Kultur : "Chancen haben heute die wendigen Schnellboote"

PETER VON BECKER

VOLKER HESSE, 1945 im Hunsrück geboren, ist nach eher konventioneller Karriere als Regisseur an Stadt- und Staatstheatern zwischen Berlin, Bonn, Düsseldorf und München seit 1993 zu einem der erfolgreichsten Theatermacher der deutschsprachigen Szene geworden.Die von ihm geleitete Kleinbühne am Züricher Neumarkt, im Obergeschoß eines Altstadt-Palais gelegen, hat mit eigenen Stück-Projekten und einem gewitzten Programm, das beispielsweise Dispute zwischen internationalen Konzernchefs und Globalismus-kritischen Intellektuellen bietet, weithin Aufsehen erregt.Hesses Züricher Inszenierungen waren in den letzten Jahren auch regelmäßig beim Berliner Theatertreffen und anderen Festivals zu sehen.

TAGESSPIEGEL: Volker Hesse, Sie sind als Direktor des kleinen, aber feinen Züricher Neumarkttheaters seit 1993 zum Spezialisten eines alternativen Stadttheaters geworden.

HESSE: Wenn das so ist, dann liegt es auch an meinen früheren Erfahrungen.Ich hatte unter anderem in Düsseldorf, in Bonn und dann am Bayerischen Staatsschauspiel in München gearbeitet.In diesen Häusern sind die Ensembles und die Betriebsverzweigungen so groß, daß eine kontinuierliche, konzentrierte Entwicklung zusammen mit einer festen Gruppe von Künstlern inzwischen fast unmöglich ist.

TAGESSPIEGEL: Die großen festen Ensembles und das weitgefächerte Repertoire gelten aber gerade als beispielhaft am deutschen Subventionstheater.

HESSE: Das Subventionstheater ist höchst sinnvoll, im Vergleich zum kommerziellen Theater.Aber man erlebt dort auch die Zwänge der unterschiedlichen Tarifverträge, die Zwänge des Abonnementsystems und die Auflösungserscheinungen in den großen Ensembles: weil sich Schauspieler immer häufiger am Markt orientieren, nebenher Fernsehen und Film machen wollen und statt festen Engagements Stück- und Teilzeitverträge suchen.So entsteht eine dauernde Dispositionsanspannung.Bei den Proben in München mußte man immer den Flugplan der Lufthansa im Kopf haben, um zu berücksichtigen, ob bestimmte Spitzenschauspieler rechtzeitig von Berlin oder Hamburg oder Wien eingeflogen kommen.Eine generelle Schwerfälligkeit der Großbetriebe und die individuellen Egoismen potenzieren sich dann gegenseitig.

TAGESSPIEGEL: Die von Ihnen und Stephan Müller geleitete Bühne am Neumarkt arbeitet dagegen als Gruppen-Theater, ähnlich der Truppe von Peter Stein einst in der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer.Wieviele Schauspieler haben Sie engagiert?

HESSE: Wir haben ein Ensemble von neun Schauspielerinnen und Schauspielern.Hinzukommen, je nach Bedarf einer Produktion, einzelne Gäste.Aber die Kerntruppe wurde ausgewählt unter der Prämisse, sich über mehrere Jahre hinweg für eine Arbeit zu verabreden, die über alles Zufällige oder rein Handwerkliche hinausgehen sollte.Es sind Schauspieler, die die Lust und Neugier besitzen, auch Recherchen in der Wirklichkeit zu betreiben und gemeinsame Projekte zu entwickeln, an neuen, von uns gefundenen Stoffen oder für uns erfundenen Stücken mitzuwirken.

TAGESSPIEGEL: Das ist etwas, das es an den deutschen Schauspielhäusern fast überhaupt nicht mehr gibt: Theater als soziales Laboratorium, Aufführungen als exprimentelle Entdeckungsreisen in die eigene Zeit und Geschichte.

HESSE: Es geht uns darum, Theater nicht immer nur aufs Theater zu beziehen, sondern auf den eigenen Ort, auf das Publikum und die Gesellschaft - deren Teil man ja auch als Theatermacher ist.Zürich zum Beispiel ist eine Stadt, in der Sekten eine große Rolle spielen.Das liegt vor allem daran, daß dort ein beträchtlicher privater Reichtum mit einer gewissen Sinnleere kontrastiert: mit der "metaphysischen Obdachlosigkeit".Es entstehen dabei sonderbare Vermischungen und Verstrickungen, gerade im bürgerlichen Milieu, unter Lehrern, Ärzten, Psychologen.

