Kultur : China und wir

Auftakt einer Berliner Reihe in der UdK.

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Als der Jesuit und Maler Giuseppe Castiglione im 18. Jahrhundert den chinesischen Kaiser missionieren sollte, unterzog ihn dieser ungewöhnlicher Prüfungen. Der Italiener musste im Kopfstand zeichnen oder alle Jesuiten Pekings porträtieren. Die Zeichnungen ließ der Kaiser an die Polizeistationen der Stadt verteilen, damit die Patres nicht unbemerkt verschwinden können. Guiseppe Castiglione aber durfte am Kaiserhof bleiben und wandelte sich nach und nach zu einem chinesischen Maler. „Er verlor seinen Glauben und seine europäische Zentralperspektive und gewann viele Perspektiven“, sagt Tilman Spengler. Das ist auch der Grund, warum der Sinologe und Publizist am Mittwochabend diese Geschichte erzählt hat.

Die Universität der Künste (UdK) hat mit einer Podiumsdiskussion ihre auf 14 Monate angelegte Veranstaltungsreihe „Das Bild hinter dem Bild – zur Lage der Kunst in China“ eröffnet. „Dieses Sprachbild bezieht sich auf unterschiedliche Perspektiven und andere Wahrnehmungsformen“, erklärte Martin Rennert. Der Präsident der UdK will seinen Studierenden und Kunstinteressierten die chinesische Sicht auf die Kunst näherbringen. Ziel der Reihe, die gemeinsam mit dem Haus der Kulturen der Welt organisiert wird, sei es, „den eurozentristischen Blick auf den Fernen Osten zu relativieren“, sagt Martin Renner. Die Auftaktveranstaltung verlor sich allerdings in einer Vielzahl unzusammenhängender Perspektiven.

Dabei hatte der Titel „Politisch und poetisch – zum Spannungsverhältnis von Gegenwartskunst und Gesellschaft in China“ eine kontroversere Diskussion versprochen. Doch das Thema geriet trotz der Anwesenheit des eloquenten Sinologen Tilman Spengler immer wieder aus dem Blick der Moderatoren. Davide Quadrio, Kurator zeitgenössischer Kunst in Schanghai, bezeichnete seine Arbeit in China als „Grauzone, in der die Action stattfindet“. Und der chinesische Professor Qiu Zhijie beschrieb den Einfluss der zeitgenössischen Kunst auf die Mehrheit der Chinesen eindrücklich. „Einsteins Relativitätstheorie haben auch nur wenige verstanden, aber als sie zur Atombombe wurde, war ihr Einfluss sehr groß“, sagte er.

Noch ein meinungsstarker Disputant wie Ai Weiwei hätte der Diskussion gutgetan. Die UdK hält ihm weiter eine Gastprofessur offen, doch der chinesische Künstler und Dissident erhält von den Behörden keinen Reisepass.

„Sobald er kommt, ist die Professur da“, sagt Martin Rennert. Weil Ai Weiwei zurzeit allerdings das Spannungsverhältnis von Gegenwartskunst und Gesellschaft in China geradezu personifiziert, sieht es mit einer baldigen Aufnahme der Gastprofessor in Berlin überhaupt nicht gut aus. Benedikt Voigt

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