China : Das Erbe bebt

Sechs Unesco-geschützte Kulturstätten gibt es in Chinas Provinz Sichuan. Welche sind von der Katastrophe betroffen?

Eva Kalwa

Unabsehbar sind die Folgen des Erdbebens in der südwestchinesischen Provinz Sichuan: über 40 000 Tote, immer noch mehr als 30.000 Vermisste, rund 280 000 Verletzte und über fünf Millionen Obdachlose – so die bisherigen offiziellen Zahlen. „Die dringlichsten Aufgaben humanitärer Hilfe bestehen darin, Epidemien zu verhindern und Zelte herbeizuschaffen“, sagt Dong Junxin, Kulturattaché der chinesischen Botschaft.

Angesichts dieses Ausmaßes menschlichen Leides erscheint die Frage, welche materiellen Schäden durch das Beben hervorgerufen wurden, eher sekundär. Doch wirtschaftliche Voraussetzungen wie auch Kulturgüter sichern langfristig das Überleben und die kulturellen Identitäten der Bevölkerungsgruppen des Landes. Was mögen die Überlebenden nach den Aufräumarbeiten vorfinden?

Auf wirtschaftlicher Seite spricht die Regierung von einem Schaden von 67 Milliarden Yuan (rund 6,2 Milliarden Euro); mehr als 14 000 Unternehmen sollen von der Katastrophe betroffen sein. Die kulturellen Auswirkungen sind derzeit noch weniger zu überblicken. Weder Dong Junxin noch der stellvertretende Generalkonsul in Chengdu, Mirko Kruppa, oder Herbert Butz, stellvertretender Direktor des Museums für Asiatische Kunst in Berlin, verfügen über genauere Informationen über die vom Erdbeben betroffenen Kulturstätten und -güter. Aber schon der Versuch einer ersten Bestandsaufnahme gibt Grund zur Besorgnis.

Sechs Stätten in der Provinz Sichuan hat die Unesco als Weltkulturerbe oder Weltnaturerbe anerkannt, darunter auch das Qingcheng-Gebirge. Hier befand sich das Epizentrum des Bebens, die Zerstörungen dort sind gravierend. Die Gegend gilt aufgrund ihrer zahlreichen Tempelanlagen als bedeutende Stätte des Daoismus; Qingcheng ist einer der fünf wichtigsten daoistischen Berge in China. Die mehr als 2300 Jahre alte Religion des Daoismus prägt auch heute noch nahezu alle Lebensbereiche vieler Chinesen. Wie die chinesische Presse und Augenzeugen berichten, sollen etliche Tempel stark beschädigt sein. „Die Holzskelettbauten mit den verzapften Balken sind an sich relativ stabil“, erklärt der Hamburger Sinologe Hans-Wilm Schütte. „Als Erstes lösen sich die Dachziegel, und da die Dächer sehr schwer sind, begraben sie unter Umständen den ganzen Tempel unter sich.“

Über Freunde und das Internet hat er auch von schweren Schäden in direkter Nähe der über 2200 Jahre alten Bewässerungsanlage Dujiangyan erfahren, er selbst war noch wenige Tage vor dem Beben dort. Auch Dujiangyan gehört seit 2000 zum Weltkulturerbe. Das Bewässerungssystem ist flach gebaut und besteht überwiegend aus Kanälen, es hat in seiner langen Geschichte schon einige Erdbeben relativ unbeschadet überstanden. Um das Stauwehrsystem herum befinden sich in einem Park einige kulturhistorisch bedeutende Gebäude, die Anlage ist ein beliebtes Touristenziel. Hier haben die schweren Erdstöße offenbar gravierende Spuren hinterlassen: Unter anderem sind der „Zweikönigstempel“, ein großer Gedenktempel für die Erbauer der Stauanlage, Li Bing und seinen Sohn, und der Aussichtsturm Qinyan Lou mit seinen pagodenartigen Dächern betroffen.

Auch zahlreiche traditionelle Dörfer und kleinere örtliche Tempel sind wohl zerstört. „In der Provinz leben viele Angehörige ethnischer Minderheiten: Tibeter oder die von der chinesischen Regierung anerkannte Gruppe der Qiang“, sagt Jochen Noth, China-Experte vom Berliner Verein „Stadtkultur international“. Er befürchtet, dass die Kultur der Qiang bedroht ist, da viele der alten, abgelegenen Bergdörfer dem Beben zum Opfer gefallen sein müssen. Kürzlich war eine Forschergruppe der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts vor Ort, weil dort für 2009 Ausgrabungen geplant sind. „Die heute noch bewohnten Siedlungen gehen auf Gründungen von vor über 2000 Jahren zurück“, so Mayke Wagner von der Eurasien-Abteilung.

Diverse Medien berichteten in dieser Woche besorgt über die Qiang, und auch Wagner bangt um ihre Zukunft. Mit seiner über 3000-jährigen Geschichte gehört das Volk zu den ältesten Nationalitäten Chinas. Die meisten der rund 300 000 Qiang lebten in einem Umkreis von rund 100 Kilometern zum Epizentrum des Bebens, in Dörfern, die oft mehrere Tagesmärsche von der nächsten größeren Ortschaft entfernt liegen. Viele Bewohner, vor allem die älteren, mussten ihre Heimat erstmals in ihrem Leben verlassen, einige weigerten sich wegzugehen, trotz der dramatischen Zerstörung.

Zuflucht suchen die meisten nun in den größeren, überwiegend von Han-Chinesen bewohnten Städten. Dort könnte ein Assimilierungsprozess einsetzen, der nicht nur die Traditionen und das Selbstverständnis der Qiang als eigenständiger Volksgruppe gefährdet, sondern auch das Fortleben ihrer mündlich überlieferten, tibeto-birmanischen Sprache.

Keine Nachrichten sind manchmal gute Nachrichten: Der steinerne Buddha von Leshan scheint unversehrt zu sein. Mit 71 Metern Höhe und 28 Metern Schulterbreite ist er der größte sitzende Buddha der Welt; ein Mensch hat bequem auf dem kleinen Zehennagel Platz. Die imposante Statue wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts zur Zeit der Tang-Dynastie nach 90 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Die Stadt Leshan liegt 130 Kilometer südlich von Chengdu und knapp 200 Kilometer vom Erdbebenzentrum entfernt. Dieser Sicherheitsabstand mag ausgereicht haben.

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