• CDU-Chefin unter Druck: "Merkel hat niemanden, dem sie blind vertraut" - Welche taktischen Fehler der Parteienforscher Lösche sieht

Kultur : CDU-Chefin unter Druck: "Merkel hat niemanden, dem sie blind vertraut" - Welche taktischen Fehler der Parteienforscher Lösche sieht

Herr Lösche[CDU-Chefin Angela Merkel hat in]

Herr Lösche, CDU-Chefin Angela Merkel hat in jüngster Zeit einige einsame Entscheidungen getroffen und damit Teile der Partei gegen sich aufgebracht. Was macht sie falsch?

Merkel macht einen Fehler: Sie starrt zu sehr auf die Basis der Partei und hofft auf das direktdemokratische Element. Damit hat sie bei der Kandidatur für die Parteispitze gute Erfahrungen gemacht. Für die Vorbereitung einer Kanzlerkandidatur reicht das aber bei weitem nicht. Merkel unterschätzt die Führungsgremien der Partei, den Parteivorstand, die Fraktion, die Landesvorsitzenden. Das ist bei der CDU ganz wichtig, denn sie ist föderal organisiert.

Was bedeutet das genau?

Das ist geschichtlich so angelegt. Die CDU wurde von unten her gegründet, und so haben traditionell die Ortsverbände, Kreisverbände, Bezirksverbände ein relativ großes Maß an Autonomie. Es gibt pro Bundesland einen Landesverband, und einige sind noch in Bezirksverbände unterteilt. Das macht in der Summe etwa 25 Leute, die wichtig für Merkel sind. Die muss sie umwerben, ständig Kontakt halten. Das kann eine große Machtressource sein, wenn man sie nutzt.

Das hat Kohl wohl besser beherrscht?

Kohl hat mit seiner berühmten Telefon-Diplomatie das System perfektioniert. Regelmäßig hat er bis runter zum Ortsverbandsvorsitzenden mit allen telefoniert. Ständig hat er die gesamte Parteiorganisation bearbeitet, mit ihr kommuniziert, das war eine seiner wichtigsten Machtressourcen. Auf dieser Klaviatur vermag Merkel nicht zu spielen. Das kann sie die Kandidatur kosten.

Wenn man die Leute so anschaut, die jetzt Merkel kritisieren, könnte man auf die Idee kommen, dass das System Kohl noch funktioniert.

Die Allmacht Kohls ist gebrochen. Aber ein paar alte und treue Weggefährten gibt es natürlich noch. Wenn sich zum Beispiel jetzt der Bremer CDU-Chef Bernd Neumann zu Wort meldet, ist klar, was das zu bedeuten hat.

Und Merkels innerparteiliche Konkurrenz? Wie sehen Sie Roland Koch?

Merkel weiß genau, dass ihr Zeitfenster nur bis 2002 geht. Danach hat sie im Grunde keine Chance mehr auf eine Kanzlerkandidatur. Vorausgesetzt, dass Koch die nächste Landtagswahl in Hessen gewinnt und die CDU die Bundestagswahl 2002 verliert, dann ist Koch zum zweiten Mal Sieger und fast automatisch Kanzlerkandidat für 2006. Vom Alter her gibt es nur zwei mögliche Sieger: Koch und Peter Müller, aber der ist zu liberal. Koch kann gut nach rechts integrieren. Das ist bei der CDU wichtig, damit ihre Wähler nicht in Richtung Republikaner oder DVU abdriften. Er ist aber auch fähig, zur Mitte zu integrieren. Wenn er die Finanzaffäre übersteht, wonach es aussieht, bringt ihm das innerparteilich große Sympathien. Und: Merkel hat noch keine Wahl gewonnen.

Hat Merkel ein Beratungsdefizit?

Absolut. Sie ist ungeheuer misstrauisch, und es gibt niemanden, dem sie blindlings vertraut. Das hat, wie sie auch selbst sagt, mit ihrer Sozialisierung in der DDR zu tun. Jeder Politiker, der in dieser Klasse spielt, braucht aber ein bis drei Leute, die ihm vorbehaltlos die Wahrheit sagen. Sie müssen absolut loyal sein und dürfen selbst keine politischen Ambitionen haben. Das fehlt ihr dringend.

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