Kultur : Charlie Haden: Ein Bass ist ein Bass ist ein Bass

Gregor Dotzauer

Wenn man jung ist und Jazz für eine Art Eiskunstlauf hält, bei der es vor allem auf Schnelligkeit, Sauberkeit und elegante Doppelaxel ankommt, gehört Charlie Haden nicht unbedingt zur ersten Wahl für den Olymp. Und falls man sich selbst mit einem Kontrabass abplagt, kann man erst recht nicht verstehen, warum dieser Mann Jahr für Jahr die ersten Plätze der internationalen Jazz Polls belegt. Wie soll man jemanden bewundern, der sich keine erkennbare Mühe gibt, dieses Monstrum zu besiegen? Schon im Dreiviertelformat ist es eine Strafe. Es passt in keinen normalen Kofferraum. Es bleibt im Türstock hängen. Es treibt einem den Schweiß auf die Stirn, noch bevor man zu spielen angefangen hat. Und wer es mit hornhautüberzogenen Fingerkuppen und müden Knöcheln ausgepackt hat, muss es zu einer tönenden Beweglichkeit zwingen, die ihm seiner ganzen Natur nach widerstrebt.

Die Geschichte des modernen Jazzbasses ist eigentlich die Geschichte seiner Überwindung. Das beginnt beim Instrument. Ein Kontrabass ist längst nicht mehr einfach ein Kontrabass mit vier Saiten, an dem ein verzweifelter Musiker gegen einen Schlagzeuger, einen Pianisten, einen Trompeter und eine Horde gläserklirrender Zuhörer ankämpft, ohne wahrgenommen zu werden, wie es noch in den sechziger Jahren geschehen konnte. Er ist ein Kontrabass plus Tonabnehmer plus Verstärker, in dem der Klang erst richtig Gestalt annimmt. Er protzt manchmal bereits mit fünf oder sechs Saiten, um über die zweieinhalb Oktaven hinauszugelangen, die gewöhnlich zur Verfügung stehen. Oder er hat sich gleich in einen schnittigen E-Bass verwandelt, der mit seiner Tendenz zum Super-Hightech-17-Saiter und angeschlossenem Effektgerätepark seine Herkunft nach Kräften verleugnet.

Charlie Haden braucht das alles nicht. Und die Emanzipation des Basses zum Melodieinstrument, die sich mit Namen wie Oscar Pettiford, Scott La Faro und viel später Jaco Pastorius verbindet (der ließ in seinen Soli Flageolett-Sternschnuppen regnen), ist ihm fremd. Sein heimliches Credo heißt: Ein Bass ist ein Bass ist ein Bass. Er kann es bei Bedarf mit einem wunderschönen alten Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugen, das seine eigene Würde hat. Aber wenn es darauf ankäme, könnte ihm das hohe G reißen, das A und das D, so dass ihm nur noch das tiefe E bliebe - und er würde immer noch jene trockenen Düsternisse produzieren, an denen man ihn sofort erkennt. Ein dunkles, warmes, mächtiges Pochen, in dem das ganze Holz mit den Darmsaiten schwingt, die er dem Stahl vorzieht. Wahrscheinlich könnte man Charlie Haden sogar einen Besenstiel mit Schnur in die Hände drücken, und es wäre großartige Musik. Denn er hat eines akzeptiert: Der Bass ist mächtiger als du.

Dabei ist Haden, Jahrgang 1937, alles andere als ein konservativer Musiker. Er hat in den 50er Jahren in der Band des Pianisten Paul Bley gleich so weit vorn in der Entwicklung des Jazz angefangen, dass er kaum mehr Gelegenheit hatte, brav über Harmoniefortschreitungen zu improvisieren. Man muss sich nur einmal anhören, wie er als 21-jähriger auf Ornette Colemans berühmtem Album "The Shape of Jazz to come" zusammen mit Schlagzeuger Billy Higgins den Grund für "Lonely woman" legt, eine jener melodiesüchtigen Kompositionen von Ornette Coleman, die jeden auf bezifferbare Akkorde eingeschworenen Bassisten zum Wahnsinn treiben kann.

Was spielt einer, der dauernd über dem Grundton D herumturnen muss und sich nicht an einen festen Rhythmus halten kann? Haden wusste es, bevor andere Bassisten ähnlich freie Kontrapunkte und eigenständige Linien setzen konnten. Und als Musiker erschienen, die sich ebenfalls auf das freiere Spiel verstanden, da blieb er ihnen mit seiner Wucht trotzdem überlegen.

Hadens Spiel war von Anfang an ausgereift und hat sich im Lauf der Zeit nur wenig verändert hat - außer dass er nach und nach die verschiedensten musikalischen Welten eroberte. Ob er mit seinem "Liberation Music Orchestra" Politfolklore machte, Mitglied des amerikanischen Keith Jarrett Quartetts (mit Dewey Redman und Paul Motian) wurde, mit Pat Metheny spielte oder nun mit seinem eigenen Quartet West eine von den 40er Jahren geprägte Retroästhetik bedient, die freilich allein durch seinen wummernden, knochigen und beseelten Bass nie in Kitschverdacht gerät. Vor allem verträgt er sich mit den unterschiedlichsten Drummern. Ein hyperpräziser Polyrhythmiker wie Jack DeJohnette passt zu ihm nicht schlechter als ein auf Abstraktion zielender Jazzschrat wie Paul Motian, unter dessen Händen selbst Standards zerfließen wie ein Camembert in der Mittagssonne. Bei alledem ist Haden der zuverlässigste timekeeper, den man sich wünschen kann. Bei schnellen Stücken gerät er schon deshalb nicht aus der Puste, weil er die Töne seines walking bass verdoppelt. Einfachheit ist Trumpf - auch in seinen Soli. Kleine Melodien, klare Intervalle. Terzen, Quarten, Quinten und Oktaven. Und bitte kein überflüssiges Herumwieseln in den oberen Lagen.

Der Musiker Haden ist aber auch eine Legende - nicht nur, weil jeder, der im Jazzbusiness länger als zwanzig Jahre besteht, ohne auszubrennen, als halber Heiliger gilt. Haden hat alles überlebt, Heroin in den Sechzigern, den Tinnitus, der ihm seit Jahren in den Ohren pfeift und ihn auf der Bühne dazu zwingt, mit Ohrstöpseln in einer Plexiglasverschalung zu spielen. "Ich habe diese Probleme als Teil meines Daseins akzeptiert", erklärt Haden auf seiner Homepage (www.interjazz.com) die auch ein denkbar schlichtes Bekenntnis zu seinem Beruf enthält : "Ich kam zum Jazz, weil ich keine Wahl hatte. Ich habe ihn geliebt - und der Bass lässt alles besser klingen."

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