Kultur : Charme und Drang

JÖRG KÖNIGSDORF

Understatement ist vermutlich die britischste aller Tugenden. Leon McCawley beweist sie schon bei der Programmzusammenstellung seines Klavierabends im Kammermusiksaal. Endlich einmal stürmt da einer nicht gleich auf die musikalischen Achttausender los, bescheidet sich vorerst noch mit kleineren, nicht virtuositätsrekordverdächtigen Werken. Schon in Haydns c-moll-Sonate geht es McCawley nicht um rhetorische Zuspitzungen, um die schroffen, dem Sturm und Drang nahen Züge des Werks. Mit diskret verschattetem Anschlag malt er ein Klangpastell, in dem Nuancen und Zwischentöne dominieren, in dem agogische Verzögerungen und mildernde Akkordbrechungen von Empfindsamkeit und Melancholie künden. Das könnte schnell zu einer trüben Depressions-Grisaille werden, doch dafür ist McCawley ein viel zu guter Pianist. Die Triller etwa, die er zu Beginn des langsamen Satzes noch in Pedal-Trauerflor hüllt, gewinnen nach und nach an Schärfe, aus der fast improvisatorisch-versonnenen Eingangsstimmung heraus offenbart sich ganz allmählich die dem Satz zugrundeliegende Energielinie.

Dem ernsten Haydn läßt McCawley mit Beethovens "Eroica-Variationen" ein herrliches Beispiel musikalischen Humors folgen - wann hätte man es je mit soviel Charme, Witz und Grazie gehört? Fast sofort entwickelt der Zyklus hier einen selbsttragenden Schwung, fliegt mit tänzerischer Eleganz und Ballsaalgeglitzer im Diskant vorbei. McCawley gelingt dabei das Kunststück, die Grundpointe des tolpatschig stolpernden Motivs bis zum Schluß noch witzig zu gestalten. Dabei ist sein Humor durchaus von der sonnigen Art, trocken sarkastische Überspitzung, wie sie in der Fuge diskutabel gewesen wäre, ist seine Sache nicht. Er bietet erstklassiges Klavierspiel, das aber jegliche Extreme meidet. Seine Chopin-Impromptus sind so von einer angenehmen Natürlichkeit der Melodieformulierung, ohne den flüchtigen Charme der Stückchen in Frage stellen zu wollen. Selbst die überfeinerte Musik Alexander Skjabins klingt bei ihm noch rund und gesund, was den kleinen Préludes opus 16 besser bekommt als der vierten Klaviersonate, der ohne rauschhaft vibrierende Hysterie denn doch die entscheidende Aussageebene verlorengeht.

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