Charlotte Roche : „Ich stank wie ein Heckenpenner-Iltis“

Mit 15 hat sie das Duschen eingestellt, die Eltern geschlagen, beklaut und beschimpft. Heute ist Charlotte Roche Mutter einer kleinen Tochter, die nicht fernsehen soll.

Charlotte Roche, 29, ist durch ihre Musiksendung „Fast Forward“ bekannt geworden. Nachdem der Sender „Viva Zwei“ eingestellt wurde, hat die Grimmepreisträgerin und „Bildblog“-Förderin jetzt ein Buch geschrieben: „Feuchtgebiete“. Charlotte Roche lebt mit ihrer Familie in Köln.

Frau Roche, was antworten Sie, wenn jemand fragt, worum es in „Feuchtgebiete“ geht?

Kommt drauf an. Ich will nicht unbedingt, dass meine Verwandten das Buch lesen, also sage ich denen: Es geht ausschließlich um Masturbation, dann wenden die sich verschämt ab. Männern erkläre ich, dass sich in dem Buch eine Frau selbst befriedigt, das finden die meistens gut. Und als meine Kosmetikerin in ihrem Kittel wissen wollte, worum es geht, habe ich lieber gesagt, dass die Geschichte von einem jungen Mädchen handelt, das im Krankenhaus liegt.

Dieses junge Mädchen, das Sie Helen nennen, hat sich bei der Intimrasur auf unangenehmste Weise verletzt und leidet außerdem an Hämorrhoiden.

Manchmal lag ich nach dem Aufschreiben der Geschichte abends im Bett und konnte nicht einschlafen, weil ich Angst hatte, jemand könnte mich für mein Buch bestrafen. Hämorrhoiden sind ja mein Lieblingstabu. Sie befinden sich übrigens hinter dem Schließmuskel. Das Spektrum reicht von leicht juckend bis zu höllischen Schmerzen. Menschen sind leider so, dass sie so etwas ganz lange nur mit sich allein ausmachen. Wenn der Proktologe wissen will, ob die Eltern auch schon damit zu tun hatten, weiß man das nicht. Das ist für mich so ein typischer Witz über die Menschheit: Das vererbt sich in einer Hämorrhoidenfamilie seit Generationen, und keine Sau spricht mit dem Kind darüber.

Sie wollen aber doch nicht nur aufklären, sondern auch provozieren.

Provozieren? Nein, das sind alles wirklich meine Themen. Mich beschäftigt irre, wie Jungs und Mädchen zum Beispiel in der Intimhygiene unterschiedlich erzogen werden. Und dann habe ich mich hingesetzt und das alles aufgeschrieben.

Hatten Sie ein speziellen Ort zum Arbeiten?

Ich habe am Morgen mein Kind in den Kindergarten gebracht, geduscht, mich geschminkt – so, als würde ich zu einem wichtigen Termin gehen. Dann habe ich mich in unseren Heimwerkerkeller gesetzt, wo es weder Fenster noch Handynetz gibt.

Was war besonders schwer aufzuschreiben?

Eigentlich alles: Ich hatte das Gefühl, ich gehe irgendwo lang, wo Frauen nicht hindürfen. Frauen haben weniger Sprache für sich und ihren Körper. Bei Männern ist das anders. Wenn man einen Mann nach seinen Fantasien fragt, zu denen er masturbiert, erzählt er zwölf Geschichten.

Trauen sich Frauen nicht, darüber zu sprechen?

Frauen trauen sich noch nicht mal, solche Sachen überhaupt zu denken! Beim Schreiben habe ich für die Einzelteile des weiblichen Geschlechts erst mühsam Wörter suchen müssen …

… die Klitoris heißt bei Ihnen „Perlenrüssel“ …

… und mir sagen viele Frauen: Ja, stimmt, ich weiß noch nicht mal, wie ich in meinem Kopf mein eigenes Geschlechtsorgan nenne.

Reagieren Frauen und Männer auf Ihr Buch unterschiedlich?

Ja. Männer sagen mir, dass sie eine Erektion beim Lesen kriegen. Keine Frau hat bisher zugegeben, dass es Stellen in dem Buch gibt, die sie erregt haben. Frauen lesen offiziell keine Sexbücher, Frauen töten ihren Trieb früh ab. Männer nehmen sich, was sie so brauchen. Das ist anerzogen. Bei uns zu Hause war das anders: Meine Mutter hat mich und meine Geschwister feministisch erzogen.

