Kultur : Carmen in der Westbank

Gesten der Versöhnung: Daniel Barenboim dirigiert in Ramallah das erste Konzert des neuen palästinensischen Jugendorchesters

Andrea Nüsse

Der 10-jährige Janal schlägt mächtig auf seine Pauke ein. Dabei trifft der Junge öfter den Metallrand des Instruments, was ein schepperndes Geräusch ergibt. Die vier jungen Mädchen an den Celli konzentrieren sich auf die Noten, Vibrato können sie noch nicht: Sie haben erst im Januar angefangen, das Streichinstrument zu lernen. Vorher gab es hier keinen Cellolehrer.

Auch das Orchester probt erst seit sechs Monaten. Doch als der letzte Ton des munteren, mitreißenden Tanzes von Anton Dvorak in der Aula der Friends Boys School in Ramallah verklungen ist, kann sich das Publikum nicht mehr auf seinen Klappstühlen halten: Stehende Ovationen bringen die 250 Zuhörer den etwa 25 jungen Musikern im Alter zwischen zehn und 18 Jahren, die zuvor ein Arrangement der Ouvertüre von Bizets „Carmen“ gespielt hatten. Das ist mehr als die Begeisterung ehrgeiziger Eltern für die musikalischen Fortschritte ihrer Sprösslinge: Bei dieser Premiere liegt ein Hauch von Geschichte in der Luft. Und nationaler Stolz. Denn diese jungen Menschen bilden den Kern des ersten nationalen palästinensischen Jugendorchesters. Ekstatisch entlädt sich die Begeisterung, fast vermag man die Erleichterung darüber zu spüren, dass Palästinenser endlich einmal mit erhabenem Gefühl auf ihre Leistung blicken können. Und da ist die Dankbarkeit für den Maestro, den kleinen weißhaarigen Mann, der mit energischen Armbewegungen und aufmunternden Gesten das heterogene Ensemble dirigiert und zusammengehalten hat: Daniel Barenboim, der Jude, der Israeli, der mit seiner Vision die jungen palästinensischen Jugendlichen zu dieser Höchstleistung gebracht hat.

Auch er ist stolz: „Im letzten August habe ich hier verkündet, dass es in fünf Jahren ein palästinensisches Jugendorchester geben wird“, sagt der Pianist und Generalmusikdirektor der Staatsoper unter den Linden in Berlin, „und acht Monate später können wir bereits zwei kurze Stücke spielen.“ Mehr Stücke umfasst das Repertoire bisher wirklich nicht. „Das erinnert mich an meinen ersten öffentlichen Auftritt mit sieben Jahren“, sagt Barenboim in den Applaus hinein. „Nach dem siebten Stück musste ich dem Publikum, das immer noch klatschte und mehr hören wollte, mitteilen, dass ich alles gespielt hatte, was ich konnte. Heute ist das genauso.“ Und so wird als Zugabe einfach noch einmal die Ouvertüre zur Oper „Carmen“ gespielt.

Die Schaffung eines palästinensischen Jugendorchesters ist ein Projekt der Stiftung, die Barenboim und der kürzlich verstorbene palästinensische Intellektuelle Edward Said ins Leben gerufen haben. In enger Kooperation mit der Friends Boys School, einer 1901 von den Quäkern in Ramallah errichteten Schule, und dem palästinensischen Konservatorium soll die musikalische Erziehung palästinensischer Kinder verstärkt werden. Dazu haben sich seit September letzten Jahres drei junge deutsche und ein österreichischer Musiker in Ramallah niedergelassen. Sie unterrichten am Konservatorium und in palästinensischen Schulen. Bezahlt werden sie von der Barenboim/Said-Stiftung die ihren Sitz in Sevilla hat und von der andalusischen Regierung finanziell unterstützt wird. Zu ihnen gehört auch der österreichische Cellist Erich Oskar Huetter. „Ich unterrichte nur Anfänger, weil es in Ramallah vorher keinen Cellolehrer gab“, sagt der junge blonde Mann, der in Österreich zwei Festivals leitet und Konzerte gibt. „Auch wenn die Kinder hier noch nie von Dur und Moll gehört haben, weil es das in der arabischen Musik so nicht gibt, habe ich einige hoch begabte Kinder unter meinen Schülern. Sie sind vor allem sehr neugierig, begeisterungsfähig und intuitiv.“

Ansteckend ist auch der Elan des Musikers Barenboim. Der in Ramallah nur als „Daniel“ bekannte Musiker ist bereits zum vierten Mal hier und man hat den Eindruck, als sei er in Ramallah schon fast zu Hause. Auch wenn er einen Leibwächter dabei hat. Dennoch scheint der israelische Staatsbürger hier unumstrittener als in Israel, wo er auf Grund seines Engagements für die Palästinenser, seiner Aufführung von Wagner-Musik und seiner kritischen Worte gegenüber der aktuellen israelischen Politik auch Feinde gemacht hat. Doch für seine Kunst wird er heute in der Knesset mit dem Wolf-Preis ausgezeichnet.

Stand bei seinen ersten Besuchen in Ramallah noch die symbolische Grenzüberschreitung im Vordergrund – ein prominenter Israeli reist in die Palästinensergebiete – so glich dieser Aufenthalt einem normalen Arbeitsbesuch: Probe mit dem Jugendorchester, Gespräche mit den Musiklehrern, eine Meisterklasse für Klavierschüler am Morgen und das Konzert am Abend, bei dem auch der Pianist Barenboim aufgetreten ist: Tapfer hat er zwei für Beethoven-Sonaten gegen laut rauschende Ventilatoren und von draußen hereindringende Gebetsrufe der Muezzine angespielt. Zwischendurch hat er den Neubau der Palästinensischen Medizinischen Hilfsdienste besichtigt, einer Nichtregierungsorganisation, die sein Freund Mustafa Barghouti leitet, eine der führenden Figuren der palästinensischen Zivilgesellschaft.

Barenboim interessiert das noch im Rohbau befindliche Auditorium, das den bisherigen Konzertsaal Ramallahs, die Aula der Friends Boys School, ersetzen soll. So steigt der Musiker im braunen Leinenanzug über Bauschutt und Betonröhren und gibt Anregungen, wie man durch künstliche Resonanz die Akustik bei Konzerten auch in einem Saal verbessern kann, der für Vorträge und Kino gleichermaßen genutzt werden soll. Als sein Blick durch eine Öffnung ins Freie fällt, will er gleich wissen, was auf diesem Stück Land geplant ist: In Erinnerung an seinen verstorbenen Freund und Partner Edward Said will Barenboim einen Kindergarten in Ramallah eröffnen.

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