Charlie Hebdo zum Terror in Berlin : Die Art zu leben

Kanonenrohre in Lebkuchenhäusern: Wie die deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo auf den Terroranschlag von Berlin reagiert hat.

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Titelausgabe der aktuellen deutschen Ausgabe des französischen Satiremagzins "Charlie Hebdo"
Titelausgabe der aktuellen deutschen Ausgabe des französischen Satiremagzins "Charlie Hebdo"Foto: dpa

So ein Satz ist natürlich ein ganz großartiger, wie er dort in schwarz vor einem knallgelben Hintergrund unter dem "Charlie-Hebdo"-Schriftzug auf der Titelseite der französischen Satirezeitung steht: „Sie werden unsere Art zu leben nicht verändern“. Schon mal gehört in diesen Tagen nach dem Berliner Terroranschlag? In den Tagen nach den Anschlägen von Nizza, Brüssel, Paris, nicht zuletzt nach dem auf die Pariser Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" am 7. Januar 2015, bei dem wie jetzt in Berlin zwölf Menschen ermordet wurden, darunter mehrere bekannte Zeichner der Zeitung? Der Satz jedenfalls entwickelt sich zu einer immer leerer, bedeutungsloser werdenden Floskel, bekommt aber mit dem Lebkuchenhaus und den daraus hervorschauenden Kanonenrohren eine neue Bedeutung: Wer sind denn nun eigentlich „Sie“?

Seit dem 1. Dezember dieses Jahres gibt es "Charlie Hebdo" auch in einer deutschen Übersetzung und mit auf deutsche Ereignisse und Politik bezogenen Covern, und es ist eine fürchterliche Ironie, dass das Blatt gleich mit seiner vierten Ausgabe hierzulande auf den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz reagieren muss, zudem in aller Eile.

Ein Geschenk für die Rechtspopulisten

Sieben Karikaturen sind auf den beiden ersten Seiten im Innern der Ausgabe zu sehen, flankiert von der Zeile „Berlin wieder angesagt: Nach den Hipstern, jetzt die Terroristen“. Das ist jetzt weder besonders bissig noch besonders witzig, sondern im Berlin-Kontext eher naheliegend. Dafür sind einige der wie üblich grob und großflächig gehaltenen Zeichnungen gut und böse, thematisch bringen sie die Motive Weihnachten und Lastwagen zusammen. Hier der schwarz gekleidete Terrorist, der seinen „letzten Weihnachtseinkauf“ macht und einen Sattelschlepper mit Schleife drumherum nach Hause trägt, dort zwei LKW-Fahrer, die sich auf einem ganz in rot gehaltenen Weihnachtsmarkt verfahren haben und sich wundern: „Mann, hat sich Berlin verändert.“ Am besten ist jener Mann, der einen LKW auspackt, darüber der Spruch „Die Rechtspopulisten bekommen ihr Geschenk schon vorher.“ Dieser Joke korrespondiert trefflich mit dem nebenstehenden Kommentar über die Instrumentalisierung des Anschlags in der Flüchtlingsfrage durch die hiesigen Rechten, von der AfD und ihren Pegida-Ablegern („Merkels Tote“) bis hin zu CSU-Chef Horst Seehofer.

„Zwischen religiösen Terroristen und laizistischen Demokraten werden jene als Sieger hervorgehen, die am längsten ihren Werten treu bleiben. Also reißen wir uns zusammen“, weiß der "Charlie-Hebdo"-Kommentator – und ist sich vermutlich nur zu bewusst, dass „unsere Art zu leben“ sich durch die Anschläge schon schleichend verändert. Und aus ganz, ganz anderen Gründen als der Terrorgefahr, von wegen Klimawandel bis globaler Ausbeutung, durchaus mal auf den Prüfstand gehört.

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