"Chamissos Schatten" bei der Berlinale : Die schöne Stille

Die Zeit wird vergessen: In ihrer 12-Stunden-Doku „Chamissos Schatten“ reist Ulrike Ottinger von Kamtschatka bis nach Alaska.

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Filmszene aus "Chamissos Schatten" mit Mariya Andreevna und Vladislav Sergeevich
Mariya Andreevna und Vladislav Sergeevich haben Ulrike Ottinger von ihrem Leben erzählt.Foto: Ulrike Ottinger

Ulrike Ottinger zog es oft gen Osten. Ihre Spiel- und Dokumentarfilme entstanden in der Mongolei, in China, Japan und Korea, von nahegelegenen Schauplätzen wie dem Balkan ganz zu schweigen. Mit langem Atem und ausgefeilter Kameraarbeit aufgenommen, ist ihr Kino seit 40 Jahren ein Abenteuer eigener Art, in dem sich Reiselust und Sinn für die malerische Plastizität landestypischer Bauten, Trachten und Kultgegenstände mit ethnologisch inspirierter Sammelleidenschaft mischen, durch ihr fotografisches Werk und ihre Installationen gegenseitig ergänzen und überschreiben.

Was noch fehlte auf ihrer Weltkarte: die äußerste Ostgrenze Russlands im Nordpazifik entlang der Halbinsel Kamtschatka sowie deren geografische Brücke hinüber nach Alaska, die Aleuten, eine 2000 km lange Inselkette, eine gewaltig große, von der Fischerei, Pelztierjagd und Rentierzucht geprägte Region, in der sehr wenige Menschen leben.

„Chamissos Schatten“, das Logbuch ihrer Reise, führt die Ruhe und Unberührtheit dieser Vulkaninseln, Küstenstriche und Tundren vor Augen. Deshalb, so erzählt die 73-Jährige, war sie überzeugt, dass ihre visuellen Reisenotizen diesem Atem folgen und drei Teile von fast 12 Stunden Filmzeit umfassen sollten.

Auf der Spur der Reiserzählungen von Chamisso und Cook

„Es ist nicht unbedingt das, was ältere Damen sich unter Wellness vorstellen“, lautet Ulrike Ottingers lakonische Antwort auf die Frage nach den Unbequemlichkeiten fern von touristischer Infrastruktur. In Alaska konnte die kleine Crew noch in Motels oder Privatunterkünften wohnen, auf der sibirischen Seite nur in improvisierten Unterkünften oder im Zelt. „Aber ich war in Hochform durch das viele Laufen. Man bewegt sich von morgens bis nachts draußen, und mehr als einmal haben wir am Strand gekocht.“

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Anders indes als in einem puren Naturfilm oder einer Reportage schließt die Filmemacherin an literarische und geistesgeschichtliche Vorläufer an und betont die europäischen Bezüge ihres fernöstlichen Projekts. Deutsche, französische und englische Schriftsteller, Ärzte, Naturforscher und Seefahrer, unter ihnen Adelbert von Chamisso, Georg Wilhelm Steller und James Cook, hinterließen historisch aufschlussreiche Reiseerzählungen, die Ulrike Ottinger mit den Stimmen von Hanns Zischler, Thomas Thieme und Burghart Klaußner neben eigenen Beobachtungen auf der Kommentarebene des Films zitiert.

Chamissos Märchen vom leichtsinnigen Peter Schlemihl, der vom Teufel im Tausch gegen seinen Schatten Siebenmeilenstiefel erhält, war einst als Hommage an den bewunderten Alexander von Humboldt gemeint. Bei Ulrike Ottinger wird es zum Motto ihrer eigenen Forscherneugier. 200 Jahre nach Chamisso erlebt sie fernöstliche Landschaften, filmt Pflanzen und Tiere, führt mehr als 30 Stunden Gespräche mit den Nachfahren der Unanganen, Tschukschen und Eskimos und erkundet Gemeinsamkeiten ihrer Kulturgeschichte auf beiden Seiten der Bering-See. Der Brauch des Potlatsch, erzählt die Regisseurin, habe dort beispielsweise mit „irrsinnig vielen Geschenken von kostbarsten Gegenständen und Handelsgütern“ zu Gegengeschenken genötigt und letztlich die friedliche Koexistenz befördert.

