Kultur : Chavez’ Brüder

„Barbarei und Zivilisation“: Lateinamerikas Überbuch

Steffen Richter

Einst gab es zwei Amerikas. Das eine hat Karriere gemacht und dem 20. Jahrhundert seinen Stempel aufgedrückt. Das andere dümpelt meist unterhalb der europäischen Aufmerksamkeitsschwelle herum. Wer dieses zweite Amerika kennen will, wer Gauchos und Caudillos, Fidel Castro und Hugo Chávez begreifen möchte, der schlage nach bei einem Argentinier. Der Mann heißt Domingo Faustino Sarmiento und hat vor gut 150 Jahren ein rechtes Bastard-Buch geschrieben. Landeskundlich-historischer Essay, politisch-philosophisches Pamphlet und Räuberpistole: All das ist „Barbarei und Zivilisation – Das Leben des Facundo Quiroga“. Entstanden ist dieses Überbuch, als sich der 34-jährige Sarmiento 1845 – wieder einmal – ins chilenische Exil geflüchtet hatte. Deswegen klingt der „Facundo“ zunächst wie eine Streitschrift gegen den Diktator Juan Manuel Rosas.

Doch die Bestandsaufnahme der argentinischen Gesellschaft, die Sprachgewalt und der Hang zur Überspitzung haben die Polemik um dieses Buch nie abreißen lassen. Sarmiento schreibt in Zeiten von Bürgerkriegen mit wechselnden Fronten. Zum einen löst sich Argentinien von der spanischen Kolonialmacht. Zum anderen liegen die Städte mit den weiten Ebenen der Pampa im Clinch – für Sarmiento ein Krieg zwischen den Bastionen der Zivilisation und der Heimstatt aller Barbarei. Inkarnation dieser Barbarei ist der Typus des Gaucho malo, präsentiert in Gestalt des Facundo Quiroga. An diesem instinktgeleiteten Messerstecher im Poncho, der zum mächtigen Provinzherrscher und zur Kreatur des Diktators Rosas aufsteigt, illustriert Sarmiento die innere Physiognomie des Caudillismo.

Dass man den „Facundo“ erstmals vollständig auf Deutsch lesen kann, ist dem Lateinamerikanisten Berthold Zilly zu verdanken. Der hat das Buch bravourös übersetzt und sachkundig kommentiert. Dabei wird deutlich, dass man nicht nur einen Schlüssel zur politischen Kultur Argentiniens in Händen hält. Der „Facundo“ ist mehr: eine Folie, auf der Jorge Luis Borges, Julio Cortázar oder César Aira ihre Literatur geschrieben haben.

Sarmiento hat nicht nur mit der Feder gekämpft. Von 1868 bis 1874 war er argentinischer Präsident und nicht zimperlich mit Gegnern, schon gar nicht mit den amerikanischen Ureinwohnern. Die nämlich passten nicht zu seiner Idee eines Landes, in dem Volksbildung, Gesundheitswesen, Handel und Kultur florieren.

Den Königsweg zu dieser Vision sah Sarmiento – wahrlich eine unorthodoxe Denkungsart für einen Nationalstaatsgründer – in der europäischen Einwanderung. Die sollte die „menschenleere Welt“ des Subkontinents zur Blüte bringen – ganz wie im Modell des amerikanischen Nordens. Dieser Norden allerdings war erfolgreicher. So erfolgreich, dass er bald den Namen Amerika okkupierte. Steffen Richter

Domingo Faustino Sarmiento: Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga. Übertragen und kommentiert von Berthold Zilly. Eichborn, Frankfurt am Main 2007. 458 S., 32 €. – Zilly stellt das Buch morgen um 19 Uhr im Iberoamerikanischen Institut Berlin vor.

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