China : Ein Beben in der Psyche

Blendende Städte, blutende Dörfer: Der Schriftsteller Li Er hält Chinas Modernisierungssprung für ein prekäres Projekt. Er sagt: Wenn China weiter so wächst, wird es implodieren.

Jens Mühling
China
Platz der himmlischen Spiele. Das Nationalstadion in Peking. -Foto: dpa

Der Treffpunkt: ein Teehaus am Rande des Yuanmingyuan-Parks. Ausgerechnet. Auf dem ruinenübersäten Mahnmalgelände im Norden Pekings stand einst die Sommerresidenz des chinesischen Kaisers, die 1860 von europäischen Truppen in Schutt und Asche gelegt wurde. Wenn heute ein Pekinger Schriftsteller einen westlichen Journalisten an diesen Erinnerungsort chinesischer Demütigungen bestellt – darf man da eine Art postkolonialen Seitenhieb vermuten?

„Nein“, sagt Li Er lachend. „Ich wohne in der Nähe, das Teehaus ist eins der besten in Peking.“ Im übrigen, fügt er hinzu, sei ein Großteil des Zerstörungswerks am Sommerpalast von chinesischen Plünderern verübt worden: Die Regierung habe sich nach dem Abzug der Europäer wenig Mühe gegeben, die Palastruine zu schützen. Eine Deutung, die im heutigen China Widerspruch provozieren würde. Li Er nickt. „Es gibt zwei Dinge, die mir wichtig sind“, sagt er. „Wahrheit und Zweifel.“

Beide Leitmotive bezieht der 42-Jährige sonst eher auf Chinas Gegenwart als auf die Landesgeschichte – was ihn abhebt von den vielen zeitgenössischen Autoren, deren Wirken vorrangig um die Schreckensära der Kulturrevolution kreist. Li Er interessiert sich, als Schriftsteller wie als politischer Kommentator, mehr für die Erschütterungen der Jetzt-Zeit: Im Gespräch über den zerstörten Sommerpalast leitet er bald zur Erdbebenkatastrophe von Sichuan über. „Dieses Beben“, sagt er, „hat nicht nur eine Region erschüttert, sondern das gesamte Projekt der chinesischen Modernisierung.“

Erst durch die Verheerungen in der Provinz sei vielen in China anschaulich geworden, wie sehr die ländlichen Regionen dem Entwicklungsvorsprung der Metropolen hinterherhinken. „Alle Errungenschaften der Öffnungspolitik sind den Städten zugute gekommen“, sagt Li Er, der aus einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Henan stammt. „Wenn Ausländer zum ersten Mal die Provinz sehen, staunen sie oft, wie modern dort alles aussieht. Auch in Sichuan gab es viele Neubauten, aber oft sind das nur Anhäufungen von Backsteinen ohne Stütze und Kern, die bei der geringsten Belastung kollabieren. China fehlt das Fundament.“

Bei seinem letzten Besuch in England, fügt Li Er hinzu, habe er fast lachen müssen über die allgegenwärtige Angst, China könne zu einer Bedrohung für die amerikanisch-europäische Vormachtstellung in der Welt werden. „Ich habe meinen britischen Schriftstellerkollegen gesagt: Macht euch keine Sorgen. Wenn China weiter so kopflos wächst wie jetzt, wird es implodieren, bevor es groß wird.“

Mit seiner Kritik an der regionalen wie sozialen Ungleichverteilung der chinesischen Modernisierungserträge steht Li Er keineswegs alleine: Eine sogenannte „Neue Linke“, die sich aus intellektuellen Zirkeln, aber auch aus Parteikreisen rekrutiert, warnt seit geraumer Zeit vor gesellschaftlichen Spannungen, die Chinas Aufstieg ein jähes Ende setzen könnten. Bezeichnend ist, dass diese Elitendebatte oft verstummt, sobald ihre Inhalte vom konkreten Tagesgeschehen berührt sind: Während derzeit im staatlichen Fernsehen rund um die Uhr über Rettungs- und Wiederaufbaumaßnahmen in Sichuan berichtet wird, bleiben die Entwicklungsdefizite der Erdbebenregion, die am Ausmaß der Katastrophe unleugbaren Anteil hatten, weitgehend unerwähnt.

Nur wenige Zeitungen wagten sich nach dem Beben an eine Aufarbeitung der Korruptionspraktiken, die für Baumängel und damit den Tod von Erdbebenopfern verantwortlich sind. Eine dieser Reportagen verschickte Li Er in seinem Freundeskreis. „Die überwiegende Reaktion war Empörung – über den Journalisten. Meine Freunde, Intellektuelle und Künstler, fragten mich entgeistert, wie man unmittelbar nach einem derartigen Unglück so etwas schreiben könne: Das vergifte doch nur die Herzen und zerstöre das Vertrauen in die Hilfsarbeit der Regierung.“

Li Er hält diese Angst vor der Wahrheit nicht einmal für regierungsdiktiert, sondern für einen Teil der chinesischen Psyche. „Das Problem ist nicht die Zensur, sondern die Unfreiheit in unseren Herzen.“ Auch Lis eigene Romane, die offen die Rückständigkeit der Provinzen thematisieren, unterliegen in China keinem Veröffentlichungsverbot. Sein Debüt „Koloratur“ wurde 2004 sogar mit dem „Großen Medienpreis für chinesischsprachige Literatur“ ausgezeichnet.

