Kultur : Centrum Judaicum: Die Reise zu den Lebendigen

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Wieviel Gegenwart verträgt ein Jüdisches Museum? Durch das Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße, wo eine Dauerausstellung die Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde dokumentiert, wandert nun außerdem, bis zum 20. Mai, eine Wanderausstellung: 25 bunte Piktogramme. Im ersten Raum zeigen die auf Leuchtboxen installierten Signets einen Monitor, einen Helm, Eheringe und das Kalenderblatt vom 9. November. Bildunterschriften in Deutsch und Russisch informieren über jüdische Internet-Links, über die Wehrpflicht von "Opfern" der dritten Generation, über das jüdische Eheinstitut in Frankfurt (Main). Den Kontrast zur kühlen Orientierungs-Ästhetik der Mini-Ikonen des dritten Jahrtausends geben, im Ambiente des orientalisierenden 19. Jahrhunderts, die klassischen Judaica des Centrum Judaicum: ein prächtiger Thoravorhang, eine Thorarolle, außerdem das Modell der goldüberkuppelten Neuen Synagoge. Im zweiten Raum kontrastieren Ruinen-Relikte dieses im Krieg zerstörten Sakralbaus die Piktogramme, auf denen ein Grabstein mit Hakenkreuz, ein Steuerformular, ein Pass zu sehen sind. Im dritten Raum präsentiert die Dauerausstellung alte Fotos, die Wanderausstellung dagegen Boxhandschuhe, einen Krückstock, eine Rabbinerin. Auch im Treppenhaus sind Leuchtboxen installiert. "Zeichen des Alltags" heißt die vom Berliner Ausstellungsbüro x:hibit konzipierte Illustration "jüdischen Lebens in Deutschland heute". Zuletzt war sie in der Marienkirche Frankfurt (Oder) zu sehen (siehe Tsp 3. 4.), die nächste Station ist der Leipziger Hauptbahnhof. In Berlin sollten die Piktogramme ursprünglich in den Libeskindbau einziehen, wo zur Zeit eine historische Ausstellung entwickelt wird; gewiss wären sie dort hilfreich gewesen, als "demusealisierender" und "entmystifizierender" Beitrag (so die Absicht der x:hibit-Leute) zur Darstellung jüdischer Nachkriegsgeschichte. Denn "Zeichen des Alltags" vermittelt lakonisch aufklärend die Erkenntnis, dass nicht nur tote Juden interessante Juden sind: eine Zeitreise ins deutsche Jetzt.

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