Kultur : Castros Geburtstag: Fidel wie eh und je

Richard Herzinger

Am Anfang hatte Fidel Castro das Zeug dazu, ein Held der westlichen Welt zu werden. Als er 1959 mit seiner Guerilla-Armee Havanna eroberte und das korrupte Batista-Regime vertrieb, repräsentierten er und sein messianischer Mitkämpfer Che Guevara den Aufbruch einer jungen Nachkriegsgeneration, die aus der Versteinerung der Kalten -Kriegs-Ordnung ausbrechen und mit der Verheißung von Demokratie, Freiheit und Menschenrecht ernst machen wollte. In seiner Gestalt bündelten sich unbestimmte Hoffnungen nicht nur der eigenen Nation auf eine Welt, in der Mitgefühl, Kreativität und Selbstbestimmung das Zusammenleben prägen sollten. Darin glich Castro John F. Kennedy, der fast zeitgleich mit ihm an die Macht kam und ironischerweise bald zu seinem ärgsten Feind werden sollte.

Zum Zeitpunkt seiner Machtergreifung in Kuba dachte noch niemand daran, dass Castro auf der Zuckerinsel eine marxistisch-leninistische Diktatur errichten und das Land in die wirtschaftliche und kulturelle Verödung treiben würde. Castro selbst war damals noch kein Kommunist, sondern ein idealistischer, patriotischer Sozialrevolutionär. Die lateinamerikanischen kommunistischen Parteien betrachteten ihn als einen kleinbürgerlichen Abenteurer. Mit einer kleinen Schar verwegen anzusehender Getreuer hatte er einen Kleinkrieg begonnen, der allen revolutionären Lehrbüchern zu Folge als aussichtlos anzusehen war. Dennoch siegte er und setzte ein Fanal für die Auflehnung Lateinamerikas gegen die Herrschaft der Oligarchien, die den Kontinent ausplünderten und in Abhängigkeit von der Übermacht der USA hielten - eine Karriere wie aus dem historischen Märchenbuch.

Übereifrige Idealisten wie Castro wurden im damaligen Lateinamerika üblicherweise von irgendwelchen Militärs oder durch eine US-amerikanische Invasion weggeputscht. Castro aber entschloss sich zu einer ungeheuren Grenzüberschreitung: Er führte, im Hinterhof der Vereinigten Staaten, das erste sozialistische Gesellschaftssystem auf amerikanischen Boden ein und verbündete sich mit der Sowjetunion. Sein Wille, unter allen Umständen an der Macht zu bleiben, brachte die Welt an den Rand des Atomkriegs: Auf sein Betreiben hin wollten die Sowjets auf Kuba Mittelstreckenraketen stationieren, was Kennedy als casus belli betrachten musste. Bekanntlich gab Chruschtschow einen Schritt vor dem Abgrund nach. Doch Kuba war nunmehr faktisch unangreifbar geworden. Alle Versuche der CIA, Castro zu beseitigen, muten eher wie makabere Burlesken an. So versuchte man, ihm eine vergiftete Zigarre unterzuschieben und eine Bombe auf seinem Lokus zu installieren.

Che Guevara war mit dem Ausgang der Kuba-Krise 1962 unzufrieden. Dieser revolutionäre Apokalyptiker war der Überzeugung, die kommunistischen Staaten müssten notfalls einen Atomkrieg riskieren, um die Herrschaft des "Imperialismus" zu brechen. Guevara erfüllte sich seine Todessehnsucht schließlich im Dschungelkrieg von Bolivien, während sein alter Kampfgefährte, der sich längst "Maximo Lider" nennen ließ und mehr ein kubanischer Nationalist war denn ein schwärmerischer Weltrevolutionär, zu Hause seine Allmacht befestigte. Als Märtyrer war Guevara für Castros Herrschaft letztlich nützlicher denn als Chef der Staatsbank, der das Geld abschaffen oder als Erziehungsminister, der den "neuen Menschen" kreieren wollte. Färbte doch etwas von Guevaras utopischem, chiliastischem Glanz nun auf den narzistischen Machtmenschen und rabiaten Machisten Fidel ab.

