„Carmen“ auf den Bregenzer Festspielen : Karten lügen nie

Überdrehtes Spektakel: Die Bregenzer Festspiele eröffnen mit einer furiosen „Carmen“, Wasserballett inklusive.

Markus Thiel
Großer Wurf. Carmen-Bühnenbildnerin Es Devlin hat schon für Beyoncé und Kayne West Shows ausgestattet.
Großer Wurf. Carmen-Bühnenbildnerin Es Devlin hat schon für Beyoncé und Kayne West Shows ausgestattet.Foto: Felix Kästle/dpa

Reden wir nicht übers Wetter. Darüber, wie sich eine Stunde vor Beginn aus dem Engadin eine schwarze Wolkenwand heranwälzt. Wie sich ein Sturm erhebt, wie zu Vorstellungsbeginn der Regen kommt, der sich zum Wolkenbruch steigert. Auch nicht darüber, wie in gefährlicher Nähe ein Gewitter vorbeigrollt, viele trotz Regenhaut die Contenance verlieren und ins Trockene fliehen. Jede andere Vorstellung wäre mutmaßlich abgebrochen worden, doch diese genießt Premierenschutz. Eher sollte man reden über: „Carmen“ im Freien, mit Dramaturgenskalpell auf knapp zwei pausenlose Stunden gestutzt und aufgedonnert zur Show – passt das wirklich?

Schon einmal, nicht so furchtbar lang ist das her, hatten die Bregenzer Festspiele mit Puccinis „Bohème“ ein Kammerspiel riskiert. Und abzüglich der Schenkenlieder bei Lillas Pastia plus Torero-Getöse und Schmugglerchören verhält sich das beim ewigen Hitlistenführer von Georges Bizet ja ähnlich. Doch die Vorarlberger haben die Kurve genommen, auf eigenwillige Weise. Regisseur Kasper Holten, als Intendant gerade von Londons Royal Opera House geschieden, hat dazu ziemlich viel an die Bühnenbildnerin Es Devlin und ihr wie locker in die Luft geworfenes Kartenspiel delegiert.

José ist gleich Pik-Bube, die Angebetete Herz-Dame, eine Anspielung auf Carmens Weissagungen und Monumentalkommentar für Begriffsstutzige. Wobei: Wer die erste halbe Stunde aufs Geschehen im Bodensee blickt, wähnt sich im gut abgehangenen Repertoire. Chorauftritt, Herumstehen, Solo-Garnierung, Abtritt – kennt man alles von lustlos reanimierten Otto-Schenk-Aufführungen.

Es läuft geölt wie ein Westend-Musical

Doch dann tut sich was, und der Beginn entpuppt sich als Luftholen, als Anlauf zum Spektakel. Puristen könnten sich ekelnd abwenden von den Stuntmen, die auf dem Canasta-Blatt hocken, sich abseilen, von Micaela, die in 15 Meter Höhe ihre Arie in den Nachthimmel barmt, von der heißen Ballettszene im knöcheltiefen Wasser, bei der es so schön gischtet und spritzt, erst recht von den Feuerwerksraketen, die als Kommentar zu Escamillos Gegockel in der Nacht zerplatzen.

Kasper Holten, Es Devlin und Choreografin Signe Fabricius geben da dem Publikum ordentlich Zucker – doch es funktioniert und läuft geölt wie im Westend-Musical. Vielleicht auch, weil manches in seiner Wirkung so überdreht ist, dass man schon wieder Distanz und Ironie im Effekt erahnt. Bis hin zu den Videos von Luke Halls, die immer wieder andere, sich drehende Karten präsentieren und manchmal auch die Sänger in Großaufnahme. In zweistündiges Grübeln dürfte das manchen Zuschauer versetzt haben: Gibt es für jede dieser Karten zwischen den Frauenarmen, die anmutig aus dem Wasser ragen und deren Nägel leichten Spliss zeigen, gar einen eigenen Projektor?

Erstaunliche Präzision

Solche hohen Schauwerte gehen allerdings auf Kosten der Sänger. Es gibt Szenen, bei denen nicht ganz klar ist, wer gerade dran ist oder wer was mit wem verhandelt. Kasper Holten müsste hier im Folgejahr lichten, fokussieren, einsamen Menschen auf beruhigter Riesenbühne vertrauen – so wie in der letzten Viertelstunde, als alles zusammenschnurrt auf die Auseinandersetzung zwischen José und Carmen. Dass die nicht mit einem Messerstich endet, sondern brutaler, feuchter, mit quälend langen Sekunden, versteht sich am Bodensee von selbst.

Erstaunlich, aber das ist eine Bregenzer Binsenweisheit, die Präzision. Fliegt etwa das Schmugglerquintett in vielen Opernhäusern gern auseinander, bleibt hier alles synchron, mehr noch: Paolo Carignani, nach dem Rückzug von Ulf Schirmer so etwas wie der Generalmusikdirektor am See, ruht sich nicht aus auf der wirkungssatten Partitur. Mit den Wiener Symphonikern und dem Prager Philharmonischen Chor wagt er hier eine Puzzelei, dort eine hintergründige Verbremsung, dann nimmt alles wieder enorm Fahrt auf. Details werden (auch dank der grandiosen Tontechnik) nie übertrieben, die großen Nummern behalten trotz klanglicher Ballung Eleganz und Geschmeidigkeit. Paolo Carignani, das ist der Unterschied zur Bühne, spielt nicht Grand Opéra, sondern stückgerecht Opéra comique.

Das Ensemble verdient eine Verneigung

Traditionell sind die Rollen bis zu dreifach besetzt, aus der Premierenriege ragt Gaëlle Arquez in der Titelrolle heraus. Weniger wegen der gesundheitsgefährdenden roten High Heels: Diese Carmen wirft nicht einfach die Mezzo-Orgel an oder buhlt forcierend um Aufmerksamkeit. Arquez durchlebt die Partie tatsächlich, bis in die kleinste Nuance, doch dies vollkommen selbstverständlich, als seien ihr Habanera & Co. gerade erst eingefallen.

Elena Tsallagova nutzt die dankbare Micaela-Partie zu nie verpiepsten, reifen Tönen. Scott Hendricks ist ein raubauziger, vokal ergrauter Escamillo, Daniel Johansson wird immer ökonomischer, vorsichtiger – was soll’s: So klatschnass, wie dieser José am Ende alles bewältigt, verdient nicht nur er, sondern das gesamte Ensemble eine bodentiefe Verneigung. Rund 70 Minuten sind die Wolkenschleusen offen, zu Micaelas Arie beginnt es am Firmament sogar zu funkeln. Den besten Regie-Einfall haben die Himmel sich vorbehalten

Vorstellungen bis 20. August auf der Seebühne. Im Festspielhaus gibt es außerdem Rossinis „Moses in Ägypten“. Weitere Informationen unter www.bregenzerfestspiele.com

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