"Carrefour" in der ifa-Galerie : Schwebende Düfte, schwerer Kopf

Im Labyrinth des Souks: Die Gruppenschau „Carrefour“ in der Berliner ifa-Galerie erinnert an die Marrakesch-Biennale 2014. Von dort gingen wichtige Impulse aus.

Jens Hinrichsen
Videoinstallation
Appell an die Menschlichkeit. Leila Alaouis „Übergänge“, eine Videoinstallation von 2013.Foto: ifa-Galerie

Schwappendes Meer, so schrecklich blau, kein Ufer in Sicht. Dreimal, dreifach monoton, hat die französisch-marokkanische Künstlerin Leila Alaoui in ihrem Video das Wasser-Filmbild nebeneinander- montiert, dazu erklingt die matte Stimme eines Mannes, der offenkundig nicht mehr weiß, wohin. Zurückkehren? Weiterfahren? Sterben? „Crossings“ widmet sich Menschen, die aus Subsahara-Afrika nach Europa flüchten. Alaouis Kamera steht nicht am Ufer. Statt dieser Beobachterperspektive, die zurzeit unsere Nachrichten beherrscht, versucht die Künstlerin vielmehr, den Blick der Flüchtlinge einzunehmen.

„Crossings“ war bereits im Frühjahr 2014 auf der Marrakesch-Biennale zu sehen, ebenso zwei weitere Werke der Gruppenschau „Carrefour / Treffpunkt“ in der ifa-Galerie. Die Kuratorin Alya Sebti leitete die fünfte Marrakesch-Biennale und hat ein ähnliches Konzept – mit verkleinerter Besetzung und teils anderen Arbeiten – für Berlin entwickelt. Die „Spot on“-Reihe des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) stellt Kunstbiennalen ins Rampenlicht, die weniger von sich reden machen als ihre großen Geschwister in Venedig oder São Paulo.

Wie Künstler Sprachen und Wege finden, Trennendes zu überwinden, war eine zentrale Frage der Marrakesch-Biennale. Wichtigster Schauplatz war die Altstadt mit dem berühmten Marktplatz Djemaa el Fnaa und dem Souk, in dem sich schon mancher Tourist verlaufen hat. Die Berlinerin Clara Meiste hat 2014 mit ihren „Singing Maps“ ein Orientierungssystem für die Medina entwickelt. An bestimmten Punkten der Altstadt waren marokkanische Musiker platziert, verschiedene Musikstile dienten als akustische Hinweisschilder. In Berlin präsentiert Meister ein maßstabsgetreues Modell der Medina, zugleich eine Lautsprecherbox, aus der die arabischen Rhythmen erklingen. Das Ganze ist auch als CD am ifa-Counter zu erwerben.

Andere Sinne dem Sehen vorziehen

Akustische Zeichen statt Beschilderung: Das kann vor Ort zu neuer Verwirrung führen – aber auch zu ungeahnten Begegnungen und überraschenden Erlebnissen. Auch die Japanerin Megumi Matsubara zieht dem Sehen einen anderen Sinn vor, den Geruchssinn. Ihr Parfum „La Japonaise“ besteht aus acht verschiedenen Düften, die die Künstlerin im Ausstellungsraum schweben lässt. Dazu hat sie eingerahmte Texte an die Wand gebracht, die von Intimität, Nacktheit und Schamgrenzen künden: „Trage die Kleider, die du zu tragen fürchtest.“ Kunst für die Nase ist ein ungewohntes Terrain, auf dem sich der Betrachter sehr auf sich allein gestellt fühlt.

Ein klares Programm vertritt dagegen Max Boufathal. Bei der Pressekonferenz stellt sich der französisch-marokkanische Bildhauer als „Kopf einer kriminellen Organisation“ vor, die zeitgenössische Kunst zerstören wolle. Die Peripherie schlägt zurück, so mag das klingen, wobei (symbolische) Kunstzerstörung durch Neupositionierung vom heutigen Betrieb erwünscht ist. Leider sind nur zwei von Boufathals abstrahierten Masken zu sehen. Nach Guerilla-Kunst sehen sie nicht aus, und sie bieten auch zu wenig Material für Rückschlüsse auf eine künstlerische Strategie.

Im Fall von Yassine Balbzioui genügen schon die Fotos von ebenfalls maskenartigen Objekten, um sich die Performances des Marokkaners vorzustellen: Während seiner Live-Auftritte verarbeitet Balbzioui Objekte und Flüssigkeiten auf seinem Kopf, bis er an der Last der Monstermaske zu ersticken droht. Das dürfte selbst für die Zuschauer an Tortur grenzen.

Wie erreicht der Künstler sein Gegenüber, sein Publikum? Mit Appellen an die Menschlichkeit, wie bei Balbzioui und Alaoui? Über den Geruchssinn, wie Megumi Matsubara es versucht? „Carrefour“ ist keine leicht konsumierbare Ausstellung. Sie fordert das Publikum. Nur wenn der Rezipient mitspielt, kann aus den Galerieräumen, dem Titel gemäß, ein „Treffpunkt“ werden. Verständnis sei möglich, wenn man „die eigenen Fixpunkte loslassen kann“, wenn man erkennt, dass „jedes Zentrum subjektiv ist“, schreibt Kuratorin Alya Sebti im Katalog. Vielleicht ist das auch als Seitenhieb auf Großveranstaltungen wie die Venedig-Biennale gemeint. In diesen Tagen funktioniert die Lagunenstadt schließlich als Dreh- und Angelpunkt der Kunstwelt. Natürlich kann man das venezianische Kunstmarktkarussell, das noch bis November läuft, kritisch betrachten.

Aber Marrakesch hat durchaus seine Stars. International bekannt ist etwa Saâdane Afif. Der algerisch-französische Künstler zeigt in Berlin einen Tisch mit kleinen Kegeln, Pyramiden oder Quadern sowie Tafelzeichnungen, allesamt Objekte, die im vergangenen Jahr auf dem Platz Djemaa el Fnaa entstanden sind. Jeden Abend während der Marrakesch-Biennale bot Afif zwischen Gauklern und Geschichtenerzählern Geometrieunterricht an. Die Sprache der Geometrie verbindet Kulturen. Kreise, Quadrate, Punkte, Linien kennt und begreift jedes Kind. Die Gemeinsamkeiten sind da. Trotzdem scheint es, etwa in der Flüchtlingsfrage, an Empathie und Solidarität zu fehlen. Hoffentlich bleiben künstlerische Appelle wie Leila Alaouis „Crossings“-Video nicht ungehört.

ifa-Galerie, Linienstraße 139-140, bis 4. Oktober; Di bis So 14 – 18 Uhr.

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