China : Das System der tausend Augen

Sanft nach außen, hart nach innen: Wie die chinesische Zensur Künstler korrumpiert. Ha Jin, Soldat in China und Dichter in Amerika, berichtet von seinem Land.

Ha Jin
China Zensur
Sicherer surfen. Ein chinesischer Sicherheitsmann beaufsichtigt Gäste eines Internetcafes. -Foto: Ullstein

Die Zensur in China ist ein gewaltiges Kräftefeld: Wer sich ihm nähert, wird unweigerlich hineingezogen. Vor rund vier Jahren unterschrieb ich bei einem Verleger aus Schanghai einen Vertrag über fünf meiner zuvor auf Englisch erschienenen Bücher: vier mit erzählender Prosa und eines mit Gedichten. Der verantwortliche Lektor aber erklärte mir, dass er wegen der heiklen Themen unmöglich meine beiden letzten Romane veröffentlichen könne: „Verrückt“ setzt sich mit der Tiananmen-Tragödie auseinander, „Kriegspack“ beschäftigt sich mit dem Koreakrieg.

Als ich über die Gedichte nachzudenken begann, die ich auswählen und übersetzen sollte, konnte ich nicht anders, als mich selbst zu zensieren. Es war entmutigend zu begreifen, dass ich gerade die stärkeren Gedichte nicht durchbringen würde. Bis heute habe ich, obwohl der Abgabetermin seit drei Jahren abgelaufen ist, kein einziges Gedicht übertragen. Dann wurde meine Erzählsammlung „Ein schlechter Scherz“ von der Zensurbehörde in Schanghai abgelehnt. Damit geriet das ganze Projekt ins Stocken, und unlängst erfuhr ich, dass der Verleger sich entschieden habe, es aufzugeben. Inzwischen verbreiten zahlreiche offizielle Zeitungen, dass meine Bücher in China keinen Marktwert besitzen.

Bis vor kurzem war die Autorität des Ministeriums unstrittig

Künstler und Journalisten in China hassen und fürchten nichts mehr als das Propagandaministerium der Kommunistischen Partei. Über seine eigentliche Aufgabe hinaus überwacht es mit Hilfe vieler Büros auch die Zeitungen, Verlage, Radio- und Fernsehstationen, die Filmindustrie und das Internet. Mit Ausnahme der Zentralen Militärkommission übt kein Ministerium stärkere Macht aus.

Erst in den letzten Jahren ist die Autorität des Ministeriums verschiedentlich in Frage gestellt worden. Für viele Chinesen ist in diesem Zusammenhang Jiao Guobiao, ein Pekinger Journalistik-Professor, eine der mutigsten Gestalten. Im März 2004 veröffentlichte er im Internet einen Artikel mit dem Titel „Kämpfen Sie gegen das Propagandaministerium der Partei“. Jiao verurteilt das Büro und sein ganzes System als „das Haupthindernis bei der Entwicklung der chinesischen Zivilisation“ und „den Verteidiger des Bösen und Korrupten“. Er listet 14 Krankheiten auf, an denen das Ministerium leidet, darunter den Verrat an den ursprünglichen kommunistischen Idealen und die Aufrechterhaltung einer Mentalität des Kalten Krieges gegenüber den USA. Jiao wurde nicht sofort „diszipliniert“, aber als er wenig später in die USA reiste, teilte die Pekinger Universität mit, er habe seine Stelle freiwillig aufgegeben.

Trotz Entschuldigung bleibt das Verbot in Kraft

Eine zweite Gestalt ist die Schriftstellerin Zhang Yihe. Anfang 2007 erklärte Wu Shulin, ein leitender Ministerialbeamter, dass acht von Zhangs Büchern verboten werden müssten. Darunter war auch ihr Buch über die Lebensgeschichten von acht großen Opernsängern und deren Ruin nach der kommunistischen Machtübernahme 1949. Wu Shulin führte zur Begründung nur an, das Buch sei eben „von dieser Person geschrieben“ worden. Auch Zhangs beide vorherigen Bücher gerieten auf den Index. Diesmal aber konnte sie die Demütigung nicht mehr herunterschlucken und schrieb einen öffentlichen Brief, in dem sie die Aufhebung des Verbots verlangte. In einem Interview erklärte sie, sie werde das Buch mit ihrem Leben verteidigen. Sie bereitete eine Klage gegen das Büro wegen Verletzung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung vor. Natürlich wagte es kein Gericht, sie anzunehmen. Doch der öffentliche Aufruhr verschreckte den Funktionär. Er entschuldigte sich privat und sagte, er habe nur seine Anweisungen befolgt. Nichtsdestoweniger gilt das Verbot weiter.