TAGESSPIEGEL: Ein Feld für die Scientology-Bewegung?

HESSE: Für Scientologen und andere totalitäre Gruppen.Diesen sektiererischen Phänomenen sind wir als Theater nachgegangen und hatten begonnen, Interviews mit Betroffenen, mit Aussteigern zu machen, haben Material gesammelt und aus dem Dokumentarischen dann fiktive Szenen entwickt.Schauspieler, Regisseur und ein junger Dramaturg haben sich so gemeinsam ein Stück erforscht und erschrieben.

TAGESSPIEGEL: Das Stück hieß doppeldeutig "In Sekten" und wurde in Ihrer Inszenierung auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen, ebenso wie "Top Dogs".

HESSE: "Top Dogs" war ein Stück über entlassene Manager, über Opfer des "outsourcing", das Urs Widmer für uns und mit uns verfaßt hat.Aus der Erkenntnis heraus, daß es zwar viele Stücke über Arbeitslosigkeit unter kleinen Angestellten oder Industriearbeitern gibt, aber noch nicht über die umsichgreifende Existenzangst in der oberen Mittelschicht, zu der ja auch ein Gutteil des Theaterpublikums zählt.

TAGESSPIEGEL: "Top Dogs" ist inzwischen zu einem internationalen Erfolgsstück geworden.Ihre neueste Erkundung galt wieder einer Bevölkerungsgruppe, die selten ins Licht der Öffentlichkeit gerät oder gar auf die Bühne kommt.

HESSE: Sie meinen "King Kongs Töchter" von Theresia Walser.

TAGESSPIEGEL: Das ist eine giftige, mörderisch witzige Altersheim-Komödie, in der zugleich eine Menge realistische Beobachtungsschärfe der Autorin steckt.

HESSE: Theresia, eine Tochter von Martin Walser, die heute in Berlin lebt, hatte selber eine Zeit lang in einem Altersheim gearbeitet.Da konnten wir einerseits auf den Fundus von Erfahrungen und Phantasien der Autorin zurückgreifen; andererseits hatten wir nicht einfach auf Schminke und Maske gesetzt, sondern wirklich mit alten Menschen gearbeitet.Unser ältester Schauspieler in der Produktion ist 84.Trotzdem geht es nicht um eine Einszueins-Imitation der Realität, sondern um verdichtete, oft ins Groteske gesteigerte Phänomene unserer Gesellschaft: In der Altern und Sterben meist verdrängt werden, während die immer länger lebenden Alten als Konsumenten eine immer größere Rolle spielen.Zugleich sorgt die moderne Medizin zwar für die physische Lebensverlängerung, doch für die Psyche bietet das Immerweitervegetieren in einem verfallenden Körper oft keine würdige Form mehr von Existenz.Wir haben das in Kliniken und Heimen studiert, auch mit Geriatrikern besprochen - und von dieser Diskrepanz handelt Theresia Walsers Stück.

TAGESSPIEGEL: Die deutschen Theater, allen voran die Berliner "Baracke" des Deutschen Theaters, stürzen sich derzeit auf die jungen angelsächsischen Dramatiker.Am Royal Court Theatre in London entstehen laufend neue Stücke aus der engen Zusammenarbeit zwischen Theaterleuten und Schriftstellern.Warum existiert in Deutschland kein lebendiges, zeitgenössisches Autorentheater?

HESSE: Das liegt nicht zuletzt an der entsetzlichen Schwerfälligkeit unserer Stadt- und Staatstheater.Man wagt es zu selten, ein Stück auf den Spielplan zu setzen, das noch nicht fertig ist.Nur ein Beispiel: An fast allen großen Häusern gibt es die aus Kostengründen verständliche Tendenz, die Auslastung der Werkstätten so zu rationalisieren, daß oft ein halbes Jahr vor Probenbeginn bereits die Bühnenbilder geplant werden.

TAGESSPIEGEL: Aber ist die Zeit der übertrieben aufwendigen Bühnenbilder nicht ohnehin vorbei?