In deutscher Übersetzung ist im vergangenen Herbst Lis zweiter Roman „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“ erschienen, der in China derzeit verfilmt wird. Das Buch spielt in einem fiktiven Dorf in der chinesischen Provinz: Kommunalwahlen stehen an, und die amtierende Dorfvorsteherin Kong Fanhua will unter allen Umständen wiedergewählt werden. In die Quere kommt ihrem Ehrgeiz die illegitime Schwangerschaft einer jungen Bäuerin, die bereits zwei Töchter in die Welt gesetzt und damit ihr familienpolitisches Plansoll ausgereizt hat. Aus Angst vor einer Parteirüge setzt Kong Fanhua alles daran, dem ungeborenen Kind den Garaus zu machen.

„Ein altes Sprichwort besagte, dass Himmel und Erde nicht so groß sein können wie die Probleme, die der Bauch bereitet“, lässt Li Er die Dorfvorsteherin reflektieren. „Guanzhuang hatte 1245 Einwohner, von den 143 Frauen im gebärfähigen Alter hatten sich 78 sterilisieren lassen und konnten somit abgezogen werden, ebenso wie vier weitere, die keine Kinder zur Welt bringen konnten. Demnach gab es 61 Bäuche, die jederzeit anschwellen konnten. Jederzeit. Nur 37 von ihnen war es von Gesetzes wegen erlaubt, anzuschwellen. Nach deren Abzug blieben also noch 24 ungesicherte. Diese 24 Bäuche waren wie 24 Lunten am Pulverfass.“

Li Er entwickelt aus dieser explosiven Grundkonstellation ein groteskes Ringen zwischen Staat und Individuum, das bei aller Komik politisches Unbehagen formuliert – am körperlichen wie geistigen Zugriff des Staates, aber auch an machtpolitischen Verwerfungen, die erst durch Chinas demokratische Reformansätze in Gang gesetzt wurden. So können seit einigen Jahren Landbewohner im Gegensatz zu Städtern ihre politischen Vertreter auf Kommunalebene direkt wählen. Auch in den Städten werde diese Entwicklung kommen, sagt Li Er, der seine Darstellung eines von Intrigen und Populismus geprägten Wahlkampfs auch als Ausblick auf die künftige chinesischen Gesellschaft versteht. „In den Städten basiert das Leben der Menschen nicht mehr auf persönlichem Umgang, wie es in der chinesischen Provinz noch der Fall ist. Deshalb werden die Metropolen sehr viel schärfere politische Machtkämpfe erleben, ausgetragen von äußerst heterogenen Gruppierungen.“

Natürlich wüssten viele chinesische Intellektuelle um diese Gefahren, sagt Li Er, der der geistigen Elite seines Landes ein Dilemma unterstellt: „Sie wollen Demokratie, aber sie fürchten das Chaos.“ Diese Unfähigkeit zur Positionierung sei auch der Grund, warum ernstzunehmende Schriftsteller in China sich so selten mit der Gegenwart auseinandersetzen. Hinzu kommt der Einschnitt der Kulturrevolution: Nach der totalen Diskreditierung chinesischer Kunsttraditionen in der Mao-Ära ringt die Gegenwartsliteratur noch immer um eine Sprache. „Die chinesische Klassik war als bürgerlich verschrien, man konnte nicht an sie anknüpfen“, sagt Li Er. „Die meisten zeitgenössischen Schriftsteller haben deshalb ihr Handwerk aus westlichen Romanen gelernt. Erst seit ein paar Jahren versuchen manche den Brückenschlag zur chinesischen Tradition.“

Auch er habe lange überwiegend europäische und amerikanische Romane gelesen. Über Nabokov kommt Li Er auf Dürrenmatt, von dessen Herrscherporträt „Romulus der Große“ schweift er zu Michail Gorbatschow ab. Mit einer Frage endet der Gedankenflug: „Wo ist der chinesische Gorbatschow?“ Auch in China sei ein demokratischer Reformprozess unausweichlich. Doch er werde schmerzhafter verlaufen als in Russland. „Das Land ist zu groß, zu heterogen.“

Beim Verlassen des Teehauses fällt Li Ers Blick auf die Yuanmingyuan-Ruinen. Lu Xun fällt ihm ein, der Begründer der chinesischen Moderne, der in seiner „Wahren Geschichte des A Q“ einst das chinesische Talent karikierte, sich im Angesicht tiefster Demütigungen noch als Sieger zu fühlen. Es gebe da ein Sprichwort, sagt Li Er: In einem unglücklichen Land sind die Schriftsteller glücklich. Er will dem nicht zustimmen, aber immerhin sei Lu Xun, der letzte große Schriftsteller des Landes, aus den Umwälzungen der vergangenen Jahrhundertwende hervorgegangen. „Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass Ähnliches heute wieder geschieht.“

Li Er: Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt. Aus dem Chinesischen: Thekla Chabbi. dtv, München 2007, 380 S., 15 €.

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