Der Zauber der frühen Weltreisen

„Chamissos Schatten“ knüpft auch an frühere Arbeiten Ottingers an. „Die Völkerkundemuseen teilen das Gebiet in Amerika und Russland, was unsinnig ist, weil beide zu einer Kulturfamilie gehören“, sagt sie. Die Menschen der mongolischen Steppe in ihrem 1992 gedrehten Film „Taiga“ seien verwandt mit den sibirischen Tschukschen in ihrem neuen Film. „Und auf der amerikanischen Seite fanden wir russisch-orthodoxe Holzkirchen vor, die noch aus der Zeit stammen, in der die Indigenen vor ihren Unterdrückern Schutz fanden.“

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1 von 205Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
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Drei Monate war die Filmemacherin mit zwei Assistenten, ihrem digitalen Equipment und einer Outdoor-Ausrüstung tausende Kilometer weit unterwegs. Nach Berlin zurückgekehrt, entstanden ab Oktober 2014 der dreigeteilte Kinofilm und daneben 15 Stunden für die noch bis 27. Februar laufende Ausstellung „Chamissos Schatten“ in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße. Anhand auratischer Dokumente der historischen Paten des Projektes reflektiert die Ausstellung den Zauber der frühen Weltreisen, der auch den Blick der ethnografischen Dokumentarregisseurin lenkt. Ihr Kinofilm, erzählt Ulrike Ottinger, habe sie das erste Mal vor die Aufgabe gestellt, dem Fluss der Naturaufnahmen und Gespräche eine kommentierende, die Dimension der gewalttätigen Kolonisierungswellen beschreibende Textebene hinzuzufügen.

Fischen mit Kaviar als Köder

So erläutert eine junge Museumsleiterin auf Kodiak die animistische Vorstellungswelt der Ureinwohner, die keinen kommentierenden Eingriff benötigt: Nach den Vorstellungen der Bewohner dort können sich Mensch und Tier wechselseitig transformieren. Sie zeigt das Objekt eines Raben- und Menschenkopfs. Man sieht unmittelbar, was es künstlerisch bedeutet, diese Idee kondensiert in einer kleinen Skulptur zu gestalten. Anders nimmt die Regisseurin eine Tschuktschin durch einen erklärenden Kommentar vor westlichen Missverständnissen in Schutz. Die Frau, eine ehemalige Ärztin und Hebamme und jetzt Alltagsheldin der Subsistenzwirtschaft, angelt Forellen für den Eigenverbrauch und streut dazu Kaviar in den Fluss – dort kein Luxusgut, sondern im Überfluss vorhanden.

Acht Stunden sind ein Tag, doch „Chamissos Schatten“ verführt zu einem kontemplativen Modus. Man vergisst die Zeit auf der Passage des Teams von Anchorage entlang der Aleuten zur Insel Kodiak, nach Nordalaska bis zu der verlassenen Goldgräberstadt Nome und in die Tundra. Und dann weiter auf sibirischer Seite über die Bering-Insel durch Kamtschatka zu nördlichen Außenposten auf der Halbinsel Tschukotka, wo Rentierhirten nach der Zwangskollektivierung während der Sowjetzeit nicht in ihre alten, im Film dokumentierten Siedlungen zurückkehren dürfen. Das Finale bildet schließlich die mythische Wrangel-Insel, das entlegendste Naturreservat der nördlichen Welt.

Teil 1 Alaska/Aleutische Inseln, 18.2., 12 Uhr Teil 2 Tschukotka/Wrangel-Insel, 19.2., 11 Uhr; Teil 3 Kamtschatka/Bering-Insel, 20.2., 14 Uhr (jeweils Cinestar 8)

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