Deshalb können Sie offen über Körperflüssigkeiten reden?

Ich bin nicht so cool, wie man nach der Lektüre des Buches denken könnte. Wenn ich bei einer Freundin eine Intimwaschlotion auf dem Badewannenrand sehe, spreche ich sie nicht drauf an. Diese Lotionen senden die Botschaft aus: Du stinkst. Jede Frau hat irgendwann mal gehört, dass ihr Geschlechtsorgan angeblich schlecht riecht. Das macht es unmöglich, selbstbewusst zu sagen: Ja, leck mich, ich stinke. Wer ist denn so cool?

Die Protagonistin Ihres Buches?

Helen ist auch verletzlich wie ein Kind. Sie wünscht sich, dass ihre geschiedenen Eltern sich an ihrem Krankenbett versöhnen. Da ist sie völlig naiv und traurig, und ich glaube, dass viele Scheidungskinder so sind.

Sie auch?

Ja, ich habe gelitten, als meine Eltern sich scheiden ließen. Noch heute beneide ich Leute, deren Eltern zusammenleben. Natürlich können die Kinder das langweilig finden – aber dann können sie ja weggehen und sagen: „Ihr seid spießig, ich gehe weg in die große weite Welt.“ Als Scheidungskind fühlt man sich nicht mehr vollkommen, man geht nicht weg, sondern läuft einer heilen Welt hinterher, die die Eltern kaputt gemacht haben.

Gibt es eine vernünftige Scheidung?

Wenn man sich Hilfe holt. Und man muss dem Kind klarmachen: Du bist nicht schuld, dass Mama und Papa sich trennen. Kinder denken sonst: Ich bin nicht hübsch genug, oder ich war nicht lieb genug, und deswegen ist der Papa weg.

Sie haben Ihre Mutter in der Pubertät ziemlich gequält, um rauszukriegen, ob Sie geliebt werden.

Ich habe aufgehört, mich zu waschen. Ich weiß erst jetzt, dass das der schwerste Test von allen ist: Liebe auf die Probe zu stellen, indem man stinkt.

Wie ist das Experiment ausgegangen?

Meine Eltern haben sich immer noch gekümmert. Ich habe sie geschlagen, beklaut, beschimpft – alles, was mir so einfiel. Mit 15 habe ich eine eigene Wohnung bezahlt bekommen. Es ging nicht mehr, ich bin völlig explodiert. Ich habe so heftig wie möglich auf ihre Liebe draufgehauen, um zu gucken, ob sie echt ist. Ich stank wie ein Heckenpenner-Iltis.

Ekliges wie Gestank stößt ab und übt zugleich eine seltsame Faszination aus.

Ich habe den Zwang, immer genau hingucken zu müssen. Ich möchte kein Weggucker sein! Das hat doch mit dem Leben zu tun, mit Krankheit und Körper. Wenn meine Tochter blutet, dann kann ich das nicht eklig finden, sondern muss handeln.

Krankenschwester spielen ist eine Sache, Ohrenschmalz essen – wie es Helen macht – eine andere.

Was ist gegen Ohrenschmalz einzuwenden? Hat mir noch keiner bewiesen, dass es schädlich ist.

Man isst auch keine Suppe, in man selbst oder ein anderer gespuckt hat.

Ich fände es lässig, weiter zu essen: „Mir macht das gar nichts aus. Mir wird sehr oft in die Suppe gespuckt.“ Wenn man einen anderen Menschen küsst, ekelt man sich nicht vor dessen Speichel.

Nach Sigmund Freud ist das Kleinkind ohne Ekel, aber dann gewöhnt ihm seine Umgebung das Riechen an seinen Genitalien und Fäkalien ab und bringt es damit um ein „erstes Geschenk“.

Wir haben in der Familie eine Psychiaterin, die wissen wollte, ob ich meine anale Phase ausleben konnte. Ob ich als Kind ins Klo fassen und Skulpturen bauen durfte. Also wenn das so ist, dann habe ich mit Sicherheit nicht die anale Phase ausgelebt.

Und Ihre Tochter?