In gewisser Weise verkörpern beide Vorfälle die gegenwärtige Situation. Die Behörden versuchen nicht länger, Aktionen zu rechtfertigen, die offensichtlich keine legale Grundlage haben und korrigieren dennoch nichts. Warum bestraften die Behörden die Unruhestifter nicht einfach, wie die Partei Zehntausende von Intellektuellen zu verbannen und einzusperren pflegte? Warum verurteilte sie die beiden nicht zum Schweigen? Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ist die KP in ihrem Inneren schwach und zerbrechlich geworden. Ihre Mitglieder glauben nicht mehr an die Ideale des Kommunismus. Man betrachtet die Mitgliedschaft in der Partei zwar als etwas Beschwerliches, aber auch als notwendig, wenn man Karriere machen will. Mit anderen Worten: Die Partei kann sich nicht mehr auf den Glauben an ihre Ideologie berufen, deshalb bringen Anfechtungen die Funktionäre in die Defensive.

Verhindern, dass sich die Intelligenz des Landes mit der rebellischen Masse vermischt

Zum Zweiten gehören sowohl Jiao wie Zhang zur sogenannten „Eliteklasse“. Nach der Tiananmen-Tragödie hat die KP gegenüber den lästigen Intellektuellen eine versöhnliche Haltung eingenommen. Im Großen und Ganzen ist es der Partei gelungen, sich freizukaufen. Es geht den Intellektuellen viel besser als den Leuten der unteren Schichten. Indem sie Jiao und Zhang nicht hart bestrafte, konnte die Partei es vermeiden, die Eliteklasse gegen sich aufzubringen. Solange Chinas Intelligenz sich nicht mit den rebellischen Massen verbündet, lässt sich das Land leichter kontrollieren.

Zum Dritten waren Jiao und Zhang innerhalb wie außerhalb ihres Landes gut vernetzt. Man hätte kurzen Prozess mit Professor Jiao gemacht, wenn sein Text nicht im Internet veröffentlicht worden wäre. Ähnlich hat das Netz Dissidenten wie Liu Xiabo und Yu Jie geschützt. Wenn ein Bürger vom unteren Ende der Gesellschaft einen Protestbrief an die Wand pinnt, hört man womöglich nie wieder ein Wort von ihm – geschweige denn, dass man etwas über sein Schicksal erführe. Die große Mehrheit der Chinesen wird noch immer übergangen, und die Behörden antworten auf die Bedürfnisse der Bauern und Fabrikarbeiter mit brutaler Gewalt.

Im Westen sind chinesische Filme populär, aber die Chinesen selbst können sie manchmal gar nicht sehen. Zhang Yimous „Leben!“, Chen Kaiges „Lebe wohl, meine Konkubine“, ja sogar Ang Lees „Brokeback Mountain“ werden für das breite Publikum als unpassend eingestuft. Nachdem es ökonomisch schierer Selbstmord wäre, zwei verbotene Filme hintereinander zu machen, unterwerfen sich Filmemacher der allgemeinen Linie. Dies ist der Hauptgrund, warum es den meisten chinesischen Filmen an Tiefe und Komplexität mangelt.

Durch das Nadelöhr der Zensurbehörde muss jeder Schriftsteller

Im Herbst 2006 zeigte Lou Ye seinen Film „Summer Palace“ in Cannes, obwohl die Behörden dagegen protestiert hatten, dass er Szenen der Tiananmen-Tragödie enthielt. Als Lou nach China zurückkehrte, wurde er, wie andere Regisseure vor ihm, mit einem fünfjährigen Arbeitsverbot belegt. Nun, da die Olympiade bevorsteht, ist die Regierung entschlossen, alle abweichenden Stimmen zu ersticken. Die Parteikader folgen dem Prinzip, das ihr Lieblingssatz nei jin wai song ausdrückt: „streng im Inneren, aber entspannt nach außen“. Die sanfte Fassade ist reine Augenwischerei.

