Cecilia Bartoli in der Philharmonie : Die Liebe, ach, die Liebe!

Sie versteht es wie keine Andere, die feinsten Schattierungen des Lebens hörbar zu machen. Cecilia Bartoli gibt ein umjubeltes Benefizkonzert für die Staatsoper in der Philharmonie.

von
Cecilia Bartoli und Daniel Barenboim
Cecilia Bartoli überreicht Daniel Barenboim eine Rose aus ihrem Blumenbouquet.Thomas Bartilla

Unter tosendem Applaus schwebt sie auf die Bühne, umweht von einem Traum aus türkisem Tüll. Cecilia Bartoli ist in die Philharmonie gekommen, um ein Benefizkonzert zugunsten der Staatsoper zu geben. Es soll der letzte Abend einer langen Reihe sein, in der auf Einladung von Daniel Barenboim bereits Anna Netrebko, Plácido Domingo, Rolando Villazón, Simon Rattle, Anne-Sophie Mutter, Lang Lang oder auch Martha Argerich aufgetreten sind. Was sich bei so einer Soiree zusammenbringen lässt, ist letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, angesichts der Summen, die die Sanierung des Stammhauses Unter den Linden verschlingt – trotz happiger Eintrittspreise von bis zu 250 Euro. Es ist die Geste, die zählt: Ein Zeichen des Dankes an die Politik seitens des Generalmusikdirektors, der dafür die berühmtesten seiner Künstlerfreunde mobilisiert.

Bei Joseph Haydns „Arianna a Naxos“ bleiben zunächst noch die Stühle leer, die auf der Bühne für die Staatskapelle bereitstehen. Hier wird Cecilia Bartoli nur von Daniel Barenboim am Flügel begleitet, allerdings mit einem äußerst suggestiven Spiel von durchaus orchestralem Charakter. Als „Kantate“ firmiert das Opus in Haydns Werkkatalog, doch die Mezzosopranistin macht hier ein Minidrama für Solo-Primadonna daraus: Wie sie als Ariadne auf der Kykladeninsel erwacht und, noch halb schlaftrunken, Ausschau nach ihrem Geliebten Theseus hält, das ist recitar cantado in Reinkultur, „singendes Sprechen“ also, so wie sich der erste Meister der italienischen Oper, Claudio Monteverdi, die ideale dramatische Deklamation nach altgriechischem Vorbild einst vorgestellt hat.

Von Liebesleid bis zur blanken Wut

Ein Lamento, ein berührender Klagegesang, ist die erste Arie. Sublim, wie Cecilia Bartoli den Übergang von der Sehnsucht zur Angst darstellt. Einer Angst, die sich zur schrecklichen Gewissheit verfestigt, als Arianna von einem Felsen aus Theseus’ Boot am Horizont entschwinden sieht. Alle Facetten von Liebesleid über Verzweiflung bis zur blanken Wut mischt die Sängerin auf furiose Weise im Finale – ohne dabei freilich die natürlichen Ausdrucksgrenzen der Wiener Klassik zu überschreiten. Das Publikum im ausverkauften Saal dankt ihr dafür mit jener seltenen Art von besonders intensiv prasselndem, hörbar von Herzen kommendem Beifall, wie man ihn von den letzten Auftritten Claudio Abbados noch im Ohr hat.

Was die Kunst der Textausdeutung betrifft, ist Cecilia Bartoli derzeit konkurrenzlos im italienischen Repertoire. Wie keine zweite Interpretin versteht sie es, den Theoriebegriff der Rhetorik in packendem Gesang zu verlebendigen, die feinsten Schattierungen der menschlichen Seele hörbar zu machen.

Dass es dabei um Nuancen geht, wird in der mozartschen Konzertarie „Ch’io mi scordi di te“ deutlich, in der eine Frau emotional schier zerrissen wird zwischen Neigung und Pflicht. La Bartoli bleibt ganz im ästhetischen Rahmen des Rokoko, macht keinen Effekt greller nötig – und trifft damit genau den Kern dessen, was in den Noten steht.

Momente der Innigkeit

Weil Cecilia Bartoli gerne in fremde Körper schlüpft, erscheint sie nach der Pause für die Hosenrolle des Sesto aus Mozarts „Clemenza di Tito“ im Habit eines Edelmannes des 18. Jahrhunderts – mit Samtjacke, Spitzenjabot und hohen Stiefeln. Auf dem Cover ihrer CD mit Werken des Barockkomponisten Agostino Steffani hat sie sich 2012 sogar als kahlköpfiger Priester ablichten lassen. Doch wie viel raffinierter noch sind ihre vokalen Verkleidungen, die Virtuosität, mit der sie sich ins Nervenkostüm einer jeden ihrer Bühnenfiguren zu versetzen vermag. Dafür wird sie am Sonntag ausgiebig gefeiert.

Mozarts spätes A-Dur-Klavierkonzert wäre da als Abschluss dieses beglückenden Abends gar nicht mehr zwingend nötig gewesen. Zumal man die Ecksätze von Daniel Barenboim auch schon deutlich inspirierter gehört hat. Im Adagio allerdings vermag er dann doch selbst den erschöpftesten Hörer wieder zu packen, mit seiner Art, Momente der Innigkeit zu schaffen und überraschende harmonische Entwicklungen körperlich spürbar zu machen.

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