Kinder merken, dass es in der Gesellschaft nicht erwünscht ist, sich übermäßig mit seinem Stuhl zu beschäftigen. Wahrscheinlich habe ich es meiner Tochter unbewusst ausgetrieben. Ich bin zwar keine Mutter, die dauernd „iiih“ macht. Aber ich würde auch nicht sagen: Heute ist Sonntag, heute bauen wir aus deinen Fäkalien eine Skulptur.

Frau Roche, es gibt nichts, wovor Sie sich ekeln.

Doch. Wenn jemand neben mir in der Bahn ein Salamibrot oder hart gekochte Eier auspackt, dann könnte ich mich sofort übergeben.

Bedauern Sie es, dass die Welt so steril ist? Überall Raumspray, Parfüm …

Ich kann diesen ganzen Reinlichkeitswahn nicht nachvollziehen. Man ist so entfremdet, dass man Parfüm als gut riechend empfindet und Schweiß als stinkend. Sex ist dreckig, aber man will sich doch verlieben und Sex und Kinder, und das geht nicht, ohne Körperflüssigkeiten zu vermischen. Alle eifern dem gleichen Schönheitsideal nach. Was besonders für Frauen anstrengend ist.

Es gibt auch für Männer Kosmetik.

Ja, aber viel weniger. Männer leiden auch an Bulimie? Schwachsinn! Frauen sind diejenigen, die sich völlig fertigmachen wegen ihres Körpers.

Um den Männern zu gefallen?

Nein, Männer sagen nie zu Frauen: „Du hast einen dicken Po.“ Meistens wiederholen sie gebetsmühlenartig: „Du siehst gut aus.“ Aber bei Frauen muss alles perfekt sein, sie eifern etwas nach, das sie unglücklich macht.

Woran liegt das?

Schuld sind die Mütter, die zu ihren Söhnen netter sind als zu den Töchtern. Kleine Mädchen verstehen: Du musst gut aussehen, um einen guten Mann zu kriegen. Es fühlt sich existenziell wichtig an, schön zu sein. Vielleicht zählt später, wenn Frauen ein paar Generationen lang gearbeitet haben, auch, wie viel sie verdienen.

Das wäre eine weitere Oberflächlichkeit.

Männer leben doch damit ganz gut: Sie gehen arbeiten und ihnen ist scheißegal, wie sie aussehen. Mann hat Beruf, Mann verdient Geld, Mann hat Bauch. Männer sind glücklicher als Frauen, weil sie keinem Schönheitsideal nacheifern und ihre Aggressionen sich nicht gegen den eigenen Körper richten.

Sie werden bald 30. Haben Sie Angst?

Ich will versuchen, in Würde zu altern. Im Fernsehen will ich unbedingt Frauen sehen, die sich ihrem Alter entsprechend kleiden. Ich hasse 60-jährige Frauen, die aussehen wollen wie 20. Es gibt viele strahlende 60-jährige Männer, warum gibt es so wenig strahlende 60-jährige Frauen? Maude aus dem Film „Harold and Maude“ ist mein einziges Vorbild. Ich hätte gerne noch mehr.

Sie selbst sind Vorbild für eine Schar junger Moderatorinnen. An wem haben Sie sich einst orientiert?

Ich funktioniere nach dem negativen Ausschlussprinzip: Ich sehe Leute und finde doof, was sie tun, und denke dann, dass ich so nicht moderieren will.

Seit wann ist Alice Schwarzer nicht mehr Ihr Vorbild?

Seit sie mit Verona Feldbusch zusammen im Fernsehen aufgetreten ist. Und sie hat Werbung für „Bild“ gemacht. Ich bin umgefallen, als ich das gesehen habe. Meiner Meinung nach ist „Bild“ das frauenfeindlichste Medium Deutschlands. Wie kann ein Mensch wie Alice Schwarzer sich nur so demontieren? Die Vorgehensweise von „Emma“ ist auch oft plump, ich denke da an die „Por NO“-Kampage.

Was ist gegen die Kampagne zu sagen?

