CHINA Kracher (8) : Ein Sakko für Rice

Noch vier Tage bis Olympia. Müh-Ling trainiert heute: Maß halten

Müh-Ling

Der Tagesspiegel kann enthüllen, dass US-Außenministerin Condoleezza Rice bei einem Peking-Besuch im Jahr 2002 die Dienste eines chinesischen Niedriglohnschneiders in Anspruch genommen hat. Dies belegt eine Fotografie, die im Textilkaufhaus „Yashow Market“ im Pekinger Bezirk Chaoyang ausfindig gemacht wurde. Das brisante Dokument zeigt Frau Rice beim Maßnehmen für ein Business-Kostüm. Der Schneider, Herr Sunny Li, beteuert die Authentizität der Aufnahme. Eine Verwechslung kann nach Begutachtung durch einen Tagesspiegel-Reporter ausgeschlossen werden.

Wie viel Frau Rice für ihre dunkelblaue, konservativ geschnittene Kombination aus Rock und Blazer bezahlt hat, will Li aus Rücksicht auf seine prominente Kundin nicht verraten. Einfache Maßkostüme für Damen fertigt der Schneider jedoch bereits für 500 Yuan an, umgerechnet etwa 50 Euro, Materialkosten inklusive. Ob Frau Rice, wie in China üblich, um den Preis gefeilscht hat, will Li ebenfalls für sich behalten.

Amerikas Außenministerin hat die chinesische Staatsführung in der Vergangenheit wiederholt zu „mehr Fairness“ in den Handelsbeziehungen mit den USA ermahnt. Rice macht China für das massive amerikanische Handelsdefizit verantwortlich, Rice wirft China intellektuellen Diebstahl vor, Rice beklagt die verzerrte Bewertung des Yuan, Rice kritisiert den beschränkten Zugang von US-Unternehmen zu Chinas Märkten, Rice verurteilt die Überschwemmung Amerikas mit chinesischen Billigprodukten. Und lässt sich in Peking klammheimlich schicke Discount-Mode schneidern.

Für ein Maßkostüm vergleichbarer Qualität hätte die Politikerin zu Hause mindestens das Zehnfache ausgeben müssen. Man könnte jetzt sagen: Frau Rice schuldet der amerikanischen Volkswirtschaft 5000 Yuan. Aber so simpel ist das ja selten mit den globalen Wirtschaftszusammenhängen.

In dem Moment, als Frau Rice in Peking ihr neues Kostüm in Empfang nahm, meldete in Washington wahrscheinlich gerade der letzte Damenschneider Konkurs an. Dies wiederum inspirierte einen amerikanischen Journalisten zu einem aufwühlenden Artikel über den Niedergang der US-Textilindustrie, der die Börsenkurse der globalen Baumwollwirtschaft durcheinanderwirbelte, was nicht eben zum Arbeitsklima in der ohnehin angeschlagenen Finanzindustrie beitrug und Massenentlassungen von Wertpapierhändlern nach sich zog, die sich in der Folge gezwungen sahen, ihre Rentenfonds aufzulösen, was wiederum den Einbruch des US-Immobilienmarkts beschleunigte und im Zusammenspiel mit der Verteuerung europäischer Exporte infolge der Abschwächung des Dollars gegenüber dem Euro eine dermaßen dicke Delle in der Weltkonjunktur hinterließ, dass ... nun ja, Sie verstehen schon.

Fest steht: Die andauernde Schwächeperiode der globalen Wirtschaft begann nachweislich 2002 – zeitgleich also mit Rice’ chinesischem Einkaufsbummel!

„Wehe! Ewig undurchsichtig / Sind die ewigen Gesetze / Der menschlichen Wirtschaft!“, formulierte einst Brecht. Man könnte es auch mit folgendem ökonomischen Merksatz ausdrücken: Wirtschaftskrisen beginnen in aller Regel damit, dass in China ein Sack Reis umfällt oder ein Sakko für Rice abfällt.

Müh-Ling trainierte bisher: Zählen (7. 7.), Maoismus (12. 7.), Entschuldigen (14. 7.), seinen Magen (16. 7.), Propaganda (21. 7.), Radfahren (28. 7.) und Chinglish (31. 7.).

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