Chamisso-Preisträgerin Marjana Gaponenko : Ein Lied und ein langer Seufzer

Von Odessa nach Mainz: eine Begegnung mit der Schriftstellerin und Chamisso-Preisträgerin Marjana Gaponenko.

Bernd Zabel
Marjana Gaponenko. Foto: Robert Bosch Stiftung
Marjana Gaponenko. Foto: Robert Bosch StiftungFoto: © Yves Noir/Robert Bosch Stiftu

Die Liebe zur deutschen Literatur war ihr nicht in die Wiege gelegt. Marjana Gaponenkos Vater ist Georgier, daher stammen ihre dunklen Augen und die tiefschwarzen Haare. Die Mutter, eine Filmaufnahmeleiterin, kommt aus Odessa, jener ukrainischen Stadt am Schwarzen Meer, die Marjana von früh auf prägte. Wie kam es also, dass die Gymnasiastin eines Tages Gedichte in deutscher Sprache zu schreiben anfing? Einen Teil verdankt sie einer alten Lehrerin, die trotz ihrer Strenge sehr warmherzig war, den anderen einem Privatlehrer, der den Grundstein ihrer schriftstellerischen Karriere legte, indem er sie für den Unterricht Geschichten auf Deutsch schreiben ließ. Gelernt hat sie natürlich auch aus der Lektüre deutscher Literatur. Nichts, sagt sie, rege einen so sehr zum Schreiben an wie der Versuch, sich großen Autoren anzuverwandeln. Der erste Impuls zum Kopieren könne auch zum selbstständigen Schreiben führen.

Gerade hat Marjana Gaponenko für Ihren zweiten Roman „Wer ist Martha?“ (Suhrkamp) in München den Adelbert- von-Chamisso-Preis für deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Herkunft bekommen. Der Protagonist des Buchs ist Lewadski, ein 96-jähriger Ornithologe aus der Ukraine. Lohnt es sich, fragt er sich, als todkranker Greis noch zu kämpfen – und wenn ja, wofür? So begibt er sich auf seine letzte Reise. Am Anfang bewundert er die theatralische Anonymität des Wiener Grandhotels, in dem er sein drohendes Ende genießen will. Dann aber, im Glanz der Lüster und Goldrahmen, wird ihm klar, dass sein Leben viel schöner war, als er dachte. Er findet Freunde, er findet zu sich selbst, und er geht in Frieden.

Der Weg bis zu Gaponenkos Aufnahme in den deutschen Literaturbetrieb war weit. Er begann damit, dass ihr der Journalist Moritz Senarclens de Grancy bei einem Spaziergang in Odessa riet, ihre Gedichte an deutsche Zeitschriften zu schicken. Der „Muschelhaufen“ griff zu, und das blieb nicht folgenlos. 2001 traf eine Einladung zu einem sechsmonatigen Literaturstipendium im Künstlerdorf Schöppingen bei Münster ein. Über Stationen in Dublin, Krakau und Frankfurt kam sie dann 2009 nach Mainz, wo sie heute lebt.

In der neuen Umgebung wagte sie sich an ihren ersten Roman. Der Tourismusverband Vorarlberg hatte einige Schriftsteller gefragt, ob sie eine kleine Geschichte über Lech am Arlberg schreiben könnten. Wer zustimmte, wurde eine Woche lang nach Lech eingeladen. Es entstand ein imaginärer Brief des Journalisten Petrov an seine Liebe Anna Konstantinowna. Kurz darauf beschloss sie, eine Antwort an Petrov zu formulieren und schlüpfte dazu in die Rolle der alternden Dorflehrerin Anna Konstantinowna.

Damit hatte das zweite Kapitel das Licht der Welt erblickt – der Rest war nur noch eine Frage der Zeit. Nachdem Piotrs erster Brief mit dem österreichischen Frau Ava Literaturpreis ausgezeichnet worden war, ermunterte sie ihr späterer Verleger Herwig Bitsche, mehr daraus zu machen. Ein Jahr später erschien dann Marjana Gaponenkos erster Roman „Annuschka Blume“ im Salzburger Residenz Verlag.

Und wo ist die Lyrik geblieben? „Gedichte erschienen mir auf einmal so kurzatmig“, erinnert sie sich. „Ich wollte singen, nicht einfach kurz aufseufzen, sondern ein richtiges Lied singen, ein Lied, das mit einem langen, unendlich langen Seufzer endet. Das ist meine Vision von Prosa. Sie soll lange nachhallen und ihrem Wesen nach der Lyrik trotzdem sehr nah sein.“ Ihr nächstes Buch soll übrigens in einer Kutsche spielen. Außerdem wird es um Möbel, Bäume und Geschichtsphilosophie gehen, um Zeit und Physik und eine neue Kinderpädagogik, die ein beinloser Kriegsveteran im Sinn hat, um Besitz und Besitzlosigkeit und um die Freiheit, sagt sie. Hauptsächlich um die Freiheit.

Wieviel davon findet sie im Schreiben? „Ich glorifiziere die Literatur nicht“, sagt sie. „Ich finde es entscheidend, das Herz für etwas frei zu halten, was mit dem Beruf, den man ausübt, nichts zu tun hat. Für das Andere eben. Man kann kein guter Schriftsteller sein, wenn man die Literatur zum Mittelpunkt seines Lebens macht. Man ist mit Blindheit geschlagen, wenn man nur für sie Augen hat. Ich kann mir vorstellen, dass ich mit 96, wenn ich alles gesagt habe, eine Schreinerlehre mache oder ein anderes wunderbares Handwerke lerne.“ Jetzt, mit 32 Jahren, hat sie zum Glück ihrer Leser noch drei Leben vor sich. Bernd Zabel

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