CHINA Kracher (4) : Runter damit!

Noch 22 Tage bis Olympia. Müh-Ling trainiert heute: seinen Magen.

Müh-Ling

Diesmal würde es kein Zurück geben. Lange hatten meine chinesischen Freunde über der Speisekarte gebrütet, und ihre prüfenden Seitenblicke waren mir nicht entgangen. Schicksalsergeben starrte ich den Kessel in der Mitte des Restauranttischs an, in dem bereits der Höllensud der Provinz Sichuan brodelte.

Wie oft hatte ich dankend abgelehnt, wenn mir Chinas kulinarischer Reichtum demonstriert werden sollte, wie oft hatte ich abgewunken, wenn Hundeherzen und Gänseköpfe gepriesen wurden? Aber heute würde ich nicht kneifen, was immer auf den Tisch käme. Es war dies zunächst eine Platte grob gehackter Ochsenfrösche, die der Kellner umstandslos in den brodelnden Kessel leerte. Neugierige Blicke maßen mich, als ich die Stäbchen in den Sud tunkte und eine glitschige Froschhälfte an Land zog. Während ich den langgliedrigen Fremdkörper prüfend mit der Zunge betastete, bemühte ich mich, mir keinerlei Irritation anmerken zu lassen. Knackend gab eine Ochsenfroschwirbelsäule dem ungeschickten Druck meiner Backenzähne nach. Lächelnd lobte ich Konsistenz und Würze des Gerichts.

Derweil hatte der Kellner eine Schüssel undefinierbarer Fleischfetzen in den Kessel geleert. Ich verstand „DachsKinn“, als ich betont beiläufig nach der Art der Speise fragte. „Dog skin?“, hakte ich nach. „Duck skin“, präzisierten meine Freunde. Entenhaut. Es gibt Schlimmeres. Den nächsten Menüpunkt zum Beispiel: eine flache Schale, gefüllt mit einer dunkelroten Masse, die beim Zerschneiden widerlich wabbelte. Zum Glück hat gestocktes Schweineblut wenig Eigengeschmack. Auch im weiteren Verlauf des Mahls – bei dem ich nur noch Schafsmagen und Hühnerhirn eindeutig zuordnen konnte – stellte ich Gleichmut unter Beweis, und fast schon wollte ich glauben, dass meinen Freunden die Ideen ausgingen. Just in diesem Moment aber trug der Kellner eine Platte heran, deren Geheimnis unter einer voluminösen Servierhaube verborgen war. Als sie gelüftet wurde, stockte mir der Atem. „Ist es das, wofür ich es halte?“, fragte ich kühl. Vor meinen Augen lag ein immenser Rinderpenis.

Der Kellner schickte sich an, das Gemächt in mundgerechte Scheiben zu zersäbeln. Ein beißender Stellvertreterschmerz trieb mir den Schweiß auf die Stirn, deutlich spürte ich, dass hier eine Schwelle erreicht war, deren Überschreitung mir nicht möglich sein würde. Fieberhaft suchte ich nach Ausflüchten: Könnte ich behaupten, meine Religion verbiete den Verzehr von Genitalien? Aber was für eine Religion sollte das sein? Freudianisch-Orthodox? Genital-Pietistisch? Ödipal-Klerikal?

Unterdessen erzählte einer meiner Tischnachbarn, er habe früher in einem kleinen Restaurant in der Provinz gearbeitet, in dem die örtlichen Parteikader zu besonderen Anlässen gerne Rinderpenisse verzehrt hätten. Da diese Köstlichkeit nur auf Vorbestellung zubereitet wurde, hätten im Kühlschrank mitunter diverse Gemächte nebeneinander gelagert, versehen mit Zetteln, auf denen der Name des jeweiligen Bestellers vermerkt war: „Parteisekretär Wu“, „Ortsvorsteher Li“ und so weiter. Daraufhin überwältigte mich ein epochaler Schluckauf.

Dies wiederum beängstigte meine Freunde so sehr, dass sie mir das Weiteressen untersagten. Ich bin überzeugt, dass meine Enttäuschung glaubwürdig wirkte.

Bisher trainierte Müh-Ling: Zählen (7. 7.), Maoismus (12. 7.), Entschuldigungen (14. 7.). Als nächstes: Propaganda

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