• Charismatische Herrschaft: Von Perikles bis Peron: "Virtuosen der Macht" portraitiert Männer auf dem Weg zur Macht

Kultur : Charismatische Herrschaft: Von Perikles bis Peron: "Virtuosen der Macht" portraitiert Männer auf dem Weg zur Macht

Jürgen Schmidt

Kann das gut gehen? Ein Buch, das "Virtuosen der Macht" vorstellen will und dabei auf Adolf Hitler einen Mann wie Mahatma Gandhi folgen lässt - der Auftraggeber für millionenfachen Mord neben dem Prediger des gewaltfreien Widerstands. Was sich wie grober Unfug anhört, erweist sich bei näherer Betrachtung als gelungenes Experiment.

Max Webers Überlegungen zur "charismatischen Herrschaft" bilden den Rahmen für die in dem Band versammelten fünfzehn Porträts von Politikern und Machtmenschen. Das Spektrum reicht von der Zeit der griechischen Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, geographisch von Argentinien über Ägypten bis China. Wilfried Nippel umreißt in seiner Einleitung Webers Konzept und macht deutlich, dass das alltagssprachlich häufig benutzte Wort Charisma im Sinn von Ausstrahlungskraft und rednerischer Begabung nur einen schmalen Ausschnitt von Webers Überlegungen erfasst.

Der Anführer und seine Gefolgschaft

Charismatische Herrschaft gilt es, in der Wechselwirkung zwischen Anführer und Gefolgschaft zu analysieren. Da diese Herrschaftsform auf keinerlei rechtlichen Grundlagen beruht, ist sie labil. Will der Träger charismatischer Autorität seine Machtstellung nicht verlieren, muss er sich andauernd bewähren, darf sich keine Schwächen, schon gar keine Niederlagen erlauben. Nippel leitet diese Begriffswelt präzise und fundiert her und verdeutlicht die Möglichkeiten zur Erforschung historischer Persönlichkeiten. Allerdings kommen manche Porträts, beispielsweise über Friedrich II. (1194-1250) und Karl IV. (1316-1378), auch gut ohne den theoretischen Überbau aus.

Von Perikles über Cromwell bis Perón ist allen Demagogen, Alleinherrschern, Verbrechern, Volksverzauberern gemeinsam, dass sie ihren Erfolg keineswegs allein ihrem Charisma zu verdanken hatten. Ohne vorausgegangene Erschütterungen des jeweiligen politischen Systems wäre ihr Aufstieg nicht gelungen.

Keine weiblichen Machtmenschen

Eine solche Sammlung ausgewählter Biografien hat zwangsläufig offene Flanken: Wenn Friedrich II. vorgestellt wird, warum nicht auch Karl der Große, der die Tradition des Imperium Romanum wieder aufleben ließ? Wenn Abraham Lincoln einen Platz unter den Virtuosen findet, weshalb nicht auch George Washington? Auch die Entscheidung, aus dem sozialistischen Herrschaftsbereich sich auf Mao Zedong statt Lenin oder Stalin zu konzentrieren, kann nicht überzeugen. Schließlich: Gab es nicht auch Virtuosinnen der Macht, ja mussten nicht gerade Frauen in einer von Männern dominierten Politik virtuoser mit Macht umgehen können - etwa Katharina II. in Russland oder Maria Theresia in Österreich? Der einzigen Frau zumindest, die in dem Buch nebenbei vorgestellt wird, Evita Perón, scheint das Konzept charismatischer Herrschaft mindestens genauso auf den Leib geschneidert zu sein wie ihrem Ehemann.

Dennoch: Wer sich aus einem neuen, einheitlichen Blickwinkel über die faszinierenden, abschreckenden Persönlichkeiten informieren möchte, bekommt einen guten Überblick. Doch Vorsicht. Der Titel führt in die Irre. Eine schnell konsumierbare, zweitausendjährige Geschichte der Macht bekommt man nicht serviert - das Verständnis für den Aufstieg der "Virtuosen der Macht" will erarbeitet sein.

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