CD-Edition : Jazz in Deutschland: Schwester, das ist heiß

Ein enzyklopädisch angelegtes, rekordverdächtiges Unternehmen: Die CD-Edition "Der Jazz in Deutschland“ versammelt Musik aus hundert Jahren.

Christian Schröder

Vom Vergnügungslokal in den Keller, durch Stadthallen und Theater zurück auf die Tanzdiele: Das ist, grob vereinfacht, der Weg, den der Jazz in den letzten hundert Jahren in Deutschland genommen hat. Um die vorletzte Jahrhundertwende erreichte diese seltsame neue Musik aus Amerika die deutschen Varietés und Singspielhallen, sie wurde von Theaterkapellen und Orchestern gespielt, bald auf GrammofonPlatten und Klavierrollen festgehalten und eroberte in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren die Swing-Paläste.

Die Wiedergeburt nach dem Jazz-Verbot der Nationalsozialisten und dem Krieg fand unter alliierter Hilfe in den Clubs der amerikanischen Befreier und – so der Jazz-Pianist und -Kritiker Michael Naura – im „Untertagebau der Jazzkeller“ statt. In den sechziger und siebziger Jahren stieg der Jazz dann in die Sphären der Hochkultur auf, wurde mit Festivals geehrt und auf große Bühnen gestellt. Am Ende, um die letzte Jahrhundertwende herum, ist er für DJ-tauglich befunden, mit Etiketten wie „Acid Jazz“, „Ethno-Jazz“ oder „NuJazz“ versehen worden und wieder auf der Tanzfläche angekommen.

Es ist eine abenteuerliche, zuweilen aberwitzige Geschichte, die auf der gerade erschienenen CD-Edition „Der Jazz in Deutschland“ erzählt wird. Die Auswahl, zusammengestellt von den MusikHistorikern Horst Bergmeier und Rainer E. Lotz, beginnt 1899 mit Wilhelm Iff’s Orchestra und endet im Jahr 2005 mit einem halb elektronischen Stück des Schlagzeugers Wolfgang Haffner. Ein enzyklopädisch angelegtes, rekordverdächtiges Unternehmen: Die zwölf CDs versammeln 282 Titel mit einer Gesamtlänge von rund 16 Stunden. Dazu kommen vier Booklets, die auf über 600 Seiten kleine Einführungen und Informationen zu allen Stücken enthalten. Dabei steht das Obskure neben dem Wichtigen.

Die Geschichte des Jazz in Deutschland ist die Geschichte einer geglückten Aneignung: wie deutsche Musiker sich daranmachen, Ragtime, Swing, Foxtrott und Bebop nachzuspielen, wie sie anfangs noch hüftsteif wirken und dabei schließlich ihre eigene Kunst erfinden, den „deutschen Jazz“.

Aus blechernem Rauschen, Brummen und Knuspern schälen sich die frühen Stücke heraus, die auf Schellack- und Azetat-Platten, Metallnotenscheiben, Klavier- und Pianola-Rollen aufgenommen wurden. Der Jazz im Kaiserreich – wenn man davon überhaupt schon sprechen kann – war vor allem eins: Blasmusik. Schneidig, nassforsch, dampfkapellenhaft gehen die Musiker ans Werk, die „Happy Days In Dixie“ und andere Ragtimes, Two-Steps oder Cake Walks adaptieren. Die „Cotton Blossoms“, ein amerikanischer „March comique“, wird 1908 sogar vom „Kaiser Franz“-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 eingespielt, damals die bedeutendste Berliner Militärkapelle. Das Foto von Militärkapellmeister Adolf Becker zeigt einen mit Orden dekorierten Militär mit Wilhelm-II.-artigem „Es ist erreicht“-Schnurrbart.

„Come, my lady, eine kleine Dance, yes? Alright!“, ruft der Tenor Rudolph Seibold mit wienerischem Akzent seiner Bühnenpartnerin Mizzi Zwerenz zu, dann startet ein waghalsiger Cake Walk am Klavier aus der Operette „Frühlingsluft“. Amerikanischen Jazz kennen die deutschen Musiker meistens nur aus zweiter oder dritter Hand, die fremden Kompositionen spielen sie ohne Synkopen. Mit den Fisk Jubilee Singers, ehemaligen Sklaven aus Nashville, ist bereits 1878 erstmals ein Spiritualchor in Deutschland aufgetreten. Später sorgen vor allem die Tänze amerikanischer Schwarzer für Furore.

