Chefredakteurswechsel bei der "Spex" : Anständig randständig

Die "Spex", das deutsche Zentralorgan der Popmusik, verabschiedet sich zunehmend in die Bedeutungslosigkeit. Das "Magazin für Popkultur" wurde schon oft totgesagt, aber diesmal muss man sich wirklich Sorgen machen. Ein Kommentar.

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Ein Ex-Chef geht, ein anderer Ex-Chef kommt. Max Dax gibt seine Kolumne in der „Spex“ auf, Diedrich Diederichsen steigt als Kolumnist ein. Das vermelden Jan Kedves und Wibke Wetzker im Editorial der aktuellen Ausgabe des „Magazins für Popkultur“ – mittlerweile beide selber Ex-Chefs. Doch dass sie jemals eine Kolumne für ihr altes Blatt schreiben werden, ist unwahrscheinlich. Völlig überraschend wurden sie kurz nach der Fertigstellung der Mai/Juni-Ausgabe entlassen.

Zum Nachfolger hat der Piranha Media Verlag, in dem das Heft seit zwölf Jahren erscheint, Torsten Groß vom „Rolling Stone“ bestimmt. Eine Entscheidung, die in der Szene mit einem großen „Hä?! Wie jetzt?!“ aufgenommen wurde. Vom Altrocker-Magazin zum Schlaumeier-Zentralorgan des deutschen Pop – das scheint so gar nicht zusammenzupassen.

Tatsächlich knallt Groß seinen Vorgängern zum Abschied noch mal richtig eine vor den Latz: Sie hätten ein „Kaffeetisch-Magazin“ gemacht, das randständige Themen für eine Minderheit gut informierter Lesern aufbereitet. Außerdem hätten sie die Musik wie ein „ungeliebtes Patenkind“ behandelt und seien „nie ganz im neuen Berlin angekommen“, sagt er im Interview mit „Spiegel Online“.

Das alles will der Fan von Bowie, Springsteen und den Stones nun ändern – und damit die Ära der „Spex“ als Pop-Intelligenzija-Magazin wohl endgültig beenden. Zwar wurde die Zeitschrift schon oft totgesagt und hat seit 1980 zahlreiche Chefredaktionswechsel überstanden. Doch diesmal deutet alles darauf hin, dass sie bald zum Einerlei der deutschen Musikmagazin-Landschaft gehören wird.

Das ist insofern schade, als Kedves und Wetzker – seit Herbst 2010 Doppelspitze der „Spex“ – dem Blatt zuletzt wieder ein schärferes Profil gegeben hatten. Das Aktualitätshemmnis der zweimonatlichen Erscheinungsweise glichen sie geschickt auch durch außermusikalische Themen aus. Leif Randt schreibt über Christian Krachts „Imperium“ – gute Idee. Ein Interview mit dem Occupy-Vordenker Mark Greif – interessant. Eine Reportage über den neuen James-Franco-Film – warum nicht? Auch der keineswegs vernachlässigte Musikteil überzeugte in letzter Zeit mit einem anregenden Mix.

Lesen wollen das derzeit rund 17 800 Menschen, die Abo-Zahl ist auf unter 5000 gesunken. Der „Rolling Stone“ bringt es im kriselnden Musikmagazinmarkt immerhin noch auf 51 300 Leser. Doch auch hier musste kürzlich der Chefredakteur gehen: Seit 1. März leitet Sebastian Zabel das Springer-Blatt. Angefangen hat er einst bei der „Spex“. Vielleicht sollte er mal bei Kedves und Wetzker anrufen – der „Rolling Stone“ könnte frischen Input gut vertragen.

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