„Chasuke’s Journey“ auf der Berlinale : Der Himmel über Okinawa

Wer zum Teufel schreibt das Drehbuch unseres Lebens? Sabus spaßig philosophischer „Chasuke’s Journey“ im läuft im Wettbewerb - und steht auch in der Tradition von Denis Diderot.

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Mein Engel. Chasuke (Ken’Ichi Matsuyama) hat die schöne Yuri (Ito Ohno) dem Tod entrissen.
Mein Engel. Chasuke (Ken’Ichi Matsuyama) hat die schöne Yuri (Ito Ohno) dem Tod entrissen.Foto: Berlinale/Bandai Visual

Im Himmel ist die Hölle los. Jedenfalls seit die hübsche Yuri (Ito Ohno) da unten in Okinawa bei einem Autounfall gestorben ist. Der einstige Yakuza-Gangster Chasuke (Ken’ichi Matsuyama), der zur Strafe für sein sündiges Leben nun im Himmel auf ewig Tee serviert, findet das gar nicht gut. Und ein paar der Dutzende von weißgewandeten überirdischen Drehbuchschreibern, die in einer geradezu Faust’schen Hexerküche mit schwarzer Tinte die Biografien der Sterblichen auf lange weiße Rollen tuschen, sehen das genauso. Nur eben keineswegs alle. Und schon geht das Gezeter los im Paradies und auf der Erde die Schlacht der Stellvertreter.

Mit der unlösbaren philosophischen Frage, ob unser Leben von klugen Zufällen abhängt oder vom dummen Schicksal, schlägt sich Hiroyuki Tanaka, der sich seit seinem Wechsel vom Schauspiel- ins Regiefach Sabu nennt (nach einem Yakuza, den er mal spielte), gerne und zumeist höchst unterhaltsam herum. Seit seinem Debüt „D.A.N.G.A.N. Runner“ (1996) experimentiert er wild mit Melodram, Thriller, Groteske, Satire, Topquatsch und Tiefsinn; und nach beträchtlichen sechs Berlinale-Gastspielen – in Panorama und Forum – hat er es nun mit „Chasuke’s Journey“ erstmals in den Wettbewerb geschafft.

Chasuke, zunächst in der Weißfetzentoga der Unsterblichen, stürzt also auf die Erde, wird vom irdischen Protagonisten eines gutherzigen Drehbuchschreibers stadtfein eingekleidet – und läuft alsbald mit einem Paar Flügel herum, wie einst Bruno Ganz als Engel Damiel im „Himmel über Berlin“. Auch Chasuke wird schnell als Engel identifiziert, nachdem er Yuri gerettet hat, und als solcher um Hilfe gebeten. Schon stehen die Mühseligen und Beladenen, die Lahmen und Blinden Schlange, und der menschenfreundliche Wunderheiler arbeitet im Akkord. Darf der das, einfach reinpfuschen in den Kalligraphen-Job der Himmelsschreiber? Natürlich nicht.

Über weite Strecken ist dieses Spiel mit der Allmacht zum Guten, das Sabu da nach seinem gleichnamigen Erstlingsroman inszeniert, lustig anzusehen. Zumal er in Zeitlupe, mit voranstürzenden Einzelbildern, dann wieder mit nahezu entfesselter Kamera das verrückte Geschehen kongenial visualisiert – und auch seine Alltagsfiguren immer wieder in putzige Prozessionen hineingeraten lässt. Ein riesiges buntes Theater ist dieses Erdenleben, mit Leuten, die es gern laut haben, um ihren Tod zu verscheuchen, den sich gerade einer der Gotteslohnschreiber ausdenkt. Wobei der Film zwischendurch – wie das Leben – auch mal kabarettistisch ermüden darf, etwa wenn das Twitternest sein Fett abkriegt oder das TV-Idiotainment. Nur das Finale gerät Sabu eindeutig überdeutlich, also: schmal.

Dass es so kommen kann oder auch ganz anders: Mit dieser Idee beschäftigt sich das Kino seit jeher, von „Das Spiel ist aus“ über „Lola rennt“ bis „Sliding Doors“. Die schönste Idee aber, so uralt wie unverwüstlich, steckt im philosophischen Ausgangspunkt, dem Setting im Himmel. Aufgeschrieben hat sie Denis Diderot in „Jacques der Fatalist“ (1776): Der kluge Diener Jacques ist mit seinem Herrn irgendwo auf der Erde unterwegs, und der unerhört moderne Roman fängt so an: „Wie hatten sie sich kennengelernt? Durch Zufall, wie alle. Wie hießen sie? Ist Ihnen das wichtig? Woher kamen sie? Aus dem nächstbesten Ort. Wohin gingen sie? Weiß man je, wohin man geht? Was sagten sie? Der Herr sagte nichts, und Jacques sagte, sein Hauptmann habe immer gesagt, alles, was uns hier unten an Gutem und Bösem widerfährt, stehe da oben geschrieben.“

Und wo „da oben“? Auf der „großen Rolle“ natürlich, ganz wie bei Sabu und Chasuke. Jan Schulz-Ojala

14.2., 15 Uhr (Friedrichstadtpalast) und 15 und 20 Uhr (Haus der Berl. Festspiele)

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