Chailly und Argerich in der Philharmonie : Hier ist ein Ich ganz bei sich

Riccardo Chailly und Martha Argerich schaffen es, dem Abend mit Werken von Mendelssohn, Schumann und Rachmaninow einen fast schon erotischen Charakter zu verleihen.

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Die Pianistin Martha Argerich in der Berliner Philharmonie (Archivfoto).
Die Pianistin Martha Argerich in der Berliner Philharmonie (Archivfoto).

Was für ein prosaischer, staubiger Titel: „Ouvertüre zum Theater-Pensionsfonds“. Aber Mendelssohn-Kenner ahnen, dass auch in diesem Vorspiel zu Victor Hugos Drama „Ruy Blas“ Langeweile keine Chance hat. Die Feinstrukturiertheit, das Fiebrige, mit dem die Berliner Philharmoniker im ausverkauften Haus die selten zu hörende Partitur umsetzen, verspricht zudem Schönstes für diesen Abend. Dafür sorgen Riccardo Chailly, mit dem die Berliner ausnehmend gut können – und Martha Argerich.

Gleich in den ersten Takten von Schumanns Klavierkonzert findet sie zu einer Haltung, die für dieses Wunderstück der deutschen Romantik grundlegend ist: Hier ist ein Ich ganz bei sich, der Welt entrückt und ihr doch völlig zugehörig. Ein Ich, mal schlummernd, mal bei hellwachem Bewusstsein, kindlich und altersmilde zugleich, voller Abgeklärtheit und Weitblick. Und von einem Charakter, dem Argerich in klug dosierten Rubati Ausdruck verleiht.

Kontrastprogramm mit Rachmaninow

Was die Aufführung aber eigentlich auszeichnet, ist Chaillys Vermögen, die Philharmoniker betörend eng mit der Solistin zu führen (schon Clara Schumann fiel einst sofort auf, dass nie zuvor Klavier- und Orchestersatz so dicht verwoben waren wie in Opus 54). Sicher, manch Einsatz kommt leicht verspätet, einiges darf gern noch plastischer herausgearbeitet werden – etwa jener des Orchesters nach der Kadenz der Solistin im ersten Satz. Doch das trübt keineswegs den fast schon erotischen Charakter dieses Abends, den Gesang zweier Liebender in der Nacht.

Nach der Pause dann das Kontrastprogramm: Rachmaninows dritte (und letzte) Symphonie. Mit ein wenig gutem Willen könnte man auch den Russen als Spätkömmling noch zu den Romantikern eingemeinden. Seine Musik spricht von der Sehnsucht nach der geliebten Heimat, die er nach der Oktoberrevolution verlassen und nie wieder gesehen hat. Auch wenn die Philharmoniker mit vitalem, schwelgerischem Strich und tollen Soli ein deutliches Votum für das weitgehend unbekannte Stück abgeben: Ins Kernrepertoire wird es wohl nicht aufrücken.



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