Kultur : C’est moi

Der großen Juliette Gréco zum 80. Geburtstag

Kerstin Decker

Ihr Konzert in der Philharmonie vor drei Jahren dauerte zwei Stunden. Ohne Pause. Da war sie 77. Kann sein, ihre Konzerte sind jetzt zehn Minuten kürzer. Oder nein: bestimmt sind sie eine halbe Stunde länger. Es würde zu ihr passen. Denn das „Ich“ wächst. „Si tu t’imagines“, „L’èternel féminin“, „J’en tremble“. Von etwas anderem als diesem „Ich“ handelten ihre Lieder nie. Es gibt keinen zweiten so ernst zu nehmenden Gegenstand auf der Welt, die Existenzialisten und sie haben das immer gewusst. Für beide sind Rente und Alter keine Kategorie.

Heute wird Juliette Gréco, die Meistersängerin des Existenzialismus, 80 Jahre alt. Und das Ich wächst noch immer! Sie sieht aus, wie sie immer aussah: eine Skulptur aus Elfenbein und Pechkohle. Das hat François Mauriac gesagt. Und genau so stand sie da vor drei Jahren, fast bewegungslos in der ersten Stunde. Aber das machte sie nicht, weil man sich nicht mehr so gern bewegt mit 77, nein, es war eher ein Mick-Jagger-Stillstand, ein Hochvibrationsstehen. Kann sein, ihre schöne dunkle Stimme ist noch eine Nuance dunkler geworden inzwischen.

Das ist gut so. Stimmen wie ihre sind Geheimnisträgerinnen, sie können gar nicht umhüllt genug sein. Uneingeweihte haben früher eine gewisse Monotonie ihres Timbres beanstandet, aber nur die Geheimnislosen brauchen den Wechsel. Die Hüterinnen nicht. Hüterinnen stehen und klingen gerade so wie vor über 50 Jahren, höchstens nachdrücklicher, seltsam stärker. Eigentlich hat es ihr immer genügt, irgendwo zu stehen und zu sein. Selbst in ihren Filmen war sie im Grunde nur anwesend, aber eben so, dass es ein Ereignis war.

Als Jean-Paul Sartre 1943 sein Hauptwerk schrieb, „Das Sein und das Nichts“ saß Juliette Gréco gerade im Frauengefängnis von Fresnes, ihre Resistance-Mutter und die Schwester hatte die Gestapo abgeholt. Der Vater, ein korsischer Polizeioffizier, war schon viel früher aus ihrem Leben verschwunden. Gute biografische Voraussetzungen für eine Existenzialistin. Und Sartre hatte nach Beendigung seines Hauptwerks genug Zeit, ihr Lieder zu schreiben. Viele haben das getan, aber Mauriac war der größte Gréco-Beschreiber: Sie sei ein „schöner, magerer, schwarzer Fisch“. Recht hat er. In der zweiten Stunde des Philharmoniekonzerts fiel die Starre ab und ihre Bewegungen wurden die einer Schwimmerin. Anziehen oder Abweisen – es ist ja fast dieselbe Geste. Ihren ersten Bühnenauftritt hatte Gréco 1942 als „Meereswelle“. Und so durchmaß sie dann in den Kneipen von St. Germain-des-Prés die Abstände zwischen dem Sein und dem Nichts – und hat seitdem nie mehr damit aufgehört. Anfang der fünfziger Jahre sprach man über sie erstmals in der Vergangenheitsform. Mit jedem Comeback wurde Juliette Gréco gegenwärtiger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben