Kultur : Charme und Cha-Cha

ROMAN RHODE

Immer deutlicher zeigt die Windrose der Weltmusik nach Kuba. Auch Cesária Evora singt eine Ballade in brüchigem Spanisch und läßt sich auf ihrem neuen Album von Musikern aus Havanna zu einem Cha-Cha-Cha begleiten. Die Begegnung klappt vorzüglich. Und die zehn jungen Burschen, die sich um die Sängerin auf der Terrasse des Hauses der Kulturen der Welt gruppieren, verstehen es, den vertrackten Swing der Zuckerinsel auf ihre kapverdischen Strings zu übertragen. Schließlich sind tragischer Bolero und schwermütige Morna schon aufgrund ihrer Mischung aus wehleidiger Kolonie und afrikanischer Würze miteinander verwandt. Cesaria selbst wirkt bei ihrem Auftritt jedoch etwas angeschlagen. Ist es die nordisch-kühle Sommerbrise, die über Caipirinhas, gegrillte Würste und die Bühne fegt? Oder die Erkenntnis, daß sich der lusomanische Weltschmerz, wenn man ihn tausendmal besungen hat, vielleicht gar nicht mehr am eigenen Körper empfinden läßt? Erst vor wenigen Jahren entdeckte man Evora barfüßig in einer Hafenbar vor der Küste Westafrikas. Seitdem tourt die bald Sechzigjährige unablässig durch die Welt und veröffentlicht eine Schallplatte nach der anderen. Ihre Musik ist immer raffinierter arrangiert worden, das Repertoire reicht über drei Kontinente und mittlerweile erscheint die "Königin der Morna" im eleganten Cape, streng gescheitelt und mit Gold behangen. Doch während ihre Musiker sich bei den fetzigen Coladeiras austoben, bleibt Cesária in stiller Traurigkeit oder Müdigkeit auf der Stelle stehen. Sie lächelt ins Publikum, das noch immer exotische Ursprünglichkeit beklatscht, aber in ihren dunklen Augen spiegelt sich Kummer. Vielleicht ein Tribut der gängigen Vermarktung, durch die betagte Sänger aus Kuba oder von den Kapverden im Handumdrehen zu "Königen" stilisiert werden. Königskronen sind oft Dornenkronen.

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