Kultur : CDU-Spendenaffäre: Er hat an Gewicht verloren

Peter Siebenmorgen

Dass er immer noch alle Schliche eines wichtigen Politikers beherrscht, demonstriert Altkanzler Helmut Kohl von Zeit zu Zeit. Beispielsweise im letzten Sommer, als er sich bei einem Grunewalder Italiener mit dem späteren CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel traf - "Sie müssen das machen, Frank" - und auch einen Fotographen bestellte. Denn das Bild sollte in "Bild" verbreitet werden, damit ein jeder sehe, ohne ihn, Kohl, könne immer noch keine wichtige Personalie in der Union entschieden werden.

Der Trick ging auf: Nachdem das Foto in den Zeitungen war, wollte alle Welt, dass aus dem alten Patriarchen nun der Pate der CDU geworden sei, dessen Segen es bedürfe. In Wirklichkeit kann davon keine Rede sein. Kohls Einfluss auf die Geschicke und Entscheidungen der Union tendiert gegen Null. Höflich, das ja, und auch respektvoll sind sie jetzt wieder fast alle zu ihm, dem Kanzler der Einheit. Gleichgültig ob Merkel oder Merz, einen Gefallen tun sie ihm gern: Gelegentlich konsultieren sie Kohl, etwa vor außenpolitischen Terminen, um ihn nicht im Gefühl allein zu lassen, ausgegrenzt zu sein.

Auch Gerhard Schröder tut dies im Übrigen von Zeit zu Zeit, so nach dem 11. September. Worauf ein SPD-Abgeordneter, der zu den schärferen Vertretern im Untersuchungsausschuss zählt, gelästert hat: "Deshalb können wir Kohl nicht in Untersuchungshaft nehmen. Sonst müsste Schröder sich ja nach Moabit begeben, um sich in der Haftanstalt den Ratschlag seines Vorgängers abzuholen."

Dazu ist es nicht gekommen - Kohl bleibt ein freier Mann. Und das schließt auch die Freiheit ein, der Trauerfeier für den Finanzminister seiner ersten drei Kabinette, Gerhard Stoltenberg, fern zu bleiben, wie jüngst geschehen. Was Kabinettsdisziplin à la Kohl bedeutet, konnte man dabei en passant studieren. Außer Schäuble fehlten alle Ministerkollegen aus der Zeit vor 1989.

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