CHINA Kracher (1) : Hab acht vor der Sieben!

Noch 32 Tage bis Olympia. Müh-Ling trainiert heute: Zählen

Noch 32 Tage bis Olympia. Müh-Ling

Zahlen werden in China mit arabischen Ziffern notiert, genau wie bei uns. Für das sinnsuchende Westler-Auge hat das erst mal etwas Beruhigendes: In fremden Zeichenfluten wird die Zahl zum Heimathafen.

Damit hören die Ähnlichkeiten aber schon auf. Die Unterschiede beginnen mit simplen Dingen wie der Auswahl einer Handy-Nummer. Eindringlich warnten meine chinesischen Freunde, ich solle Vieren und Siebenen unbedingt meiden! Beides verheiße Unglück: Das chinesische Wort für Vier (si, fallend betont) sei dem Wort für „Tod“ zu ähnlich (si, fluktuierend betont), während die Sieben (hohes qi) nach „Wut“ klinge (fallendes qi).

Schüchtern wandte ich ein, mein Problem sei eher, dass ich die Wörter für Vier und Sieben kaum von den Wörtern für Achtzehn, Kernschmelze und Zahnersatz unterscheiden könne. Brüsk wurde mir Leichtfertigkeit vorgeworfen: „Ich hatte mal ein ganzes Jahr lang Pech wegen einer schlechten Handy-Nummer“, versicherte einer. Von dem Übel befreit habe ihn erst sein Vater, ein kundiger Sinologe, der die Unglücksnummer mit Hilfe des „Yijing“ entlarvte, eines altchinesischen Orakelbuchs. Mir wurde versichert, dass ich diese fortgeschrittene Methodik nicht zwingend erlernen müsse – aber zugreifen sollte ich unbedingt bei Sechsen (fallendes liu), die „Reibungslosigkeit“ versprechen (fallendes shun), sowie bei der chinesischen Glückszahl schlechthin: der Acht (hohes ba), die „Reichtum“ verheißt (hohes fa). Für eine Nummer mit mehreren Achten zahlen Chinesen gerne ein paar Hundert Euro.

Mir dämmerte, warum die große Olympia-Uhr am Platz des Himmlischen Friedens unaufhaltsam auf das Datum 8.8.2008, 08:08:08 Uhr zutickt. Für chinesische Ohren muss der Eröffnungstermin der Olympischen Spiele ähnlich euphorisierend klingen wie für Deutsche die Formel „Sechs Richtige plus Zusatzzahl“.

Damit im Telefonladen nur ja nichts schiefginge, brachten meine Freunde mir noch bei, wie man mit den Händen zählt – wobei nicht die Anzahl der Finger ausschlaggebend ist, sondern die Nachahmung der Schriftzeichen. Die Glücks Acht sieht aus wie eine europäische Zwei: abgespreizter Daumen und Zeigefinger. Die reibungslose Sechs entspricht der Gebärde, mit der man im Westen ein Telefongespräch symbolisiert, während bei der Todes-Vier alle Finger außer dem Daumen hochgehalten werden. Die ziemlich komplizierte Wut-Sieben schließlich ähnelt ein wenig der Fingerhaltung, mit der man beim Schattenspiel einen Vogel Strauß an die Wand projiziert.

In der „China Mobile“-Filiale legte mir eine schnippische Verkäuferin diverse Nummern zur Auswahl vor, in denen es vor Vieren und Siebenen nur so wimmelte, während Achten gänzlich fehlten und Sechsen rar gesät waren. Ich wollte meiner Verärgerung Ausdruck verleihen, konnte mich jedoch nicht mehr an das chinesische Wort für „Wut“ erinnern, auch die ähnlich klingende „Sieben“ war mir entfallen. Also zeigte ich der Verkäuferin die Vogel-Strauß-Gebärde. Dies wurde komischerweise missverstanden: Ich erhielt eine Handy-Nummer mit besonders vielen Siebenen. Wochenlang kicherten meine Freunde, sobald ich sie anrief.

Aus Protest gegen die Herabwürdigung eines deutschen Pressevertreters durch einen chinesischen Staatskonzern wurde als Eröffnungstermin für diese Kolumne, die bis zum 8. 8. regelmäßig auf den Kulturseiten erscheint, der 7. 7. gewählt!

Unsere „Aufschlag“-Kolumnisten Rainer Moritz und Moritz Rinke machen Sommerpause. Wenn die Tage kühler werden, sind sie wieder zurück, jeden Montag an dieser Stelle.

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