ein, Zitronen, Mandeln, Feigen, Pistazien, Zuckerrohr. Reisende feierten das „Paradies auf Erden“. Bis heute gelten die Araber als Begründer der sizilianischen Süßspeisenkultur. Und: Sie beschenkten Italien mit seiner Hauptspeise, den Spaghetti. Im 12. Jahrhundert notiert der Geograf al’Idrisi, östlich von Palermo gebe es „weite Landgüter, die derartig viele würmchenartige Nudeln herstellen, dass sie damit auch andere musulmanische und christliche Territorien versorgen, in welche sie beträchtliche Mengen exportieren“.

Von 1061 an rücken die normannischen Brüder Roger und Robert „Schlaukopf“ Hauteville gegen Sizilien vor; 1072 fällt ihnen Palermo in die Hände. In der bislang dreisprachigen Stadt – arabisch, griechisch, hebräisch – wird nun auch noch Latein gesprochen und in nordfranzösischen Dialekten. Vertrieben wird niemand: Die christianisierten Normannen machen kulturell da weiter, wo die Araber aufgehört haben. Nur dass es jetzt keinen „Emir“ mehr gibt, sondern einen „Ammiratus“ – mit einem vielschichtigen Beamtenapparat. Notare, Richter und Offiziere sind Lateiner oder Byzantiner; Prälaten kommen aus Frankreich und England; Schreiber und sonstiges Büropersonal sind Muslime, die ihre Erfahrung aus der arabischen Administration weitergeben. Dokumente tragen häufig drei Jahreszahlen: „ab Erschaffung der Welt“ nach byzantinischem Brauch, „ab der Hidschra, der Flucht nach Messina“ nach muslimischer Rechnung und „ab Christi Geburt“ nach christlicher Zählweise.

Auch den höfisch-orientalischen Lebensgenuss führen die Normannen weiter. König Roger II. lässt in seinen arabisierend-seidenen Krönungsmantel die Worte sticken, der Hof sei „bei Tag und bei Nacht voll von Vergnügungen ohne Unterlass“. Haben sich muslimische Reisende zu arabischen Zeiten darüber mokiert, wie locker der Koran in „Balarmu“ ausgelegt und wie „schamlos“ dem Wein gehuldigt wurde, so kommen sie unter den Normannen aus der Bewunderung nicht mehr heraus.

König Roger II., Sohn des gleichnamigen Sizilieneroberers und überragende Herrscherfigur, gibt der Kulturverschmelzung eine architektonisch-philosophischreligiöse Gestalt. Am 29. Juni 1143 weiht er die Hofkapelle ein, die Cappella Palatina, in der orthodoxe und römische KultErfordernisse gleichermaßen berücksichtigt werden. Guy de Maupassant sollte sie später als das „wichtigste religiöse Juwel“ bezeichnen, „das vom menschlichen Geist erdacht worden ist“.

Apsis, Kuppel und Wände der Cappella lässt Roger II. mit byzantinischen Bildmosaiken bedecken; dass Ost und West schon fast hundert Jahre lang getrennte Wege gehen, spielt keine Rolle. Byzanz bleibt nicht nur Bezugspunkt für alle, die eine Königswürde beanspruchen, sondern auch tragender Pfeiler sizilischer Kultur. Das Gold der Mosaiken ist es, das seither – und nach der Renovierung nun noch stärker – die Besucher in Bann schlägt.

Sie lassen sich blenden. Denn der zweite, eigentliche Schatz dieser Kirche ist so gut wie nicht zu sehen: der weltweit größte Komplex mittelalterlicher islamischer Malerei an der hölzernen Decke der Kapelle. Bis zur Erfindung der Fotografie wusste kaum jemand, welche feingliedrigen Miniaturen sich hoch oben im vermeintlichen Einheitsbraun der Balken und Bretter verbergen. Bis heute existiert keine Veröffentlichung, die diesen Komplex dokumentieren würde – und den Touristen vor Ort gibt die sizilianische Denkmalverwaltung leider keine Hilfestellung.

Zeigen die byzantinischen Mosaiken den himmlischen Hofstaat von Christus als Allherrscher der Welt, so verherrlichen die islamischen Malereien die irdischen Freuden am normannischen Hof. Da sitzt der bärtige König mit untergeschlagenen Beinen auf einem Kissen, einen Weinkelch in der Hand, hinter ihm zwei Diener zum Nachschenken. Da musizieren Flötenspieler für Tänzerinnen mit Kastagnetten, Palmen spenden Schatten, Brunnen sprudeln, Frauen reiten auf Elefanten, Männer auf Löwen. Ein Schwarzer ringt mit einem Weißen, Schachspieler brüten über ihrer Partie, Adler stürzen sich auf Kamele, eine Sphinx prunkt mit einem Diadem. All das ist umrahmt von kufischen Schriftornamenten: Dem König wird „Gesundheit, Schönheit, geordnete Herrschaft, Sieg!“ gewünscht.

Im Hauptschiff ist die Decke mit Gips und Stoffbahnen sogar dreidimensional modelliert, wie eine Tropfsteinhöhle. „Muqarnas“ heißt die in den Adelspalästen von Palermo danach gerne übernommene Dekoration. Die Bilderwelten vervielfachen sich: In jedem „Stalaktiten“ gibt es Höhlungen, Vorsprünge, Facetten, die ausgemalt werden können. Und in der Palatina ist jede bemalt.

Woher die Künstler gekommen sein könnten, darüber ist sich die Forschung nicht einig. Jedenfalls verraten die Dekorationen einen starken ägyptisch-fatimidischen Einfluss. Dieser speist sich aus Bildelementen wie den Mandelaugen, die aus Zentralasien stammen müssen. Ein derart weiträumiger Kulturaustausch verdankt sich der islamischen Ökumene jener Zeit. Dennoch tendieren die meisten Forscher dazu, Muslime aus Palermo, also von der örtlichen Multikulturität durchdrungene Einheimische, für die Schöpfer des Bilderhimmels zu halten. Vom sonst üblichen muslimischen Bilderverbot kann hier keine Rede sein: 750 Figuren-Darstellungen zählt die Decke.

Als die normannischen Hauteville ausstarben, fiel Sizilien an Rogers Enkel, den berühmten Staufer Friedrich II. Dieser war an Palermo bald nicht mehr interessiert; damit endete die sizilianisch-multikulturelle Kreativität. Friedrich, heute als toleranter, moderner Herrscher gerühmt, eroberte 1243 die letzten arabischen Städte – um Ruhe zu haben vor den politischen und religiösen Streitigkeiten in Sizilien. Die Muslime siedelte er in Apulien an, weit entfernt von ihrer Heimat. Dort ging Europas Geschichte über sie hinweg.

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