Kultur : Chanson: Klippensturz

Oliver Heilwagen

Der Alleinunterhalterin gelüstet es diesmal nach exotischer Begleitung: Die Popette Betancor hat sich für ihr neues Programm unter dem nur scheinbar kryptischen Titel "In Djienzs" (laut lesen!) mit der Combo Lychee Lassi zusammengetan. Diese vier Freunde des indischen Buttermilchshakes spielten bei der Premiere im Tränenpalast (bis 19.11. täglich außer Montag und Dienstag um 20 Uhr) ihre Frontfrau glatt an die Wand - akustisch zumindest: Von den vertrackten Versen, mit denen die verschmitzte Ruhrpott-Poetin über die Sinnklippen der Sprache vagabundiert, war nicht mehr viel zu verstehen. Dabei liegt ihr sehr daran: "Ich fahre nie in Länder, deren Sprache ich nicht kann. Dort habe ich das Gefühl, die Leute reden über mich: Zum Beispiel in Österreich." Was sie übertönte, lohnte dennoch das Hinhören: Das Milchbubi-Quartett wechselte alle paar Takte die Genres und irrlichterte zwischen Acidjazz, Dub, Breakbeat, Trip Hop und Funk hin und her. Über diesen Klangcocktail streute ihr DJ punktgenau Soundsplitter, die er aus aktuellen Rap-Rhymes, alten TV-Tonspur-Trouvaillen und Space-Effekten zusammengelesen hat.Hatte der Plattenteller-Hexer genug von seinem Gebräu, lieferte er sich mit Betancor zuweilen ein Duell der gestopften Trompeten. Kein Problem für ihn: Vincent Graf Schlippenbach, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ist als Sohn der Freejazzers Alexander von Schlippenbach mit amoklaufenden Blechbläsern großgeworden und führt, wie sich zeigt, die Familientradition ebenso radikal fort. Ein Graus für den Puristen, dem die Popette das vitriolgetränkte Porträt "Du bist Jazz-Kritiker" widmete. Und ein Genuss für alle anderen Gäste. Das Schlusswort gehörte Heinz Sielmann, der treffend befand: "Dann lässt er als letzten Teil seines Gesanges ein sehr einprägsames Zia-Zia-Zia hören."

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