Kultur : "Chanel No. Sex": Der letzte Schrei: Klischee No. 5

Susanna Nieder

Frauen in fortgeschrittenem Alter, berühmt, reich, ihr Liebesleben beschäftigt die Welt: Die Callas und die Dietrich, Zarah Leander und Coco Chanel - immer werden als sie herrisch monologisierende Egomaninnen auf die Bühne gestellt. Vielleicht, weil sie so waren. Aber kann man diesen Zustand nicht wenigestens differenziert darstellen?

Bei Pierre Badans Produktion im Kleinen Theater weckt schon der Titel "Chanel No. Sex" düstere Vorahnungen, und wirklich hält sich der Regisseur und Autor an jedes Klischee (wieder heute und morgen um 20 Uhr). Mademoiselle ist launisch, sie ist sexbesessen und cholerisch. Nie würde man ihr zutrauen, die Mode eines ganzen Jahrhunderts beeinflusst zu haben. Dagmar von Thomas, frühere grande dame des Schillertheaters, muss mit sonorem Pathos Sätze grollen wie "Eine Coco Chanel kennt keinen Schmerz!" und sich in Reminiszenzen über ihre Liebhaber ergehen. Sie tut es mit großer Präsenz, doch wo weder Vielschichtigkeit noch Spannung angelegt sind, kann auch sie keine entstehen lassen.

Chanel verstand den Zeitgeist ihres Jahrhunderts. Mitten im ersten Weltkrieg entwarf sie ein leger geschnittenes Damenkostüm, das nie wieder aus der Mode verschwand, 1926 kam mit dem kleinen Schwarzen ein weiterer Klassiker dazu. "Chanel No. 5", ein hochmoderner, weil bewusst synthetisch anmutender Duft, gehört seit 1921 zu den weltweit meistverkauften Parfums. Pierre Badan zeigt sie 1946 in Lausanne, wo sie nach Kollaborationsvorwürfen im Exil saß. Wie er sie schwadronieren lässt, würde man nicht vermuten, dass sie sieben Jahre später, 70-jährig, noch einmal antrat, um dem eingeschnürten New Look Christian Diors eine viel zeitgemäßere Mode entgegenzusetzen. Coco Chanel mag eigensinnig und schwierig gewesen sein - doch hier wird sie schlichtweg unterschätzt.

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