Kultur : China auf dem Laufsteg

Prestigegewinn für das Reich der Mitte: Schanghai richtet die Weltausstellung im Jahr 2010 aus

Ulf Meyer

Die Megastädte in Ostasien haben längst die Größe ganzer Nationen erreicht. Schanghai beispielsweise ist mit 14 Millionen Einwohnern heute schon die größte Stadt Chinas und wird bis zum Jahr 2010 womöglich zur größten Agglomeration der Welt herangewachsen sein. In jenem Jahr wird Schanghai die Weltausstellung ausrichten. Das haben die Delegierten des Internationalen Expo-Komitees soeben in Monte Carlo entschieden. Die chinesische Metropole setzte sich gegen Moskau, Breslau, Yesou in Südkorea und Queretaro in Mexiko durch. Der aussichtsreichste Konkurrent Moskau war wegen des tschetschenischen Geiseldramas in Verruf geraten.

Chinas teure Werbekampagne und die Zusage für eine millionenschwere Unterstützung der Präsentationen der Entwicklungsländer auf der Expo hat Schanghai Dritte-Welt-Stimmen in der Endausscheidung gegen Yeosu eingebracht. Zum ersten Mal in der 150-jährigen Geschichte der Weltausstellungen wird nun ein Entwicklungsland Expo-Gastgeber. Frankreich hatte wenige Monate zuvor die außerplanmäßige Expo 2004 in der Nähe von Paris aus Kostengründen abgesagt.

Die alle fünf Jahre stattfindenden Weltausstellungen sind damit wieder im zeitlichen Rhythmus. In drei Jahren wird die Expo in Aichi in Mitteljapan stattfinden. Während sich Weltausstellungen in Ostasien großer Beliebtheit erfreuen, scheint im Westen das Zeitalter der Weltausstellungen unwiderruflich vorbei zu sein. Die Anziehungskraft von Weltausstellungen als Bühne für Kultur und Technik ist dramatisch gesunken: Keine einzige westliche Stadt hatte sich beworben.

Nach der Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO), der Teilnahme an der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft und der Vergabe der Olympischen Spiele 2008 nach Peking ist die Expo in Schanghai der vierte große Prestigegewinn für das chinesische Regime. Das Gleichgewicht zwischen den beiden wichtigsten Städten Chinas, das nach der Entscheidung für die Olympiade in der chinesischen Kapitale gestört war, ist damit wiederhergestellt. Die Expo steht unter dem Motto: „Bessere Stadt, besseres Leben“ – die Stadt Schanghai thematisiert sich damit selbst. Siebzig Millionen Besucher werden in den sechs Monaten zwischen Mai und Oktober in Schanghai erwartet – drei Mal mehr als auf der verlustreichen Expo 2000 in Deutschland. Die neuen Ideen von Hannover, ein bestehendes Messegelände zu nutzen, nachhaltige Gebäudekonzepte zu finden und dezentrale Projekte zu lancieren, werden in Schanghai nicht fortgesetzt, und auch der Trend zu kleineren gastgebenden Städten ist gebrochen.

Die Expo in Schanghai wird einen ganz anderen Charakter als ihre Vorläufer in Niedersachsen und Japan haben: Keine „Expo, die sich rechnet“, sondern Eigenwerbung im Namen Chinas stellen sich die Veranstalter vor, und die lassen sie sich etwas kosten. Ein „Fenster zur Welt“ soll die Expo sein und ein modernes und offenes China präsentieren. Besuchermangel dürfte angesichts der über eine Milliarde neugieriger und wenig gereister Bürger im eigenen Land kein Problem werden – vorausgesetzt, die Eintrittspreise sind bezahlbar.

Das über fünf Quadratkilometer große zukünftige Ausstellungsgelände liegt am Ufer des Huang-Pu-Flusses auf einer alten Industriefläche. Ein Stahl- und ein Chemiewerk sowie 8000 Familien müssen rechtzeitig umgesiedelt werden – eine Alltäglichkeit beim rigorosen Stadtumbau in Schanghai. Umgerechnet drei Milliarden Euro werden auf dem Gelände investiert – die Aufwertung der Infrastruktur und ökologische Projekte werden ein Vielfaches verschlingen. Kritik, dass zu viel Geld in ein temporäres Prestigeprojekt investiert würde, gibt es in China kaum. Die Festivalisierung der Stadtplanung wird nur im Westen beklagt. Schanghai als „Drachenkopf“ des chinesischen Wirtschaftswachstums erhofft sich von der Expo die Aufnahme in den Kreis der führenden Weltstädte. Ob die chinesische Expo eine Propagandaveranstaltung der Kommunistischen Partei oder eine willkommene Gelegenheit zur Modernisierung der Stadt im Dienste der Bürger wird, ist noch nicht entschieden.

Vom Ausstellungsgelände werden die Besucher einen Blick auf das neue Wahrzeichen Schanghais werfen: den futuristischen „Oriental Pearl Tower“, den höchsten Fernsehturm der Welt. Das riesige Jin-Mao-Hochhaus nebenan mit seiner gestaffelten Edelstahlfassade erinnert mit seinem „Neo-Art-Déco-Stil“ architektonisch an die „Goldenen zwanziger Jahre“, als Schanghai schon einmal eine Weltstadt war. Die der Stadt von den Kommunisten zugedachte, ungeliebte Rolle als „Stadt der Schwerindustrie“ will Schanghai endlich abschütteln und besinnt sich auf seine traditionelle Rolle im Welthandel. Die ambitionierten Stadtväter wollen mittelfristig sogar Hongkong den Rang als Handels- und Finanzzentrum Chinas und „Tor nach Ostasien“ ablaufen.

Die „Hure des Orients“

Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise wächst Schanghai in einem schwindelerregenden Tempo. Deng Xiao-Ping löste mit seiner Propagierung der Marktwirtschaft 1992 einen beängstigenden Bauboom aus. Die Behörden genehmigten wahllos alle Projekte ausländischer Investoren und verwandelten damit Schanghai in eine Dauerbaustelle. Die ehemals mondäne, elegante Stadt hat Chancen, die erste echte Weltstadt Chinas zu werden. Schanghai war früher berühmt für sein Nachtleben und galt ehemals als „Hure des Orients“. Der „bourgeoisen“ Unterhaltung machten die Kommunisten jedoch den Garaus. Die ehemaligen Tabus der Maoisten sind heute die Pfunde, mit denen die Stadt wuchert. Heute versucht die Stadt, ihren eigenen Mythos wiederzubeleben und an die gute alte Zeit anzuknüpfen. Der zwiespältige Ruf der Metropole und das Lebensgefühl der „Gangsterstadt“ lassen sich heute noch aufspüren. Die erhaltenen Kolonialbauten an der Flusspromenade „Bund“ verströmen noch die historische Atmosphäre.

Heute steht ihnen jedoch eine neue Skyline gegenüber. Im Neubaustadtviertel Pudong, das vor zehn Jahren auf der anderen Seite des Flusses entstand, wachsen immer neue gläserne Wolkenkratzer in den Himmel. Die streng autogerecht geplante und zonierte Modellstadt gilt als neues Geschäftszentrum in Schanghai, ist jedoch bisher eine lose Ansammlung von Bürotürmen, Einkaufszentren und Hotels geblieben, die zusammen keine Stadt ergeben. Auch hier dürfte die Expo für Wandel sorgen.

Informationen zu Schanghais Expo 2010 unter www.expo2010china.com

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