In der Kontrolle des Verlagswesens sind die Behörden subtiler. Das Propagandaministerium hat eine Abteilung mit dem Namen „Allgemeine Verwaltung von Presse und Verlagen“. Sie ist diejenige Stelle, deren Zustimmung jeder chinesische und ausländische Verleger braucht, um ein Buch oder eine Zeitschrift zu veröffentlichen. Diese Abteilung unterhält in jeder Provinz und in jeder größeren Stadt ein Büro, das der Zentralregierung direkt unterstellt ist. Die Angestellten dort lesen Manuskripte und ordnen an, was zu streichen ist. Diese Stelle ist das Nadelöhr, durch das jeder Schriftsteller muss. Um von vornherein Ärger zu vermeiden, hält die Verwaltungsstelle ein Liste verbotener Themen bereit, so dass alle Verleger die Beschränkungen nachvollziehen und sich in „Selbstdisziplin“ üben können. Die Tabuthemen reichen vom Massaker auf dem Tiananmenplatz, Tibet, Taiwan und der Kulturrevolution bis zum Großen Vorsitzenden Mao und dem Hunger zu Anfang der 60er Jahre.

Alle 30.000 Hefte waren bereits verkauft - die Redakteure mussten Selbstkritik üben

Eines der bekanntesten verbotenen Bücher ist Yan Liankes Erzählung „Dem Volke dienen“ (deutsch bei Ullstein). Ihr Autor war ein Offizier der Volksarmee. Teils wurde es zensiert, weil in der Geschichte zwei Liebende versehentlich eine Maostatue zertrümmern, einige Maoporträts und einen Band mit Maoschriften zerreißen. Die Behörden kritisierten, das Buch „verwirre die Menschen und verbreite westliche Ideen“. In der Tat hatte der Autor sein Werk schon selbst fast um die Hälfte gekürzt, bevor ihm die Redakteure der Zeitschrift „Blumenstadt“ nochmals ein Fünftel des Textes strichen. Sobald die Erzählung erschienen war, ordnete das Propagandaministerium an, alle 30 000 Hefte zurückzuziehen. Doch sie waren bereits verkauft. Also mussten sich die Redakteure einer Selbstkritik unterziehen. Nur Yan war zufrieden. Er hatte die Armee verlassen, sie konnte ihn nicht mehr bestrafen.

Überhaupt neigt man dazu, Redakteure strenger zu bestrafen als Autoren, aber auch sie weniger als früher. Wenn das Propagandaministerium beschließt, ein Buch zu verbieten, ordnet es schlicht an, den Vertrieb zu stoppen und die Druckplatten zu vernichten.

Ein Sprichwort sagt: „Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht.“ Viele Schriftsteller gehören zur Schriftstellergewerkschaft, die in jeder Provinz und größeren Stadt eine Zweigstelle unterhält. Manche beziehen ein direktes Gehalt von der Gewerkschaft, die Mehrheit aber hat Jobs in staatlichen Kultur- und Bildungseinrichtungen. Diese Abhängigkeit hat die Neigung zur Selbstzensur verstärkt. Schlimmer noch, Chinas literarischer Apparat schließt automatisch jene Autoren aus, die entschlossen sind, außerhalb zu existieren. Immer wieder einmal stimmen junge Schriftsteller ein großes Geschrei gegen die Gewerkschaft an, aber die Wahrheit ist, dass die meisten von ihnen begierig sind, ihr beizutreten.

