Kultur : Centrum Judaicum: Neulich, im Ghetto

Moritz Schuller

Rettet Frau Servi! Kauft ihre Kekse! Elena Servi ist die letzte Jüdin des toskanischen Dorfes Pitigliano. Zwei jüdische Männer gibt es dort auch noch, den Kurzwarenhändler Massimo Cató und Enrico Spizzichino. Der ist Versicherungsvertreter, das Foto zeigt ihn in schwarzem T-Shirt und geschlosenen Augen vor seinem Computer. Am einfachsten kann man Frau Servi retten: ein Video zeigt Frau Servi beim Keksebacken. Die Kekse und das Video kann man in der Ausstellung "Paradiso - Diaspora" kaufen.

Meshulash, auf Hebräisch Dreieck, heißt die Künstlergruppe, die dem wunderbaren Sachverhalt auf die Spur gekommen ist, dass Paradiso und Diaspora sich aus den gleichen Buchstaben zusammensetzen. Für das eine sind Meshulash Experten, als "jüdische Wahlberliner", die "in der Diaspora zuhause" sind. Im Rahmen der jüdischen Kulturtage wollen sie "für kreative Unruhe" sorgen, und das heißt im Centrum Judaicum: Frau Servi beim Backen, Installationen, Bilder, Performances. Der Stahlstich einer Straßenszene von L Haghe aus dem Jahr 1874 wird mit einer Sprechblase versehen: "Schön", sagt da jemand, "nach 2000 Jahren im Vatikan wieder bei der Mischpoke zu sein." Titel des Werks: "Neulich, im Ghetto." Daneben spielt ein Radio Gesprächsmitschnitte aus Unterhaltungen mit römischen Juden, und eine Besucherin erzählt aus dem Berliner Leben: Mit ihrer asiatischen Freundin sei sie in der U-Bahn gefahren und plötzlich hätte ein Jugendlicher zu seinen Freunden gesagt: "Die gehört schon lange in die China-Pfanne." Ihre Freundin, sie spricht ja fließend deutsch, hätte sich dann ganz groß vor denen hingestellt und gesagt: "Ihr solltet Euch schämen." So klein wären die Jugendliche dann geworden, sagt die Frau und dabei läßt sie nicht viel Platz zwischen Daumen und Zeigefinger. Bei der Eröffnung der Ausstellung führt jemand ein kleines rosa Stoff-Schwein an der Leine, aus dessen Leib eine Flagge stakst: "Bei Euch bin ich doch sicher, oder?"

Pitigliano taucht immer wieder auf. Im Ölbild der Stadt von Peter Petri reckt sich ein orthodoxer Jude nach einem Ferrari-T-Shirt, das auf der Leine trocknet. Pitigliano in der Toskana war 1850 noch die größte jüdische Gemeinde Italiens: 25 Prozent der Einwohner waren Juden. Übrig sind Fotografien des jüdischen Friedhof, der alten Synagoge und die drei letzten Juden des Ortes. Meshulash hat sieben italienische Künstler eingeladen, an der Ausstellung teilzunehmen. Zusammen sollte es zu einer radikalen "italienisch-deutsch-jüdischen Dekonstruktion" kommen. Ob das gelungen ist, könnte abschließend nur ein deutsch-jüdischer Kunsthistoriker mit italienischen Erfahrungen sagen. Wie Curt Glaser zum Beispiel. Glaser war erst Arzt, später Kunstkritiker, dann lange Jahre Direktor der Berliner Kunstbibliothek. Glaser war mit Matisse befreundet, mit Kirchner, über Edvard Much hat er die erste deutsche Biographie geschrieben. In seiner Dienstwohnung in der Prinz-Albrecht-Straße 8 führte er einen Salon, den "Montag-Abend-Empfang". Die kleine Ausstellung, die die Kunstbibliothek am Kulturforum ihrem einstigen Direktor widmet, zeigt Glaser auf einem Foto von 1925 in der Bibliothek seiner Wohnung. Ein weiteres Bild von 1927 zeigt den Flur der Glaserschen Wohnung: links lehnt das großformatige Porträt, das Max Beckmann von dem Museumsmann angefertigt hatte. Wieder ein Jahr später: Glaser mit Frau Elsa, Carl Koch und William Cohn. Bilder eines etablierten Lebens. Nur wenige Jahre später bleibt Glaser für immer in Italien, die Kunstgewerbeschule in der Prinz-Albrecht-Straße 8 samt seiner großbürgerlichen Dienstwohnung wird zur Zentrale der Gestapo.

"Es sind nicht die Steine, die schrecklich sind", sagt Andreas Nachama, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, bei der Eröffnung der Ausstellung, "sondern die Menschen, die Steine schrecklich machen." Kurz bietet Italien Glaser und seiner zweiten Frau ein Exil, das Paradies ist es nicht. In Florenz schreibt er ein Buch über die Florentiner Renaissance, das unveröffentlicht im New Yorker Leo-Baeck-Institut lagert. Sie reisen noch nach Wien, Paris, Bad Gastein, aus seinem Berliner Amt ist er zu diesem Zeitpunkt längst entlassen. Glaser emigriert über Havanna nach New York. 1943 stirbt der Leipziger mit 64 Jahren in Lake Placid.

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