HESSE: Noch nicht überall.Übrigens haben wir auch am Neumarkt für unsere Projekte durchaus ehrgeizige Raumlösungen gesucht.Aber diese ästhetischen Ansprüche sind erkämpft worden.Wir haben die fürs Theater völlig unproduktive Arbeitsteilung zumindest im technischen Bereich weitgehend aufgehoben.

TAGESSPIEGEL: Das heißt, auch der Schreiner muß mal das Licht bedienen können?

HESSE: Ja, und in den Endphasen vor einer Premiere wird auch die Nacht über durchgearbeitet.Wir haben ein Arbeitszeitkonto, und Überstunden werden dann abgegolten, wenn tatsächlich weniger zu tun ist.Das alles ist eine Frage der Motivation und flexiblerer Organisationsformen.Theaterarbeit, ebenso wie in den Opernhäusern und Orchestern, muß endlich aus den Korsetts des öffentlichen Dienstes befreit werden.

TAGESSPIEGEL: Das Neumarkttheater ist eine Privatbühne?

HESSE: Es ist, wir sind in der Schweiz, eine Aktiengesellschaft - und die Stadt Zürich hat die Aktienmehrheit.

TAGESSPIEGEL: Die Künstler haben bei Ihnen anstelle von Tarifverträgen Haus-Verträge.Was verdienen Ihre Schauspieler?

HESSE: In der Spitze etwa 5.000 Franken.Das ist in einer Stadt wie Zürich nicht viel.Aber es gibt einen jedem Mitglied unseres Hauses bewußten Zusammenhang und Zusammenhalt.Hier arbeiten für sechs bis sieben Inszenierungen pro Spielzeit etwa 40 Menschen fest am Haus; wir haben einen Jahrestetat von fünf Millionen Franken, davon müssen wir 20 Prozent einspielen, das heißt: Vier Millionen sind Subvention, dazu haben wir im letzten Jahr etwa 700 000 Franken aus Sponsormitteln für besondere Projekte aufgetrieben."Armut" übrigens halte ich noch nicht für ein Programm.

TAGESSPIEGEL: Was ist denn der Reichtum des armen Theaters?

HESSE: Trotz unserer beschränkten Geldmittel leisten wir uns beispielsweise den Luxus, immer aufs neue in die Fortbildung von Schauspielern zu investieren, auch in choreographisches oder musikalisches Training.Je nach Regisseur und Projekt, auch bei klassischen Dramen, arbeiten wir in ganz unterschiedlichen Stilen.Wobei mein eigenes Interesse in Richtungen geht, wie sie sich bei Peter Brook in Paris verkörpern.Das ist reiches armes Theater: Wenn man auch große Stücke wie Shakespeares "Sturm" im fast leeren Raum mit etwas Sand, ein paar Musikinstrumenten und nichts anderem als der Kraft einer kleinen, dicht verbundenen Schar von Schauspielern imaginieren kann.Wenn man im Theater nicht hektisch versucht, mit den Techniken oder Ästhetiken der Videoclips zu konkurrieren.

TAGESSPIEGEL: Trotzdem stehen Sie heute vor allem für zeitgenössisches Theater.

HESSE: Zeitgenössisch kann natürlich auch die lebendige Interpretation eines älteren Textes sein.Im Moment inszeniere ich als Gast in Köln Schnitzlers "Weites Land".Ein Stück von 1911.

TAGESSPIEGEL: Als Drama über Männer und Frauen, über Lieben und Lügen sehr modern.Clinton könnte von Schnitzlers Herrn Hofreiter noch manches lernen.Wenn Theater aber ein Brennspiegel auch der Gegenwart sein soll, dann müßten politische und gesellschaftliche Umbrüche gerade auf Berliner Bühnen sichtbar werden.Doch das einzige Berliner Theater, dem man überhaupt ansieht, daß es das Jahr 1989 gegeben hat, ist bis heute die Volksbühne.Nun wurden Sie, da Ihre Arbeit in Zürich in diesem Sommer endet, unter anderem mit dem Deutschen Theater in Verbindung gebracht.

HESSE: Diese Meldungen sind ziemlich unsinnig.Ich setze auf die Möglichkeiten des wendigen, kleinen Schnellboots.Wenn sich in Berlin die Chance böte, in einer beweglichen Struktur ein Modell "Neumarkt II" zu entwickeln, bin ich interessiert.Das habe ich, auf seine Anfrage, auch dem Staatssekretär von Pufendorf erklärt.Alles weitere kann ich mit ruhiger Neugier abwarten.

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