Kritische Schriften, die im Ausland erscheinen, machen die Funktionäre nervös

Neben den staatseigenen Verlagen sind in den letzten Jahren private Unternehmen in Erscheinung getreten. Man nennt sie den „zweiten Kanal“. Manche von ihnen betreiben Buchpiraterie. Um ein Buch legal zu veröffentlichen, ist ein Verleger des „zweiten Kanals“ darauf angewiesen, eine ISBN zu erhalten, aber die „Allgemeine Verwaltung“ macht es ihnen schwer. So kaufen private Verleger den staatlichen manchmal überzählige ISBNs ab. Zur Zeit scheint der „zweite Kanal“ auszutrocknen. Die Verleger werden eingeschüchtert, und nur wenige verlegen politisch heikle Bücher.

Im Sommer 2004 setzte sich der Schriftsteller Yuan Hongbing mit vier Romanmanuskripten nach Australien ab. Nachdem sie im Ausland erschienen waren, wurden einige Spitzenfunktionäre nervös. Luo Gan, der Direktor des Politik- und Gesetzkomitees der KP, ging so weit anzuweisen, jeden mit dem Tod zu bestrafen, der es wagen würde, die Bücher in China heimlich zu veröffentlichen. Und Li Changchun, der Chefideologe des Politbüros, erklärte: „Die Allgemeine Presse- und Verlagsverwaltung, die Grenzpolizei und Zollbehörden müssen eng zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Yuan Hongbings Romane ins Festland geschmuggelt werden. Wir müssen über dieses Phänomen nachdenken: Viele Jahre hat unsere Partei das Gros ihrer Arbeitskraft darauf verwendet, Schriftsteller heranzuziehen, aber die unseren haben kein Werk hervorgebracht, das Yuan Hongbings Prosa übertrumpfen kann.“ Unabhängig davon, ob Li solch ein literarisches Urteil fällen konnte, konfrontierte er die Partei mit einer ernsthaften Frage. Die Antwort ist klar: Das System unnachgiebiger Zensur hat die Künstler sterilisiert. Einige von ihnen sind Zyniker geworden, manche sind bereit, jedes Risiko auf sich zu nehmen. Viele suchen Zuflucht beim Verfassen von Historienschinken. Deshalb basieren auch so viele Filme auf Legenden und beschäftigen sich mit alten Kaisern.

Hu Jintaos Eingeständnis: Ohne Demokratie keine Modernisierung

Bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten im Jahr 2006 sagte Präsident Hu Jintao: „Wir glauben seit jeher, dass es ohne Demokratie keine Modernisierung gibt.“ Dieses Eingeständnis nimmt den Aufruf des Dissidenten Wei Jingsheng nach einem fünften Modernisierungs- und Demokratisierungsschritt auf, nachdem Deng Xiaoping vier Modernisierungsschritte gefordert hatte. Wei wurde dafür 15 Jahre lang eingesperrt. Wenn die KP Demokratie ehrlich befürwortet, wie Hu beteuert, müsste sie Schritte einleiten, die Macht des Propagandaministeriums zu verringern und es schließlich aufzulösen. Sonst bleibt jedes Wort von Demokratie Gerede.

Die Bildungskrise ist seit Jahren ein heißes Eisen in China. Warum schneiden Studenten im Examen so gut ab und so schlecht im analytischen Denken? Warum sind so viele chinesische Hochschulabgänger weniger kreativ als die Abgänger im Westen? Neben der Kommerzialisierung des Bildungswesens hat das Fehlen einer freien, toleranten Umgebung das intellektuelle Wachstum von Schülern und Lehrern verkrüppelt. Es wird oft gefragt, wie viele große originelle Denker und Künstler das moderne China der Welt gegeben und wie viele Produkte es von sich aus hergestellt hat. Sehr wenige, wenn man bedenkt, dass dieses Land 1,3 Milliarden Bewohner hat. Es stimmt zwar, dass China reicher ist als je zuvor, aber sein Reichtum beruht darauf, ausländische Produkte nachzumachen. Solch ein Reichtum ist vergänglich. Ohne eigene kulturelle und materielle Güter kann kein Land reich und stark bleiben. Mit anderen Worten: Der wahre Reichtum eines Landes liegt im Talent seiner Menschen. Der beste Weg, es wachsen und gedeihen zu lassen, besteht darin, das Joch der Zensur abzuschütteln.

Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Dotzauer

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