Kultur : Casio und Perestroika

Kleine Schwester der Strokes: Regina Spektor stellt ihr Album in Berlin vor

Jens Mühling

Das Leben mit dieser Frau muss die Hölle sein. Wenn Regina Spektors Alltag auch nur entfernt ihrer Musik ähnelt, dürfte ein Tag mit ihr etwa so aussehen: Sie wacht am späten Nachmittag auf. Erzählt, dass sie von Orangen geträumt hat. Will Orangen zum Frühstück. Singt beim Duschen von Aprikosen. Will keine Orangen mehr, Aprikosen auch nicht, weil das im Traum wohl doch Mandarinen waren. Isst eine halbe Kiwi. Zerdrückt mit dem Daumen die andere Hälfte, weil ihr das Geräusch gefällt. Springt auf, will spazieren gehen, aber nur mit Regenschirm. Weint, weil es nicht regnet. Lacht, weil es nicht schneit. Wünscht sich ein Fahrrad. Wünscht sich ein Segelboot. Spielt Klavier, schläft ein, die rechte Hand auf dem tiefen G, die linke auf dem hohen Fis. Wacht um drei Uhr nachts wieder auf und hämmert bis zum Morgengrauen dissonante G-Fis-Rhythmen in die Tasten.

Trotzdem würde jeder Mitbewohner dieser Frau bedingungslos verzeihen. So wie auch jeder Hörer Regina Spektor ihr flatterhaftes Gewese vergibt, weil so zauberhafte Musik daraus wird. Sprunghaft arrangierte, simpel orchestrierte Songs, getragen meist nur von Spektors kitschverliebtem Klavierspiel und ihrem stimmgewaltigen Kieksgesang, mitunter angereichert um ein paar Streicher, versponnene Computerrhythmen oder leises Getrommel, das Spektor selbst auf den Flügel klopft. Anfänglich wurde ihr Sound noch der New Yorker AntiFolk-Szene zugerechnet, obwohl er mit dem auf Punk gebürsteten Liedermachertum eines Adam Green nie viel zu tun hatte. Höchstens die zum Kompositionsprinzip erhobene Sprunghaftigkeit: Nie steht mehr als eine kleine musikalische Idee am Anfang eines Songs, ein somnambuler Einfall, den Spektor mit diebischer, fast kindischer Freude variiert, bevor sie ihn auf halber Songlänge abrupt fallen lässt, weil ihr etwas Neues in den Sinn gekommen ist. „You take the things you like / Then try to love the things you took“, heißt es in „On the Radio“, einem der Stücke auf dem neuen Album „Begin to Hope“. „And then you take that love you made / And stick it into someone else’s heart.“

Aus welchen Fundstücken Spektor ihre Liebesgaben zusammenklaubt, spielt dabei letztlich die geringste Rolle: Es kann ein bestimmter Kiekser sein, eine kurze Billie-Holiday-Reminiszenz, ein Triolenrhythmus aus dem Drumcomputer. Das Bild, das einem immer wieder vor Augen schwebt beim Durchhören der Platte: die Selbstvergessenheit russischer Straßenmusiker, die in U-Bahn-Unterführungen auf billigen Casio-Keyboards Rachmaninow spielen.

Vielleicht keine ganz zufällige Assoziation: „Soviet Kitsch“ hieß das erste Studio-Album der russischstämmigen Sängerin, die erst mit 15 von Moskau nach New York umsiedelte und nach eigenen Angaben vorher kaum Popmusik gehört hatte. Als man ihre ersten Aufnahmen mit Tori Amos, mit Björk und Joni Mitchell verglich, hörte sie diese Namen zum ersten Mal. Auch die Musik der Strokes will sie nicht gekannt haben, bevor deren Sänger Julian Casablancas sich bei einem New Yorker Kellerclub-Auftritt in Spektors traumwandlerischen Sound verliebte, der so wenig mit dem spröden Garagenrock der Strokes gemeinsam hat. Casablancas fand den Gegensatz so reizvoll, dass er Spektor die Konzerte der „Room on Fire“-Tour eröffnen ließ und später das betörend brüchige Duett „Modern Girls and Old Fashion Men“ mit ihr aufnahm, zu finden auf der Strokes-Single „Reptilia“.

Inzwischen füllt die „kleine russische Schwester der Strokes“, wie die amerikanische Rockpresse sie fortan nannte, selbst Konzerthallen. Mit Zuschauern, die ihr jede musikalische Kindsköpfigkeit dankend verzeihen.

„Begin to Hope“ (Warner Music). Regina Spektor spielt am heutigen Dienstag um 21 Uhr im Magnet Club.

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