Der Diktator als Popstar

Obwohl sich Kuba seit den sechziger Jahren mehr und mehr in einen "normalen" kommunistischen Staat mit Einparteiensystem, Gesinnungspolizei und gleichgeschalteter Presse verwandelte, der Homosexuelle zur Zwangsarbeit aufs Land verfrachtete, wo sie in der frischen Luft "gesunden" sollten, behielt die rote Insel bei linken Intellektuellen in aller Welt den Nimbus einer romantischen Alternative zu den grauen Funktionärsstaaten des Ostblocks. Dazu trug entscheidend Castros persönliches Charisma bei, das ihn von den üblichen mumienhaften KP-Führern abhob. Überhaupt war Fidel im Westen niemals nur Feindbild, sondern auch eine Art Popstar auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Lächerlichkeit. Wenn er sich als Boxer oder Basketballspieler präsentiert und als Baseball-Fan outet, kommt das in den westlichen Medien bis heute gut an. Er signalisiert damit ganz nebenbei auch eine schier unverwüstliche Vitalität und ungebrochene Kondition.

Diese befähigt den leidenschaftlichen Rhetor nicht zuletzt zu seinen notorischen Endlosreden zum Jahrestag der Revolution. Dass er sich auf seine alten Tage noch immer mit Vorliebe in den Kampfdrillich des "Commandante" wirft, unterstreicht den operettenhaften Zug seiner selbstherrlichen Einmannherrschaft. Andererseits verblüfft er auch seine Gegner immer aufs Neue durch seine intellektuelle Wachheit, seinen virilen Charme, durch Schlagfertigkeit und sarkastischen Witz: Erst kürzlich höhnte er, um den Störungen durch die Globalisierungsgegner zu entgehen, sollten sich die Staatschefs der G8 in Zukunft doch auf einer Raumstation im All treffen.

Obwohl Kuba unter Castro innenpolitisch zu einem Subventionsbetrieb und weltpolitisch zu einem Satellit Moskaus wurde - Fidel hieß auch die Okkupation der Tschechoslowakei 1968 gut -, konnte er sich einen gewissen Spielraum des Eigensinns bewahren, was ihm zu Ansehen im Kreis der "blockfreien" Nationen verhalf. Trotz seines grundsätzlichen machtpolitischen Realitätssinns leistete er sich hin und wieder gar ein wenig außenpolitisches Abenteurertum - etwa, als er Truppen nach Angola schickte, um die prokommunistische MPLA im Bürgerkrieg zu unterstützen. Zwar wurde der "Fidelismus" zur Inspiration für alle lateinamerikanischen Guerillabewegungen; eine revolutionäre "Schule" mit eigener Dogmatik hat der revolutionäre Selfmademan aber nie hervorgebracht. Heute ragt die Herrschaft des starrsinnigen Diktators wie ein Fragment aus einer längst verflossenen Epoche in die Gegenwart hinein. Über die ideologischen Schablonen, die sein Denken beherrschen, ist die Zeit längst hinweggegangen. Dass er auch noch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers überstehen würde, hat wohl kaum jemand für möglich gehalten. Doch dies gelang nur auf Kosten weiterer Verarmung und gesteigerten Verfalls seines zugrundewirtschafteten Landes.

Geschichte in der Warteschleife

Castros Sozialismus ist nur noch ein Potemkinsches Dorf mit einer Schattenwirtschaft, in der der Dollar regiert und Schwarzhandel und Prostitution blühen. Das politische System, das er den Kubanern aufgezwungen hat, wird ihn kaum überleben. Vor dessen deprimierender Hinterlassenschaft werden die positiven Errungenschaften seiner Regierungszeit wie die Alphabetisierung des Landes und die für Lateinamerika vorbildliche Gesundheitsfürsorge verblassen. In Miami steht eine prosperierende Gegengesellschaft von zwei Millionen Exilkubanern bereit, um die Insel aus der Erstarrung zu wecken und in eine neue Epoche zu führen.

Vielleicht wird sich die Tatsache, dass Castro so lange durchgehalten hat, gar noch als ein Vorteil erweisen. Hass- und Racheenergien konnten so inzwischen abklingen, und eine Nacht der langen Messer wird es deshalb hoffentlich nicht geben. Die USA werden gefordert sein, einen demokratischen Übergang zu garantieren. Ein blutiges postkommunistisches Chaos vor ihrer Haustür werden sie sich kaum leisten können. Wer weiß, vielleicht nehmen sie Kuba dereinst sogar als ihren 51. Bundesstaat auf?

Auf Kuba ist die Zeit stillgestellt. Die Geschichte verharrt in Bereitschaftshaltung. Sie wartet mit gefasster Ungeduld auf das Ableben des greisen Führers, der einst die Freiheitsfantasien der Jugend der Welt beflügelte und am Ende als der letzte Autokrat Lateinamerikas übrig geblieben ist. Was aber, wenn er 100 Jahre alt wird?

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