Sie ist prüde. Ihre Theorie ist: In Pornofilmen werden Frauen erniedrigt. Erst mal habe ich schon viele Pornofilme gesehen, in denen das nicht so ist, aber die bei „Emma“ ziehen ja den Schluss: Wenn Männer Pornofilme gucken, in denen Frauen erniedrigt werden, dann erniedrigen sie Frauen im echten Leben auch. Ich finde das männerfeindlich. Ein Mann kann sehr wohl auseinanderhalten, was eine Sexspielart in einem Porno und was das echte Leben ist. Dass da jetzt eine echte Frau an der Kasse sitzt und ich der nicht vorschlage: „Knie dich nieder und blas mir einen.“

Bei „Fast Forward“ haben sie Hip-Hop-Videos boykottiert, weil sie frauenfeindlich waren. Da könnte man doch auch sagen, das ist nicht die Realität.

Ich sehe da einen Unterschied. Musikvideos laufen Tag und Nacht im Fernsehen. Und da gibt es Frauen in Hip-Hop-Videos, die nur dazu da sind, mit dem Arsch zu wackeln. Das sind Bilder, die viel mehr mit dem Leben zu tun haben als Pornos, Hip-Hop ist ein ganzer Lifestyle. Bei Pornofilmen geht es aber nur um Sex. Alice Schwarzer soll aus meinem Schlafzimmer rausbleiben. Wenn ich eine selbstbewusste Frau bin, die sich im Bett gerne erniedrigen lässt, muss sie mich nicht davor retten.

Wo besteht feministischer Handlungsbedarf?

Ich flippe völlig aus, wenn ich höre oder lese, dass Frauen mit gleicher Ausbildung im gleichen Beruf weniger verdienen als Männer. Ich kann das kaum glauben! Das liegt aber auch daran, dass Frauen schlechter verhandeln.

Können Sie gut pokern?

Ja, ziemlich gut. Als ich bei „Viva“ arbeitete, wollte mich „MTV“ immer abwerben. Das habe ich als Druckmittel benutzt, was wahrscheinlich sehr männlich war. Es gilt als unweiblich, sich für Geld zu interessieren. Männer sagen einfach: Ich bin geil, ich arbeite geil, ich kriege die Kohle, sonst mache ich es nicht. Aber Frauen sitzen ihrem Chef gegenüber und strahlen eher eine Dankbarkeit aus, dass sie überhaupt arbeiten dürfen. Das Bescheidene muss den Frauen ausgetrieben werden.

Dürfen Ihre Kinder fernsehen?

Nein. Nur behütete Kindersendungen auf Video, Augsburger Puppenkiste, Pan Tau, Pippi Langstrumpf. Vielleicht ist meine Romanfigur Helen ein bisschen so wie Pippi. Die ist eigentlich einsam, der Vater ist weg, die Mutter ist tot, sie hat die beiden Idiotenfreunde Tommi und Annika, die ihr nicht im Geringsten das Wasser reichen können. Aber sie steht auf der Veranda und hebt trotzig ihr Pferd hoch. Damit alle sehen, wie stark sie ist. Neues Kinderfernsehen, dieses schnell geschnittene Manga- Geballere oder Sponge Bob, finde ich schlimm.

Wie früh muss man Kindern die Illusion von einer heilen Welt nehmen?

Das ist schwer. Wir müssen hier in Köln immer an der Agneskirche vorbei, und da hängt so ein großes Kreuz mit Jesus. Er sieht leidend aus, und meine Tochter hat Angst vor ihm. Ich habe ihr erzählt, dass der sich nur festhält, weil er sonst runterfällt. Weil ich nicht sagen will, dass es Menschen gibt, die andere ans Kreuz nageln. Aber immer heile Welt ist auch schädlich.

Wann sind Sie ehrlich?

Einmal gab es einen Todesfall im Kindergarten, der Turnlehrer war gestorben. Meine Tochter kam nach Hause: „Der Werner ist jetzt ein Stern, und immer wenn die Sterne aufgehen, können wir den Werner sehen.“ Nee, das ist nicht so. Tot ist tot und tot ist weg und weg ist weg.

Ihre Tochter ist fünf Jahre alt. Was machen Sie, wenn sie in sieben Jahren pubertiert?

Damit muss ich klarkommen. Ich bin ziemlich tolerant und schon darauf vorbereitet, dass die dann schreckliche Musik hören, Techno-Schlümpfe oder DJ Ötzi.

Und was werden Sie dann sagen?

Wow, das klingt ja toll. Toller Beat!

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