Kultur : Chiles elfter September

Alfredo Jaars politische Provokationen.

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Lichtbilder. Jaars Hauptmedium sind Installationen mit Fotografien. Foto: Alfredo Jaar
Lichtbilder. Jaars Hauptmedium sind Installationen mit Fotografien. Foto: Alfredo Jaar

1973 erhielt er den Friedensnobelpreis, seitdem wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Deutsche Zeitungen befragen ihn in der Euro-Krise als Experten, immer wieder taucht er auf den roten Teppichen der Welt auf. Menschenrechtler dagegen kritisieren Henry Kissinger scharf. Sie sagen, der frühere US-Außenminister mit deutschen Wurzeln sei mitverantwortlich für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Eben daran erinnert der Chilene Alfredo Jaar am heutigen Dienstag, wenn er in Berliner Tageszeitungen, auch im Tagesspiegel, fordert: „Verhaftet Kissinger“. Die Anzeigen erscheinen auf Deutsch, Englisch und in fünf weiteren Sprachen, in den Idiomen jener Länder, in denen Kissinger zu Verbrechen beigetragen haben soll. Auch das Datum ist mit Bedacht gewählt. So wie Nordamerika am 11. September der Opfer der Terroranschläge von 2001 gedenkt, erinnert sich Südamerika an den 11. September 1973. Damals putschte Pinochet in Chile, mit Unterstützung der USA. Mit den Anzeigen beendet Jaar seine Ausstellung „The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands“, die in drei Berliner Galerien (NGBK, Neue Nationalgalerie, Berlinische Galerie, bis 16. 9.) gezeigt wird und seine Arbeiten aus den 80er Jahren präsentiert. Darin geht es vor allem um Kissingers Rolle beim Militärputsch.

Jaar, 1956 in Chile geboren, lebt seit den frühen Achtzigern in New York. Als erster lateinamerikanischer Künstler wurde er zur Biennale von Venedig und zur Documenta geladen, seitdem ist er international für seine politische Kunst und für öffentlichkeitswirksame Aktionen bekannt. So fragte er die in der Diktatur lebenden Chilenen auf großen Straßenplakaten und in Fragebögen „Sind Sie glücklich?“ und verarbeitete seine Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit als Daad-Stipendiat in Berlin, indem er Städtenamen wie „Hoyerswerda“ und „Rostock“ auf den Stufen des Pergamonaltars anbrachte.

Jaars Forderung dürfte kaum je erfüllt werden. Zwar erhoben 2001 chilenische Opfer Strafanzeige gegen Kissinger in den USA. Es fehlt aber am politischen Willen und an der Rechtsgrundlage in vielen betroffenen Ländern. Über die Beziehung zwischen Kunst und Politik diskutiert der Künstler nun auch in Berlin, am Freitag, den 14.9., um 18 Uhr (ECCHR e.V., Zossener Str. 55–58).Julia Prosinger

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