Kultur : Chaostheorie

Bernhard Schulz

Der Zugang zum Werk Adolph Menzels scheint so einfach, die Motive liegen offen zutage. Und doch: Menzel ist kein einfacher Fall. Lange Zeit gab sich die Rezeption mit dem Bild des preußischen Hofmalers und Friedrich-Illustrators zufrieden. Die Leistung des Malers und Zeichners, dessen Leben fast das ganze 19. Jahrhundert umspannt, blieb demgegenüber unerklärt. Erst die große, internationale Retrospektive von 1996/97 hat Menzels Reputation als Wegbegleiter und Zeitgenosse der Moderne etabliert.

Dass es immer noch Forschungslücken gibt, zeigt jetzt Werner Busch mit seiner ungemein dichten Monografie „Adolph Menzel. Leben und Werk“. Der Berliner Kunsthistoriker hat sich insbesondere mit der Kompositionsweise Menzels beschä ftigt und festgestellt, dass über die bekannte „Wirklichkeitskonstruktion“ in den von Menzel durchweg im Atelier geschaffenen Gemälden hinaus sehr präzise Kompositionsschemata walten. Insbesondere den Goldenen Schnitt hat Menzel in vielen Gemälden angewendet, um subtile Hierarchien und Beziehungen aufzubauen. Erst im Lichte dieser Untersuchung erschließt sich die Bedeutung einzelner Werke wie der „Aufbahrung der Märzgefallenen“ von 1848, das der Republikaner Menzel nie fertig gestellt hat. Warum es ein Torso blieb, darauf vermag Busch Hinweise zu geben.

Die spezifische Modernität Menzels entschlüsselt er im Ankämpfen gegen das Verfließen der Zeit, das einen klassischen Bildaufbau nicht länger gestattet. Das Chaos der Gegenwart – die einsetzende Moderne – bannt Menzel in das bedeutungsgeladene Chaos scheinbar anekdotischer Bilder wie der „Piazza d’Erbe in Verona“ oder dem „Pariser Wochentag“. Mit Buschs Studie tritt das Genie Menzels über das des unerreicht virtuosen Zeichners hinaus vor Augen.


Dieses Buch bestellen Werner Busch: Adolph Menzel. Leben und Werk. C.H.Beck Verlag, München (bsr 2501). 128 Seiten, 7,90 €.

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