Kultur : Chaos im Kornfeld

Ankunft im Jetzt: Das legendäre Bolschoi-Ballett kommt nach 20 Jahren erstmals wieder nach Berlin

Sandra Luzina

Der Mann, der das Bolschoi-Ballett in die Zukunft führt, spricht perfekt Englisch, ist überaus charmant und geradezu ansteckend in seinem Elan. Als Alexej Ratmanski 2004 zum künstlerischen Leiter der traditionsreichen Moskauer Compagnie berufen wurde, war er gerade mal 34 Jahre alt – also unerhört jung für das Bolschoi, wo zuletzt der Ballettzar Juri Grigorowitsch drei Jahrzehnte lang seine strenges Regime aufrechterhalten hatte und nur durch eine Palastrevolte zum Rücktritt bewegt werden konnte.

Das Bolschoi-Ballett steht für Glanz und Gloria des russischen Tanzes, aber auch für künstlerische Stagnation und Isolation. Lange von allen westlichen Einflüssen abgeschottet, drohte es zum Mausoleum zu erstarren. Ratmanski schwor die 220-köpfige Compagnie, eins der größten Ballettensembles weltweit, auf einen neuen Kurs ein. Der weltläufige Russe hat ausreichend Erfahrungen im Westen gesammelt – in Kanada und beim Königlichen Dänischen Ballett. Unter Ratmanski fand das Bolschoi Anschluss an den zeitgenössischen Tanz. Er holte die Choreografen William Forsythe und Christopher Wheeldon nach Moskau, mittlerweile kennen seine lernbegierigen Tänzer sich auch in westlichen Stilistiken aus. „Vladimir Malakhov und andere Tänzer unserer Generation mussten noch auswandern, um mit Choreografen aus dem Westen zu arbeiten“, resümiert Ratmanski. „Aber seit drei Jahren ist keiner unserer Tänzer mehr gegangen.“

Zugleich fühlt er sich dem großen Erbe des Bolschoi-Balletts verpflichtet. Neben Klassikern wie „Schwanensee“ bestimmen auch Ballette aus der Sowjetära im Repertoire. Eine kluge Programmatik, die Früchte trägt. Zumal die Tradition hier nicht konserviert, sondern frisch und unorthodox interpretiert wird. Mittlerweile hat das Bolschoi-Ballett seinem Erzrivalen, dem St. Petersburger Marinski-Ballett, den Rang als russische Nummer eins streitig gemacht. Die Losung für Tänzer lautet: „Nach Moskau!“ Auch international feiert die Truppe Triumphe. Zurzeit ist die Compagnie besonders reisefreudig, auch weil das Bolschoi-Theater aufgrund von Sanierungsarbeiten geschlossen ist und die Tänzer sich mit einem Ausweichquartier begnügen müssen.

Nach mehr als 20 Jahren tritt das Bolschoi-Ballett nun wieder in Berlin auf. Bei dem viertägigen Gastspiel in der Staatsoper präsentiert sich eine radikal verjüngte und blendend aufgelegte Compagnie, die mit ihrer blitzenden Tanzlust begeistert. Natürlich steht der „Schwanensee“ in der opulenten Inszenierung von Grigorowitsch auf dem Programm. Doch die Moskauer haben auch eine Rarität dabei: „Der helle Bach“ basiert auf der hinreißenden Musik Dimitri Schostakowitschs und ist nicht nur ein Bühnenspaß, sondern auch ein großes Hörvergnügen. Ratmanski hat die Ballettkomödie 2003 reanimiert und mit einem neuen Libretto versehen.

Die preisgekrönte Choreografie war sein Entree beim Bolschoi-Ballett – wenig später bot man ihm den Posten des Ballettchefs an. Schostakowitsch ist Ratmanskis Lieblingskomponist – seine Inszenierung des „Hellen Bachs“, dem 2005 noch die Neuinszenierung des Balletts „Der Bolzen“ folgte, betrachtet er als späte Wiedergutmachung an dem Künstler, den wiederholt der Bannstrahl der Kommunistischen Partei traf. Das Ballett war bei seiner Uraufführung 1935 in Leningrad ein großer Erfolg und wurde vom Bolschoi-Theater übernommen. Doch als Stalin wutentbrannt eine Aufführung von Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ verließ, nahm das Unheil sein Lauf. Auch das Ballett wurde abgesetzt und verschwand für 70 Jahre vom Spielplan, Schostakowitsch wurde als „Formalist“ und „Volksfeind“ verfolgt.

„Keiner der Schritte der Originalchoreografie von Fjodor Lopuchow wurde notiert, ich musste also bei null anfangen“, berichtet Ratmanski. Der Choreograf hat sich von der Sowjetkunst, dem Kino und der bildenden Kunst der 30er Jahre inspirieren lassen; zudem wollte er die damalige Aufbruchsstimmung einfangen. „Neben dem Terror gab es Hoffnung, die Menschen glaubten noch an die Utopie einer besseren Gesellschaft. Das war natürlich naiv“, so Ratmanski. Seine hinreißende Inszenierung hat sich mit Ironie gewappnet. Denn die Losung „Künstler in die Produktion“ weckt Leidenschaften, die nicht auf dem Plan stehen. Der Plot: Tänzer und Musiker aus der Hauptstadt treffen wegen des Erntefestes in der Kolchose „Heller Bach“ ein – und verdrehen den Aktivisten gehörig den Kopf. Höhepunkt der Verwechslungskomödie sind die Szenen en travestie – die kecke Ballerina schlüpft in eine Hosenrolle, während ihr Partner als tüllumhüllte Sylphide wie ein besoffener Schmetterling über die Bühne torkelt. Am Ende dämmert den liebestrunkenen Landeiern, dass sie nur Schimären nachjagten. Schostakowitschs ironiesprühende Partitur spielt gekonnt mit den Rhythmen der Zeit und erweist sich als ungemein tanzbar – und fast schon subversiv. Ratmanskis Choreografie begeistert durch Witz, Elan und Anmut – diesen sanft parodierten Sozialismus lässt man sich gern gefallen!

Die Tänzer sind atemberaubend, allen voran die 21-jährige Moskauerin Natalia Osipowa – der neue Stern am Balletthimmel. Die Ballerina verfügt nicht nur über eine makellose Technik, sie ist auch eine charismatische Darstellerin. Der Spagat zwischen Tradition und Moderne gelingt den Moskauer Koryphäen mühelos. Das Bolschoi in Berlin – ein Muss für jeden Ballettomanen!

Staatsoper Unter den Linden: „Schwanensee“ 18. und 19. 10., (ausverkauft) „Der helle Bach“ 20. und 21. 10.

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