„Die Tanzart ist eine ganz freie, man beachte, dass die Fußspitze hervorgestreckt, das Knie möglichst hochgehoben und die Beine schwebend nach dem Takt der Musik vorwärtsbewegt werden“, heißt es in einer „Tanzbeschreibung“ des Cake Walk. Jazz entstand aus der Bewegung. In Amerika brachen die Pioniere von New Orleans nach Chicago und New York auf. Auch deutsche Profimusiker waren viel unterwegs, europaweit und bis in die USA. So landete der Pianist Wilhelm Iff als Orchesterchef in Glasgow. „Mit seinem Klavier, seiner Band und seinem Lächeln konnte Iff tote Männer zum Tanzen bringen“, hieß es über ihn.

Berlin wird Mitte der zwanziger Jahre zur Jazzmetropole. Während der Inflation hatten ausländische Orchester Deutschland noch gemieden, weil sie nicht in Devisen bezahlt werden konnten. Es ist eine Welt versunkener Namen und Orte, die hier rumpelnd wiederaufersteht. Die Band des russischen BalalaikaSpielers Boris Romanoff, nach der Oktober-Revolution in Berlin gestrandet, spielt „How ’ya Gonna Keep ’em On The Farm“. Der kapitalismuskritische Schlager handelt von schwarzen Soldaten, die aus den Schützengräben in die rassistische Wirklichkeit ihrer Farmen zurückkehren. Eric Borchard, ein deutscher Jazzvorreiter mit anglifiziertem Namen, jubelt „Oh Sister, Ain’t That Hot“. Seine Band posiert mit Krawatte und schnittigen Bügelfalten vor dem Berliner Café Schön. Weitere Stars: die Weintraub Syncopators unter Leitung von Friedrich Hollaender, der brasilianische Saxofonist Eduardo Andréozzi und Sam Wooding’s Orchestra, das mit der „Chocolate Kiddies Revue“ nach Berlin kam und als erste echte „Neger-Jazz-Band“ in Deutschland gefeiert wurde.

„Fragwürdige, vom gesunden Volksempfinden als ,Negermusik’ bezeichnete Tanzmusik, in der ein aufreizender Rhythmus vorherrscht und die Melodik vergewaltigt wird“, nannten die Nazis das und verbannten den Jazz aus dem Radio. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird das Abhören von „Feindsendern“ unter Androhung drakonischer Strafen verboten. Der Jazz überlebt trotzdem, klandestin: in den jazzifizierten FoxtrottSchlagern von Peter Kreuder oder Michael Jary, in Greta Kellers Chansons mit Scat-Einlagen. Auf Bombenstimmung und Schrumpf-Swing folgt der TrümmerJazz von Freddie Brocksieper, Helmut Zacharias und dem Max Greger Sextett.

„Mit Ausnahme der wenigen, die Armstrong vor Angst zitternd unter der Bettdecke gehört hatten, war Deutschland nach Kriegsende ein armseliges Entwicklungsland in Sachen Jazz“, resümiert Michael Naura. Bald boomt das Genre, es zersplittert sich in Stile und Subszenen.

Die CD-Edition stellt die Entwicklung unter die Überschrift „Ein frischer Wind“, widmet sich dem Dixieland-Revival, den Modern-Jazz-Adepten in Ost und West von Jutta Hipp über Albert Mangelsdorff und Rolf Kühn bis Ernst-Ludwig Petrowsky. Auch Außenseiter wie Inge Brandenburg haben ihren Auftritt, die in Kinderheimen aufwuchs und 1961 zur besten Jazz-Sängerin Europas gewählt wurde.

Auf Volker Kriegels funkige Jazzrocknummer „Zoom“, aufgenommen 1971 mit Sitar und E-Gitarre, folgt der zeitgleich in Ost-Berlin entstandene „SOK- Rock“ von Ulrich Gumpert. Klangverwandtschaften über Grenzen hinweg. Die Gegenwart: unübersichtlich, spannend. „The sky is the limit“, raunzt der Rapper Capital A in „The One-Tet“ vom Berliner Klangkollektiv Jazzanova. Und die Chansonsängerin Lisa Bassenge zerlegt ihre Stimme in elektronische Puzzleteilchen. Micatone heißt ihre Band, ein italienischer Slang-Begriff für „ohne Ton“.

„Der Jazz in Deutschland“, vier Digipacks mit zwölf CDs, erschienen bei Bear Family Records

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