Charlottenburg : Wo alles anfing

Die Kunstsammlung der Stadt Charlottenburg: Der Aufstieg Charlottenburgs zur eigenständigen Großstadt vor den Toren Berlins seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist eng mit der Kunst verknüpft.

Kolja Reichert

Gerade jetzt, wo Berlin sich zur Stadt der Kunstsammler aufschwingt, lohnt ein Blick zurück in der Geschichte. Denn das war sie schon einmal. Die Kommunale Galerie Charlottenburg hat Keller und Amtsräume durchforstet und erstmals die vor hundert Jahren begründete Kunstsammlung des Bezirks dokumentiert. Heraus kam eine Geschichte des Zusammenspiels von Kunst und öffentlicher wie privater Sammlertätigkeit. Der Aufstieg Charlottenburgs zur eigenständigen Großstadt vor den Toren Berlins seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist eng mit der Kunst verknüpft. Die Hochschulen lockten Künstler, die Unternehmer brachten das Geld. Eine vorwiegend jüdische Sammler- und Mäzenatenszene trieb die Ablösung von den kaiserlichen Kunstvorstellungen voran. Im Rathaus unterstützte man die Ausstellungen der Berliner Secession und festigte so den Ruf Charlottenburgs als Kunststandort. 1908 wurde eine Deputation eingerichtet, die im Namen der Stadt Kunstwerke erwarb. Der erste Ankauf, „Die blaue Brücke am Dianasee“ von Walter Leistikow, hängt noch heute im Büro der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen.

Die zehn nun gezeigten Arbeiten geben das breite Spektrum der Sammlung wieder, von der klassizistisch überhöhenden Büste einer Spenderin von Albert Karl Konrad Wolff bis zur naturalistischen Bronze „Glasbläser“ von Constantin Meunier. Friedrich Kallmorgens pompöses Gemälde zeigt die Hardenbergstraße mit der Gedächtniskirche. Auch eine Darstellung des Charlottenburger Schlosses, die im Auftrag des Magistrats entstand, ist in ihrer kalten Formstrenge ausschließlich der Repräsentation verpflichtet. Max Liebermann tritt mit dem Porträt des Oberbürgermeisters Ernst Scholz ebenfalls als Auftragsmaler an.Dagegen zeugen Philipp Francks „Badende Jungen“ vom fortschrittlichen Kunstverständnis der Deputation, und mit Hans Baluscheks eindrucksvoller Industrie-Szene „Zur Grube“ ist ein damals politisch durchaus umstrittener Künstler vertreten. Ein solches Nebeneinander von gefälliger und avantgardistischer Kunst sieht man selten: ein Vorgeschmack auf die geplante Dauerausstellung, für die der Bezirk passende Räume sucht. Wunschort ist die Villa Oppenheim am Charlottenburger Schloss nahe der Berggruen-Sammlung und dem künftigen Museum Scharf-Gerstenberg, so dass alte und neue Sammlertätigkeit zusammenfinden. Kolja Reichert

Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, bis 15. Juni.

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